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„Kein zweiter Hessenpark“ : Umstrittene Frankfurter Altstadt wächst

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So wie es früher einmal war: Der Aufbau der Frankfurter Altstadt hat begonnen. Neben 20 Neubauten soll es 15 Rekonstruktionen geben. Bild: dpa

„Es ist eine von 4000 Baustellen in Frankfurt, aber eine ganz Besondere“, sagt Bürgermeister Cunitz. Der Grüne meint die Rekonstruktion der Altstadt. Doch das Projekt ist umstrittenen.

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          Auf dem Hühnermarkt am Stoltze-Brunnen können Frankfurter und Touristen in wenigen Jahren ihren Kaffee mit Blick auf den Dom und das Stadthaus trinken. Gleich daneben öffnet sich der Blick auf den historischen Krönungsweg vom Römer zum Dom. Die Baustelle des umstrittenen Altstadt-Projekts im Herzen Frankfurts vermittelt allmählich den ersten Eindruck von dem künftigen Gebäudemix aus Rekonstruktion und Neubauten, das bis 2017 fertig sein soll.

          Bei mehr als der Hälfte der 35 Häuser, die auf dem fußballfeldgroßen Areal entstehen, ist der Rohbau in vollem Gange. „Alle Häuser können nicht gleichzeitig gebaut werden. Das geht wegen der Fläche nicht“, sagt Projektleiter Matthias Leißner. „Sie sollen aber gemeinsam fertig werden.“ Die 20 Neubauten gehen schneller als die 15 Rekonstruktionen. Am längsten werde die Rekonstruktion der „Goldenen Waage“ dauern, einem prunkvollen Renaissance-Gebäude.

          20 Architekten arbeiten an 35 Häusern

          Der Geschäftsführer der Dom Römer GmbH, Michael Guntersdorf, die das Projekt für die Stadt managt, spricht bei der Altstadt von „einem Stück Stadtreparatur, das an die Bürgerstadt Frankfurt erinnert“. Das Projekt sei extrem komplex, schon wegen der U-Bahn und der Tiefgarage, die einbezogen werden mussten. „Etwas bauen, was aus historischen Wurzeln ist, aber heutigen Anforderungen rechtlich, sachlich, technisch entspricht, eigentlich die Quadratur des Kreises.“ Das Projekt werde gerade in seiner Kleinteiligkeit etwas Besonderes in Deutschland sein. 20 Architekten arbeiten an den 35 Häusern - zur Sicherheit gibt es einen koordinierenden Projektarchitekten.

          „Hier entsteht kein zweiter Hessenpark“, davon ist Olaf Cunitz überzeugt.
          „Hier entsteht kein zweiter Hessenpark“, davon ist Olaf Cunitz überzeugt. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Der Leitende Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, Peter Cachola Schmal, hält das Altstadtprojekt dagegen für einen „großen Fehler“. „Lächerlich wird es aber nicht“, sagte er der dpa. Das Projekt werde ernsthaft betrieben und die Bauten seien durchaus zeitgenössische Architektur: „Später wird man sagen, die restaurative Grundhaltung, die ein vergangenes Gefühl wieder erzeugen möchte, ist typisch für unsere Zeit.“

          Cunitz schrieb Magisterarbeit über Altstadt

          Schmal nennt drei Kritikpunkte: Die Bevölkerung subventioniere das knapp 170 Millionen Euro teure Projekt mit ihrem Steuergeld. Die Stadt trägt etwa 100 Millionen Euro. Und: Die Qualität des Wohnens in den Altstadthäusern sei zweifelhaft. „Vor allem, wenn es gar kein historischer Bau ist.“ Anders als in Dresden werde eine enge mittelalterliche Situation und nicht eine großzügigere klassizistische aufgebaut, gibt Schmal zu Bedenken. Die Grundstücke seien nur 40 bis 90 Quadratmeter groß und wenig belichtet. „Sie haben keinen Aufzug und keinen Keller.“

          Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz (Grüne), der als Historiker in den 1980er Jahren seine Magisterarbeit über die Frankfurter Altstadt schrieb, ist dagegen „sehr zufrieden“. Konstruktion und Rekonstruktion von Geschichte gebe es solange wie den Hochbau, hält er Kritikern entgegen. Als Beispiele nennt er die wiederaufgebaute Paulskirche, das Goethe-Haus, die Römerberg-Ostzeile und die Staufenmauer. „Hier entsteht kein zweiter Hessenpark“, betont Cunitz. „Wir ahmen nichts nach, sondern lassen vom Wesen her etwas wieder entstehen, machen es wieder erfahrbar und begreifbar.“ Es entstehe ein Teil von Stadtidentität als lebendiges Quartier wieder.

          Historische Überreste verbaut

          Rund 200 Menschen sollen einmal in dem Viertel wohnen; die 54 Wohnungen in den Neubauten sind längst verkauft, für 5000 bis 7200 Euro pro Quadratmeter. Mit dem Verkauf der Flächen für Gewerbe und Gastronomie werde voraussichtlich im Mai, Juni begonnen. Das Stadthaus soll im Juli eröffnet werden, ein Teil der Sandsteinfassade - direkt neben dem Dom - ist schon sichtbar. Es ist nach den bisherigen Plänen als Versammlungsort geplant und soll in den Händen der Stadt bleiben. Eine Pergola soll auf etwa 50 Metern den historischen Krönungsweg markieren und zugleich die Rampe zur Kunsthalle Schirn abgrenzen. Welcher von drei Entwürfen sich durchsetzt, ist noch offen, wie Cunitz sagt.

          Der erste von rund 60 historischen Überresten soll bald in eines der Häuser eingebaut werden. Diese sogenannten Spoilen sind sehr unterschiedlich, manche fast ein ganzes Erdgeschoss groß. Eine der Kleinsten ist eine Groteskenmaske aus dem Barock, sie bildet irgendwann den Bogenschlussstein über einem der Fenster von „Markt 12“.

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