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Umjubelte „Traviata“ in Mainz : Neu ausgeleuchtet

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Schwungvoll: Vida Mikneviciute als Violetta, Thorsten Büttner als Alfredo in „La Traviata“ in Mainz Bild: Martina Pipprich

„La Traviata“ einmal anders: Auf einer zweigeteilten Bühne verschränken sich die Zeitebenen. Die Ausstattung ist auf das Nötigste beschränkt. Zu sehen in Mainz, wo es zur Premiere viel Beifall gab.

          Ungeachtet des flauen Premierenerfolgs, 1853 in Venedig, hat Verdis Oper „La Traviata“ bis heute einen festen Platz im Repertoire der Opernhäuser. Natürlich fehlte es auch nicht an Versuchen, die Handlung in die Neuzeit zu verlagern, in Frankfurt spielte sie einst im Zweiten Weltkrieg. Einen anderen Ansatz wählte nun Regisseurin Vera Nemirova für ihre „Traviata“ am Staatstheater Mainz. Auf einer im ersten und dritten Akt zweigeteilten Bühne verschränken sich die Zeitebenen. Auf der Vorderbühne agiert fast ausschließlich die Titelheldin, die den Beginn ihrer Liebe wie im Zeitraffer erlebt: Die unerwartete Umarmung mit Alfredo am Ende ihrer Arie „E strano“ schleudert sie unversehens in die ländliche Szene des zweiten Akts, die eigentlich drei Monate später spielt. Ähnlich schält sich der Schlussakt pausenlos aus dem zweiten Bild des dritten. Jens Kilian macht dies möglich, indem er sich auf das Notwendigste an Ausstattung beschränkt.

          Auch die Kostüme Marie-Thérèse Jossens vermitteln geschickt zwischen der adligen Gesellschaft und den Protagonisten, am überzeugendsten bei Violetta. Am Ende bleibt der Traviata nur ein Stuhl auf kahler Bühne, Ausdruck äußerster Verlorenheit. Alfredo erscheint wie eine Vision, die die Hinterbühne gar nicht mehr verlässt, Violetta bleibt nur ein unsentimentaler Abgang von der Bühne - des Lebens. Nemirovas Einfälle liefern reichen Stoff zum Schauen und Nachdenken: Annina am Schminktisch ihrer Herrin, die Tänzerin im Ballakt wirken wie Doubles Violettas, geheimnisvoll ist das spielende Mädchen im Hintergrund der Gartenlandschaft, etwa die Schwester Alfredos?

          Auch kleinere Rollen glücklich besetzt

          Auch zu hören gibt es viel Gutes: Das Mainzer Ensemble präsentiert sich in vorteilhafter Verfassung, allen voran Vida Mikneviciute in der Titelrolle, ausdrucks- und stimmstark, dabei auch zartester Nuancen fähig („Dite alla giovini“), anrührend im Schlussakt („Addio del passato“). Thorsten Büttner gibt einen leidenschaftlich-temperamentvollen Alfredo, Heikki Kilpeläinen verzichtet als Vater Giorgio bei aller Klangfülle auf Pathos.

          Auch die kleineren Rollen sind glücklich besetzt: Anke Steffens als stets präsente Annina, Patricia Roach als muntere Flora, Jürgen Rust, Dietrich Greve und José Gallisa als spielfreudige Kavaliere, nicht zuletzt Hans-Otto Weiss als Doktor Grenvil, dem im letzten Akt nur noch bleibt, ein Totenlicht auf den Grabhügel im Hintergrund zu stellen - auch da sind die Zeitebenen verschränkt. Florian Csizmadia beflügelte Chor und Orchester zu klangvoll-flexiblen Musizieren. Heftiger Jubel nach dieser Premiere.

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