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Umbau des Senckenberg-Museums : „Ein feuchter Traum für Denkmalpfleger“

Mit Walmdach: Blick von der Arkade des Senckenberg-Museums auf den Jügelbau Bild: Senckenberg

Die Pläne des Architekten Peter Kulka für die Erweiterung des Senckenberg-Instituts rufen Empörung hervor. Doch die Stadt hat keinen Einfluss mehr auf die Gestaltung.

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          Prachtvoll strahlen das Senckenberg-Naturkundemuseum und die angrenzenden Gebäude der Universität auf der Postkarte aus dem Jahr 1917. Das Eckgebäude der Alten Physik wird von zwei verzierten Giebeln und der Sternwarte geschmückt; der Jügelbau, das Hauptgebäude der Universität, hat ein Mansarddach, das Senckenberg-Museum wird von einer kitschigen Dachlaterne gekrönt. Bombentreffer machten im Zweiten Weltkrieg vieles davon zunichte. Im Wiederaufbau wurden Walmdächer errichtet, mit Schiefer und Gauben, und die Gebäude wurden um ein Geschoss aufgestockt. Durch die ähnliche Dachgestaltung wirkten die Bauten als stilistische Einheit. Für den nun bevorstehenden Umbau der alten Uni-Gebäude, die künftig die Forscher, Sammlungen und Labore des Senckenberg-Instituts aufnehmen, werden die nach dem Krieg errichteten Walmdächer wieder abgenommen, das zusätzliche Geschoss wird neu verkleidet. Man hätte die Gelegenheit gehabt, das alte Bild wiederherzustellen. Aber eine Rekonstruktion kam für den Bauherrn, die Senckenberg-Gesellschaft, nie in Frage.

          Eine Rekonstruktion des Zustandes von 1917, wie ihn eine Postkarte zeigt, kam für die Verantwortlichen offenbar nicht in Frage.
          Eine Rekonstruktion des Zustandes von 1917, wie ihn eine Postkarte zeigt, kam für die Verantwortlichen offenbar nicht in Frage. : Bild: Senckenberg
          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Stattdessen wird Ende 2017, also hundert Jahre nach der Aufnahme des Postkartenmotivs, ein Dach aus Aluminium auf den 1906 im Stil von Spätrenaissance und Neobarock errichteten Gebäuden liegen. Durchbrochen von einer kurz vor der Traufkante umlaufenden, gläsernen Lichtfuge, mittels der die Räume beleuchtet werden sollen. Viel Technik, Büros und naturkundliche Sammlungen liegen darunter. Das kahle Metalldach ist für den Bauherrn aber nicht nur aus funktionalen Gründen die richtige Lösung. Die moderne Dachlandschaft solle auch die „unterschiedlichen Zeitschichten sichtbar machen“, sagt der Projektleiter. Der Pressesprecher ergänzt noch: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“

          Aluminiumpaneele statt Schiefer

          Der Entwurf stammt von Peter Kulka, der sich mit der Überdachung des Innenhofs des Dresdner Residenzschlosses einen Namen und zuletzt mit der Rekonstruktion des Potsdamer Stadtschlosses Schlagzeilen gemacht hat. Kulka ist ein gefragter Fachmann, wenn es um Denkmalschutz geht. Die Denkmalpfleger sind mit seiner Lösung zufrieden. „Wir haben lange diskutiert, wie man mit dem Gebäude umgeht“, sagt Landesdenkmalpfleger Heinz Wionski. Man habe aus dem Stückwerk des Wiederaufbaus ein „neues Ganzes“ machen wollen. Eine Rekonstruktion des Mansarddachs habe nie zur Diskussion gestanden. „Weil wir den Bestand in seiner zeitlichen Entwicklung respektiert haben“, erläutert Wionski.

          Bei einer Rückführung auf die neobarocke Fassung wäre ein Geschoss verlorengegangen. Über eine Variante mit Schiefer und Gauben, ähnlich dem heutigen Bild, sei zwar auch gesprochen worden. Doch die Lösung mit Aluminiumpaneelen und Glasfuge sei „konsequenter darzustellen“ gewesen als andere Wege. Außerdem werde die Farbe des Dachs noch auf den hellen, sandfarbenen Putz des Altbaus abgestimmt. Das wirke später nicht mehr so kahl wie auf den Visualisierungen des Architekten. „Ich bin zuversichtlich, dass es auch gestalterisch positiv wird“, sagt Wionski. Er sieht jedenfalls „keine Gefahr für das Ensemble“.

          Metalldach statt Mansarddach: Die Pläne des Architekten Peter Kulka für den Umbau verbinden unterschiedliche bauliche Schichten.
          Metalldach statt Mansarddach: Die Pläne des Architekten Peter Kulka für den Umbau verbinden unterschiedliche bauliche Schichten. : Bild: Kulka Architekten

          Wie bei einem mehr als hundert Jahre alten Repräsentationsbau nicht verwunderlich, gab es auch an der Senckenberg-Anlage verschiedene Bauphasen. Das Jügelhaus, das einstige Hauptgebäude der Universität, verdankt seinen Namen einer Stiftung der Brüder August und Franz Jügel. Im Inneren des roten, mit Wandschmuck verzierten Mainsandstein-Gebäudes gibt es zahlreiche denkmalgeschützte Räume, die festliche Aula und den holzvertäfelten Dekanatssaal zum Beispiel. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Dachgeschosse des Jügelhauses und der anschließenden Senckenbergischen Bibliothek vollkommen zerstört. Nach dem Krieg bekamen die Gebäude ein zusätzliches Geschoss und ein mit Schiefer gedecktes Walmdach. Die 1908 errichtete Alte Physik wurde noch schwerer getroffen, beim Wiederaufbau ebenfalls um ein Stockwerk erhöht und mit einem Walmdach versehen, allerdings ohne Giebel und mit wenig Bauschmuck.

          1952 wurde Ferdinand Kramer zum Leiter des Universitätsbauamts berufen. Er erweiterte den Haupteingang und ließ anstelle des alten Portals einen gläsernen Windfang einsetzen. Auch die Schichten der Kramerzeit werden beim nun anstehenden Umbau konserviert. Die von Kramer gestalteten Eingänge zum Jügelbau bleiben ebenso erhalten wie ein Teil des Mobiliars. Eine auf Kramer zurückgehende Wand aus Glasbausteinen im Foyer wird allerdings aus Brandschutzgründen entfernt.

          Heftige Kritik an Kulkas Plänen

          Kulkas Entwurf steht in der Tradition des „Weiterbauens“. Der Bauantrag ist nach Auskunft der Bauaufsicht zwar noch nicht genehmigt. Allerdings spricht offenbar nichts dagegen, zumal die Denkmalbehörden den Plänen zugestimmt haben. „Es ist eine anerkannte Methode, das neu Hinzukommende selbstbewusst im Zeitgeist zu zeigen“, sagt der Leiter der Bauaufsicht, Michael Kummer, der mit einer Arbeit über Denkmalschutz promoviert wurde und vor seinem Wechsel in die Stadtverwaltung im Landesamt für Denkmalpflege tätig war. Kulkas Auffassung der ergänzenden Denkmalpflege finde europaweit Zustimmung. Die vom Architekten vorgeschlagene Lösung sei auch qualitativ auf einem hohen Niveau. Das Denkmalamt habe seinen Schwerpunkt auf die Erhaltung historischer Teile gelegt, meint Kummer.

          Aber nicht auf die äußere Erscheinung, wäre zu ergänzen. In der Kommunalpolitik ist es ruhig geblieben, obwohl ein gewisser Groll über Kulkas neue Dachlandschaft durchaus vernehmbar ist. Wolfgang Siefert von den Grünen wagt es kaum, laut seine Meinung zu sagen. „Persönlich halte ich die Lösung für bescheiden“, meint er, ergänzt aber sogleich: „Denkmalschutz ist keine Geschmacksfrage.“ Siefert traut sich nicht, den Argumenten der Denkmalpfleger zu widersprechen. „Wenn die Fachleute sagen, alles ist super, wie will man dann noch argumentieren?“, fragt er. Und er sagt dann doch noch deutlich: „Wie man das Gebäude so zurichten kann, ist mir unklar.“

          Siefert ist mit seiner Haltung nicht allein: In dem Internetforum „Deutsches Architekturforum“ ist von „Vergewaltigung“ und „Bunkerlook“ die Rede, die Denkmalpflege habe versagt. „Gerade wird die große Chance vergeigt, die je nach Bauteil mehr oder weniger verhunzten Gebäude wieder ihrer bauzeitlichen Gestalt anzunähern“, konstatiert ein Nutzer. Ein weiterer klagt: „Ich habe zwei Jahre in diesem Gebäude gearbeitet, und mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehe, was für ein Mist hier verpfuscht werden soll.“

          Andere halten es für einen verfrühten Aprilscherz, große Teile der alten Fassade abzureißen und „durch einfallslose Kuben und Dachaufbauten“ zu ersetzen. „Ich verstehe nicht, warum aus dem Ensemble um jeden Preis eine dermaßen hohe Ausnutzung herausgepresst werden muss. Der Flächenzuwachs für die Senckenberg-Gesellschaft wäre doch auch bei einer konservativen Sanierung enorm“, heißt es weiter. Einem Dritten erscheint die Umgestaltung als „feuchter Traum für Denkmalpfleger – also ein ästhetisches Desaster für das gemeine, ungebildete Volk“. Bauherr, Architekt und Denkmalpfleger werden wohl noch Überzeugungsarbeit leisten müssen.

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