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Umbau des Senckenberg-Instituts : „Wir nennen das evolutionäres Bauen“

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Architekt und Bauherr: Peter Kulka (links) und Volker Mosbrugger wollen zeigen, dass in den Gebäuden geforscht wird. Bild: Röth, Frank

Der Umbau des Senckenberg-Instituts hat begonnen. Peter Kulkas Entwurf ist umstritten, vor allem das Dach. Doch der Architekt und Senckenberg-Direktor Volker Mosbrugger halten das Konzept für ehrlich und richtig.

          Herr Kulka, hat Sie die harsche Kritik an Ihrem Entwurf überrascht?

          Kulka: Nein. Bei jedem großen öffentlichen Projekt gibt es Diskussionen, besonders wenn man es mit einem Denkmal zu tun hat. Eine lebendige und schöne Stadt setzt sich zusammen aus Geschichte. Besonders in den deutschen Städten, die stark zerstört wurden, ist es völlig normal, dass die Leute Sehnsüchte in Richtung Vergangenheit entwickeln. Dann möchte man gerne mitdiskutieren. Die Frage ist nur: Auf welchem Niveau?

          Was meinen Sie damit?

          Kulka: Wenn ich die Rahmenbedingungen für eine Bauaufgabe nicht kenne, kann ich natürlich völlig frei im leeren Raum diskutieren. Das kann aber weder der Bauherr, noch kann es der Architekt. Dieses Haus ist vor 65 Jahren zerstört worden und ist nicht mehr das, was es einmal war. Es hat eine Architekturgeschichte. Es ist nicht ein Haus, sondern viele Häuser, die alle nebeneinander gebaut wurden und nach außen so tun, als wären sie ein Schloss, das völlig stimmig in seiner Struktur existiert. Diese Gebäude werden nun umgenutzt. Die drei Häuser müssen miteinander vernetzt werden, damit sie als wissenschaftliche Einrichtung auch funktionieren.

          Herr Mosbrugger, irritiert Sie die breite Ablehnung der Umbaupläne?

          Mosbrugger: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er reagiert auf Veränderung. Lassen sie es mich evolutionsbiologisch sagen: Das Gebäude ist ein Sammelsurium von Baustilen. Es wurde immer wieder verändert, hat also eine Art Evolution durchlaufen. Aber das nehmen die Leute heute gar nicht mehr wahr. Das Gebäude hat fünf Bauphasen. Die neue Bauphase fällt auf einmal wieder auf. Auch daran wird man sich gewöhnen. Ich hoffe, in einigen Jahren wird man das Ensemble als ein Frankfurter Wahrzeichen erkennen. Das Gebäude ist ein historisch gewachsener Komplex. Die logische Konsequenz kann nur sein: Ich muss dieses Konzept weiterführen.

          Unter dem Metalldach, das das nach dem Krieg errichtete Schieferdach ersetzt, stecke viel „Hightech“. Die Bauten sollen innen aufwendig hergerichtet und miteinander vernetzt werden.

          Ihre Idee spiegelt sich im Entwurf wider?

          Mosbrugger: Wir nennen das evolutionäres Bauen: Was ist Evolution anderes, als auf dem aufzubauen, was ich habe. Eine weitere konstitutive Idee spiegelt sich wider: das Thema Diversität. Nicht alle Menschen sehen gleich aus. So ist es auch mit dem Gebäude: Es reflektiert eine Vielfalt der Funktionen und Inhalte. Man muss sich mit den Inhalten, der Geschichte und den Funktionalitäten auseinandersetzen. Es ist nicht damit getan, zu sagen, das gefällt mir oder das gefällt mir nicht.

          Kulka: Eine wirklich lebendige Stadt muss plurales Leben zulassen und fördern. Sie muss den jungen Leuten Vielfalt bieten und für sie interessant sein. Sonst verliert sie die Jugend.

          Haben wir in Frankfurt nicht eine andere Situation? Reagieren die Leute nicht deswegen so sensibel, weil es kaum noch repräsentative Altbauten gibt?

          Kulka: Aber die Senckenberg-Gesellschaft würde doch Opfer in diesen Türmchen und Sinnlosigkeiten, die sie nicht brauchen kann. Ein totaler Wiederaufbau widerspräche extrem der Idee derer, die dort arbeiten, und natürlich auch den Inhalten und Funktionen des Gebäudes. Darf ich Ihnen dazu etwas sagen?

          Bitte.

          Kulka: Dieser Bau aus der Wilhelminischen Zeit ist bedeutend, weil es in Frankfurt nur noch wenig aus dieser Zeit gibt. Aber er ist weder ein Knobelsdorff noch ein Pöppelmann.

          Mosbrugger: Denkmalschutz ist keine Frage der Ästhetik, sondern der Geschichte. Das Gebäude ist ein historisches, kein künstlerisches Denkmal. Davor haben wir Respekt, das hat seine Würde. Aber wir bekommen Geld von Bund und Land zur Verbesserung der Forschungsinfrastruktur. Wir kommen schnell an Grenzen und haben uns dennoch entschieden, etwa den Abguss des Parthenon-Frieses wiederherzustellen.

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