https://www.faz.net/-gzg-741dg

Uhrenfabrikant & Pilot : Der schnelle Helmut mit der Liebe zur Feinmechanik

  • -Aktualisiert am

Möchte noch mit 96 Jahren ein Buch über sein ereignisreiches Leben schreiben: Helmut Sinn. Bild: Fricke, Helmut

Zuallererst sieht er sich als Pilot. Doch auch als Rallyefahrer quer durch Afrika konnte Helmut Sinn Erfolge feiern. Bekannt ist sein Name aber vor allem für Spezialuhren aus Frankfurt.

          Mit 96 Jahren verliert die Zeit ein wenig an Bedeutung, sollte man meinen. Für Helmut Sinn nicht. Er trägt einen mechanischen Chronographen mit einem dritten Zeiger für eine weitere Zeitzone. Es ist einer seiner eigenen Entwürfe. Doch die Uhr geht verkehrt, wie der 96 Jahre alte Uhrenbauer aus Rödelheim mit einem Blick feststellt. Mittlerweile ist er im Ruhestand. Umso wichtiger werden die Erinnerungen an die Zeiten seiner Erfolge und seiner Abenteuer.

          Denn vor allem anderen war Helmut Sinn Pilot. Fliegen, das wollte er schon, solange er denken kann, sagt er heute. Im Krieg lernte er an der Motorflugschule Quedlinburg. Bei Einsätzen in Russland musste er einmal im Wald notlanden und wurde verletzt. Danach wurde er Blind- und Kunstfluglehrer und schulte Piloten vor allem auf der Ju52 und der Ju88. Rund 15.000 Starts und Landungen habe er in seinem Leben gemacht, erzählt er und zeigt stolz ein Modell des ersten Segelfliegers, mit dem er einst startete. „Wir nannten ihn Schädelspalter wegen des vorderen Balkens.“

          Solche Termine werden seltener, seit er nicht mehr aktiv im Geschäft ist

          Nach dem Krieg durfte der leidenschaftliche Pilot zunächst aufgrund des von den Alliierten verhängten Flugverbots, aber auch aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fliegen. Er musste sich eine andere Herausforderung suchen. So versuchte sich der gebürtige Elsässer als Rallyefahrer in Afrika. Noch heute hängt im Verkaufsraum seines Uhrenbetriebs eine Karte, die mehr als 30 Streckenabschnitte des Rennens zeigt. Der damalige VW-Chef habe ihn für verrückt erklärt, überließ ihm aber schließlich einen Käfer, mit dem er die Fahrt über 18.000 Kilometer quer durch den Kontinent in seiner Klasse gewann.

          Solche Geschichten erzählt Sinn gern und anschaulich. Um seine Erinnerungen aufzufrischen, besuchte er kürzlich das Auto-Museum des Fahrzeugbauers in Wolfsburg und schaute sich einen ähnlich alten Käfer noch einmal an. Offiziell empfangen wurde er dort allerdings nicht. Solche Termine werden seltener, seit er nicht mehr aktiv im Geschäft ist.

          Der Name Sinn zählt noch immer 

          Immerhin, nach Paris ging es kürzlich, zu einer Feier der Uhrenfirma Bell&Ross. Einer der beiden Gründer dieser Marke hatte bei Helmut Sinn einst als Praktikant angefangen. Und Sinn finanzierte ihm vor 20 Jahren die ersten selbstproduzierten Uhren. Zum Dank wurde der Frankfurter jetzt bei dem Empfang im Pariser Invalidendom gefeiert.

          Der Name Sinn zählt noch immer etwas in der Uhrenbranche. Die mechanischen Zeitmesser sind noch immer Sinns zweite Leidenschaft. In Frankfurt gründete er seine erste Firma, handelte mit Uhren und entwickelte die ersten selbst. Nach der Trennung von seiner Frau überließ er ihr das Geschäft und verlegte sich in den fünfziger Jahren auf die Herstellung von Funktionsuhren. Der Großauftrag der Luftwaffe, für ihre Flugzeuge Borduhren zu entwickeln, legte den Grundstein für seinen Erfolg. Mit seiner Maxime, dass Übersichtlichkeit bei einer Uhr wichtiger sei als Schönheit, machte er Sinn Spezialuhren zur weltweit gefragten Marke.

          „Ich habe gedacht, ich könnte trotzdem weiter mitarbeiten“

          Doch der begabte Techniker hatte kein gutes Händchen fürs Geschäftliche. Mitte der Neunziger verkaufte Sinn sein Unternehmen mitsamt der Marke. „Ich habe gedacht, ich könnte trotzdem weiter mitarbeiten“, sagt er. Es kam zum Streit, Sinn zog vor Gericht und verlor. Noch heute ist ihm die Verbitterung darüber anzumerken. „Am meisten bedauere ich aber, dass meine drei Kinder und Enkel nicht Uhrmacher werden wollten“, sagt er. Es hätte ihn gefreut, wenn einer von ihnen seine Firma Jubilar-Uhren übernommen hätte, die er noch mit 82 Jahren als ältester Jungunternehmer gründete und mit der Schweizer Traditionsmarke Guinand fusionierte. Für sie entwarf er zuletzt eine Weltzeituhr mit gleich vier frei wählbaren zusätzlichen Zeitzonen. Nun führt sie ein anderer.

          Die Kraft, sich immer wieder neu zu erfinden, hat Helmut Sinn auch mit 96 Jahren nicht verloren. Ein Buch will er noch gerne schreiben mit seinen Erinnerungen. Einen Kinofilm über ihn gibt es bereits. Und ab und zu hebt er auch noch ab. So wie mit dem „Stieglitz“, einem alten Doppeldecker, in dem ihn ein Freund kürzlich mitnahm. „Ich habe mit dieser Maschine bestimmt 100 Flüge als Lehrer gemacht“, erinnert er sich.

          Natürlich jucke es ihn, nochmal selbst das Steuer in die Hand zu nehmen, sagt er. Doch am Ende siegt die Vernunft, und er bleibt lieber beim Auto. Dabei drückt er auch heute noch gerne aufs Gaspedal. Sein Markenzeichen als „der schnelle Helmut“ will er noch ein bisschen verteidigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimaschutz : Vertraut nicht den Verboten!

          Im Kampf um das Klima gibt es viele Einzelideen. Sie versperren den Blick auf das Notwendige: ein sinnvolles Gesamtkonzept. Dafür gilt: Lieber gründlich als überhastet.
          Formiert sich gerade eine breite politische Front gegen Salvini? Der italienische Innenminister strebt weiter Neuwahlen an.

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.