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Corona-Lockerungen in Hessen : Wieder geöffnet

  • Aktualisiert am

Schnittmenge: Friseure haben auch in Hessen viel aufzuarbeiten. Bild: dpa

Seit Montag dürfen die Hessen wieder zum Friseur, auf den Spielplatz und in den Zoo. Wie haben sie die wiedergewonnene Freiheit am ersten Tag genutzt? Fünf Einblicke und ein Ausblick.

          5 Min.

          Der Gang zum Friseur

          Die Tür geht auf. Noch bevor Marina Kroll ihren Mantel ablegen kann, steht Friseurmeisterin Daniela Suppé mit dem Desinfektionsmittel in der Hand vor ihr. Dann weist sie der Kundin einen Platz zu. Um den Sicherheitsabstand einzuhalten, darf nämlich nur jeder zweite Stuhl besetzt werden. In der Zwischenzeit hört das Telefon nicht auf zu klingeln. Seit gestern hat Suppés Frisiersalon „Hairlight“ in Frankfurt-Eschersheim wieder geöffnet, und der Andrang ist riesig.

          „Bis Samstag bin ich komplett ausgebucht“, sagt die Ladeninhaberin. Dabei hat sie sich für die erste Zeit nach der Corona-Zwangspause eigens eine befreundete Friseurmeisterin mit in den Laden geholt. „Nach dieser langen Zeit wollen wir keine Leute wegschicken. Und brauchen natürlich auch das Geld“, erläutert Suppé. Zunächst sei sie noch besorgt gewesen, dass die Kunden vielleicht zu große Angst vor einer möglichen Ansteckung haben könnten. Eine unberechtigte Sorge, wie sich gezeigt hat.

          Marina Kroll zum Beispiel hat die erste Gelegenheit gleich genutzt. „Ich trage eine Kurzhaarfrisur und habe sehr gelitten in den letzten Wochen“, berichtet die Stammkundin. Normalerweise geht die Sozialpädagogin alle fünf Wochen zu „Dani“, wie sie die Friseurmeisterin nennt, und das seit 16 Jahren. Mit der Maske auf dem Friseurstuhl zu sitzen sei allerdings ein merkwürdiges Gefühl. „Trotzdem ist es toll, dass das wieder möglich ist“, findet die Eschersheimerin.

          Auch Claude Legueltel ist froh, dass sie ihre Haare wieder schneiden, waschen und färben lassen kann. „Meine Schönheit ist vielleicht in meinem Alter nicht mehr so wichtig, aber ich will auch nicht, dass der Laden hier ruiniert wird“, so die Rentnerin. Von der Maskenpflicht hält die gebürtige Französin allerdings gar nichts. Sie kann nicht verstehen, „dass sich die Menschen eher ihre Freiheit nehmen lassen als ein bisschen Risiko einzugehen“.

          Die Friseursalons dürfen nur unter strengen Auflagen wieder öffnen. Kunden dürfen nicht drinnen warten. Getränke dürfen nicht angeboten werden. Friseure und Kunden müssen die Maskenpflicht und die Abstandsregeln einhalten. Weil der Abstand beim Wimpern- und Augenbrauenfärben oder bei der Bartrasur nicht eingehalten werden kann, bleiben solche „gesichtsnahen Dienstleistungen“, wie es in der Verordnung heißt, verboten.

          mirs.

          Weg vom Spielplatzentzug

          „Oh, pardon!“ So förmlich geht es zuweilen auch auf dem Spielplatz zu. Zumindest, wenn man ihn in Corona-Zeiten nutzt. Die Mutter, die sich eben noch dafür entschuldigt hat, dem Vater eines anderen Kindes beim Anstehen an der Schaukel etwas zu nahe gekommen zu sein, geht einen großen Schritt zur Seite. Der Mann lacht. „Kein Problem.“ Was die Erwachsenen offenbar noch üben müssen an diesem Montagvormittag im Frankfurter Holzhausenpark, haben die Kinder schon längst verinnerlicht: Brav stehen sie in gebührendem Abstand vor der Kleinkind-Schaukel und warten, bis sie endlich frei wird. Ähnlich geht es an der Hangelburg und auf dem neugestalteten Parcours zu, den vor allem Kinder im Grundschulalter gerne nutzen. Zumindest ein, zwei Stunden währt an diesem Vormittag das Kinderglück. Danach fängt es in Strömen an zu regnen.

          Lesestoff in der Krise: Auch die Stadtbibliothek in Frankfurt ist wieder geöffnet.

          Die Aussicht auf Regenwetter schreckt einige Eltern im Günthersburgpark nicht ab. Rund 30 Kinder tollen auf dem Spielplatz im Park. „Das sieht ja so aus wie immer“, sagt eine Spaziergängerin, die ihren Augen kaum traut. Wer genauer hinschaut, erkennt aber auch, dass die meisten Kinder eher für sich spielen. Der Freude tut das keinen Abbruch: „Das ist schon etwas anderes, als immer nur auf der Wiese herumzulaufen“, sagt eine Mutter, deren 14 Monate alter Sohn zufrieden im Sand sitzt. Um den Spielplatz-Entzug in Corona-Zeiten etwas zu mildern, hat ein Vater seinem Sohn eine kleine Sandkiste auf den Balkon gestellt. Aber wer hat schon eine eigene Schaukel oder eine Rutsche in der Stadtwohnung? Um 10.45 Uhr fließen die ersten Tränen, weil ein Knirps vom Klettergerüst gefallen ist. Lachen und Weinen, Freude und Verdruss – das zumindest ist auf dem Spielplatz an diesem Montag so wie immer.

          isk./rsch.

          Mit dem Einkaufswagen im Supermarkt

          Hinter der Glastür gibt es einen Einkaufskorb. Der ist als Abstandhalter zwar nicht ganz so gut geeignet wie der Einkaufswagen im Supermarkt, wird aber mit jedem ausgesuchten Buch schwerer und verlangsamt auf diese Weise den Bewegungsdrang der Besucher. Außerdem, sagt Birgit Lotz, diene er dem Zählen. Es gebe nur genau so viele Körbe, wie Besucher in die Zentralbibliothek der Frankfurter Stadtbücherei dürften. Ist kein Korb mehr da, müssen die nächsten Nutzer warten. Seit Montag ist die Zentralbibliothek an der Hasengasse wieder geöffnet, am heutigen Dienstag machen auch die Kinder- und Jugendbibliothek sowie drei weitere Zweigstellen im gesamten Stadtgebiet auf. Mit eingeschränkten Öffnungszeiten, der Pflicht zu Abstand und Mundschutz sowie dem Verbot längerer Aufenthalte. Lotz ist trotzdem froh: „Eine Bibliothek ohne Besucher ist, ehrlich gesagt, gar nichts. Eine Bibliothek lebt auch als Ort.“

          balk.

          Ende der Zwangspause für Zoos

          Mit Wochenendarbeit der Mitarbeiter, Entgegenkommen der Schilder-Lieferanten und der Nachfrage in anderen Bundesländern hat es der Opel-Zoo geschafft: Seit Montag ist das Freigehege für Tierforschung in Kronberg nach sechs Wochen Corona-Zwangspause erstmals wieder geöffnet. Viele Familien nehmen eine längere Anfahrt in Kauf, um bei geschlossenen Kindergärten und Schulen wieder einmal Abwechslung genießen zu können. Bei zum Teil kräftigen Regenschauern wird die zulässige Höchstgrenze von 1000 Besuchern, die sich gleichzeitig im Zoo aufhalten dürfen, am ersten Tag noch nicht erreicht. Die Bewährungsprobe dürfte an einem sonnigen Wochenende bevorstehen. Zusätzlich engagierte Wachleute kontrollieren den Zugang und sorgen für die Einhaltung der Regeln. Anders als beim Frankfurter Zoo sind Karten derzeit nur an der Kasse erhältlich.

          bie.

          Wegzeichen: Im Historischen Museum in Frankfurt werden Auf- und Abgänge mit Aufklebern markiert.

          Unterwegs im Museum

          Im Historischen Museum in Frankfurt haben die Rahmen der neuen Plexiglasscheiben an der Kasse genau den passenden Holzton des Foyers, und bevor von heute an die Besucher die große Sonderausstellung „Kleider in Bewegung“ erleben können, werden auch die letzten Pfeile noch auf dem Boden aufgeklebt sein. Einbahnstraßenschilder und das rot-weiße Zeichen für „Durchgang verboten“ hat Museumsdirektor Jan Gerchow schon reichlich anbringen lassen, das Konzept in Absprache mit allen städtischen Museen und dem Kulturdezernat steht. Der Rundkurs durchs Haus ist festgelegt, damit überall Abstand gewahrt werden kann. In engere Räume wie den Rententurm wird man so bald allerdings nicht mehr kommen. Das Junge Museum bleibt zu, und all die Mitmachstationen für Kinder in der Dauerausstellung sind verhüllt – sonst müsste nach jeder Benutzung alles desinfiziert werden. Die von der Stadt im Zweierpack verteilten Masken tragen die wenigsten Mitarbeiterinnen – bei einer Ausstellung zum Thema Kleider versteht es sich, individuellere Modelle zu tragen, mit Blumenmuster, Karo oder unifarben. Der Versuch, die einführenden Reden der Kleider-Fachfrauen mit Stoffschutz zu halten und zu verfolgen, führt hier und da zu Irritationen und Gelächter. Und man kann lebhaft nachvollziehen, dass nicht nur hygienische Gründe dafür sprechen, vorerst keine Multimedia-Geräte mehr auszuleihen: Wo bitte sollen neben Brille und Mundschutz-Gummibändern auch noch die Hörer des Guides an einer einzelnen Ohrmuschel befestigt werden?

          emm.

          Weitere Aussichten...

          . . . und so geht es weiter: Am Mittwoch sind auch in Hessen weitere Lockerungen zu erwarten oder zumindest werden sie dann voraussichtlich angekündigt. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten wollen dann etwa darüber sprechen, ob Lokale und Hotels unter strengen Auflagen wieder öffnen dürfen, die 800-Quadratmeter-Grenze für Geschäfte fällt voraussichtlich (das Verwaltungsgericht in Gießen kippte sie am Montag schon für ein lokales Möbelhaus). Ob wieder Sport im Verein getrieben werden kann, ob Kitas für mehr Kinder als bisher offen stehen und wie der Schulbetrieb in den kommenden Wochen so organisiert werden kann, dass ein Gefühl von Normalität zurückkehrt, das sind die weiteren Fragen. Hessens Kultusminister kündigte für übernächste Woche schon einmal einen „größeren Öffnungsschritt“ an.

          hs.

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