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Überlastung und Stress : „Was wir Kinderärzte machen, ist Selbstausbeutung“

Sie nehmen Kindern die Angst vor der Spritze, doch sind selbst gestresst: Kinderärzte klagen über Überlastung und volle Praxen (Symbolbild). Bild: dpa

Die Suche nach einem Kinderarzt kann Zeit und Nerven kosten. Viele Praxen nehmen wegen Überlastung keine neuen Patienten mehr an. Eltern und Ärzte schlagen Alarm – und dürfen auf Entlastung hoffen.

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          Barbara Mühlfeld hat sich in ihrem Berufsleben schon vieles aneignen müssen. Sie hat gelernt, Kindern die panische Angst vor Spritzen zu nehmen und überbesorgte Eltern zu beruhigen, hat sich das Wissen erarbeiten müssen, wie man ein Kleinunternehmen führt, obwohl sie doch eigentlich Medizin studiert hat. Aber eine Sache fällt der Ärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin nach mehr als 30 Berufsjahren noch immer schwer: Sie hat nie gelernt, neue Patienten abzuweisen – selbst dann nicht, wenn das Wartezimmer schon voll und das Budget für das Quartal schon aufgebraucht ist. „Wie kann ich ,Nein‘ sagen, wenn eine Mutter mit ihrem Neugeborenen da steht?“, fragt sie. Ein Dilemma. Denn wenn sie wirtschaftlich arbeiten will, müsste sie genau das tun. Manchmal denke sie deshalb sogar daran, sich frühzeitig aus dem Beruf, den sie eigentlich so liebt, zurückzuziehen. „Was wir Kinderärzte machen, ist Selbstausbeutung“, sagt Mühlfeld, die Landespressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte ist. „Wir stehen unter Druck.“

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Genau wie die zahlreichen Eltern, die versuchen, einen Arzt für ihre Kind zu finden. Die, die erst vor Kurzem ins Rhein-Main-Gebiet gezogen sind, haben es besonders schwer. Denn viele Praxen nehmen schon lange keine neuen Patienten mehr auf. 405 Vertragssitze für Kinder- und Jugendärzte gibt es in Hessen. Die Bedarfsplanung wurde Anfang der neunziger Jahre gemacht. „Das wurde nach einem heuten nicht mehr nachvollziehbaren Schlüssel ausgerechnet“, kritisiert Mühlfeld. Angepasst wurde die Planung nie – auch nicht, als die Geburtenzahlen nach oben schnellten, die Städte durch Zuzug wuchsen.

          „Ich nehme jeden Tag neue Patienten auf“

          Die Situation ist angespannt. In größeren Städten wie Frankfurt, Offenbach und Darmstadt, aber auch in den eher ländlichen Gebieten. Auch die kassenärztliche Vereinigung hat das Problem erkannt. Gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordern sie von den Krankenkassen, 15 zusätzliche Kinderarzt-Sitze in ganz Hessen zu genehmigen. Vorausgesetzt, der bestehende Honorartopf wird aufgestockt. „Wir haben eine Analyse gemacht, bei der einiges aufgefallen ist“, bestätigt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung die Pläne. Etwa, dass die Situation im Main-Kinzig-Kreis besonders schwierig ist.

          Dort, in Maintal, betreibt Kinderkardiologe Uwe Seitz eine Praxis. „Ich nehme jeden Tag neue Patienten auf“, sagt er. Trotzdem müsse er auch Absagen erteilen. Seitz übernimmt zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Kardiologe auch die Basisversorgung junger Patienten aus seiner Stadt. Er behandelt also nicht nur kranke Herzen, sondern auch Husten und Schnupfen, impft, nimmt die gesetzlich vorgeschriebenen U-Untersuchungen ab. Allein neun sind es zwischen Geburt und Einschulung eines Kindes. Viele seiner Kollegen, die sich einem medizinischen Spezialgebiet verschrieben hätten, würden ähnlich arbeiten wie er. „Aber etwa zehn Prozent übernehmen keine Basisversorgung, obwohl sie einen kinderärztlichen KV-Sitz belegen“, so Seitz. Der Vorwurf ist nach Ansicht von Seitz nicht den Fachärzten zu machen, sondern dem System, auf dem die Vergabe der Kassensitze basiert. Denn auch spezialisierte Kinderärzte, die ausschließlich in ihrem Fachgebiet tätig sind, werden als allgemeine Versorger gewertet.

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