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Überflutete Straßen : „Keine Chance gegen einen Jahrhundert-Regen“

Unter Wasser: Nach stundenlangem starken Regen ist am Sonntagvormittag die Unterführung unter der Friedberger Landstraße bei Seckbach ebenso vollgelaufen wie zahlreiche Keller und Garagen. Bild: dpa

Die großen Wassermengen überfordern die Kanäle, doch ein Ausbau der Systeme ist bis jetzt nicht im Gespräch. Die Frankfurter Regenrückhaltebecken sind allerdings voll.

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          Am Sonntagvormittag, als im Frankfurter Osten ein so heftiger Regen eingesetzt hat, dass allein die Berufsfeuerwehr binnen kürzester Zeit rund 400 Mal ausrücken musste, haben sich auch Mitarbeiter der Frankfurter Stadtentwässerung auf den Weg gemacht, um nach dem Rechten zu sehen. Die Abwässerkanäle konnten die extremen Niederschlagsmengen nicht aufnehmen. „Das, was in Bergen-Enkheim niedergegangen ist, das war ein hundertjähriger Regen“, sagt Werner Kristeller, Technischer Leiter der Stadtentwässerung, „dafür ist die Kanalisation nicht ausgelegt.“ Mit „ hundertjähriger Regen“ bezeichnen Fachleute Regen in einer Stärke, wie er nur ungefähr alle hundert Jahre vorkommen soll.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Bergen-Enkheim seien innerhalb von vier Stunden 68 Liter Regen pro Quadratmeter heruntergekommen, das sei ein Zehntel der Niederschläge, die üblicherweise innerhalb eines Jahres in Frankfurt fallen. Noch an der Hanauer Landstraße habe es so stark geregnet, dass die Fachleute den Niederschlag als zwanzigjährigen Regen eingestuft hätten, und in Fechenheim sei es noch immer zu einem zweijährigen gekommen. Die Frankfurter Kanalisation ist Kristeller zufolge, so wie Abwassersysteme in anderen deutschen Städten auch, für einen drei- bis fünfjährigen Regen gebaut. Für einen extremeren Niederschlag, Fachleute sprechen von „urbanen Sturzfluten“, bräuchte man Kanalrohre mit einem so großen Durchmesser, inklusive unterirdischen Rückhaltebecken, dass Errichtung und Betrieb nicht mehr vertretbar seien. „Die Kanalisation kann aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht auf jede Extremwetterlage ausgerichtet werden“, sagt Kristeller.

          Hausbesitzer tragen Verantwortung

          Ab einer gewissen Niederschlagsmenge sei es Aufgabe der Hausbesitzer, ihre Gebäude durch Rückstausicherungen zu schützen. Auch Tiefgaragenabfahrten, die ohne jede Schwelle von der Straße hinabführen, ebenerdige Eingänge und tief liegende Kellerfenster sind Ursache für vollgelaufene Keller und Garagen. Die Stadtentwässerung informiere deshalb die Hausbesitzer über die Folgen solcher Sturzfluten, die wegen des Klimawandels bereits jetzt immer häufiger auftreten würden. In Zukunft dürften es noch mehr werden. Ein Film auf den Internetseiten der Stadtentwässerung soll ebenso Tipps geben wie das Faltblatt „Rückstau ist Privatsache“.

          Am Sonntag waren die Mitarbeiter der Stadtentwässerung unterwegs, um zu prüfen, ob Kanaldeckel hochgedrückt worden sind und ob Erde, Schlamm und Äste Abflüsse verstopfen. Andere Mitarbeiter fuhren an die Bäche. Es habe aber keine gravierenden Schäden gegeben, so Kristeller. Außerhalb der Bebauung stünden ein paar Wiesen unter Wasser, auch Kleingärten seien betroffen, mehr sei nicht passiert. Vielerorts, wie in Oberrad, seien die Gräben zwischen den Feldern, auf denen die Kräuter für die grüne Soße angebaut werden, bereits jetzt gut mit Wasser gefüllt. „Der Boden ist völlig gesättigt und kann kein Wasser mehr aufnehmen.“

          Ausbau der Kanalisation steht nicht zur Debatte

          Bundesweite Diskussionen, ob angesichts der aktuellen Niederschläge nicht doch die Kanalisationen leistungsfähiger werden müssten, gibt es nach Angaben des Leiters der Stadtentwässerung nicht. Insgesamt hätten sich bisher die Niederschlagsmengen pro Jahr nicht verändert. Baute man plötzlich größere Kanäle, müssten die Kläranlagen anders arbeiten.

          Schon jetzt gibt es in Frankfurt rund 100 unterirdische Bauwerke wie verbreiterte Kanalabschnitte oder Regenrückhaltebecken, die 200.000 Kubikmeter Wasser aufnehmen können, um es nach und nach an die Kläranlage abzugeben. Derzeit sind diese Reserveflächen voll. Jeder weitere Regen fließt damit über Regenüberläufe ungeklärt in den Main. Ein größeres Regenrückhaltebecken befindet sich beispielsweise unter einem Sportplatz an der Wilhelm-Epstein-Straße gegenüber der Bundesbank. Im Neubaugebiet Riedberg hat man den Kätcheslachpark gleich so angelegt, dass er, sollte ein starker Regen über diesem Stadtteil niedergehen, zum Regenrückhaltebecken werden kann. Dieses Wasser gelangte dann erst mit einiger Verzögerung in den Kalbach und später in die Nidda.

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