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Überbelegtes Haus in Frankfurt : Hausverwaltung auf die harte Tour

  • -Aktualisiert am

Belegungsfrage: Schon die Briefkastenschilder geben einen Hinweis darauf, dass im Haus an der Friedberger Landstraße mehr Mieter wohnen als üblich. Bild: Amadeus Waldner

Im Nordend versucht ein Hauseigentümer offenbar, Altmieter loszuwerden, indem er Dutzende Rumänen einquartiert. Anwohner protestieren, die Behörden reagieren in ihrer eigenen Geschwindigkeit.

          Der Mann mit dem großen Audi hat einen passenden Spitznamen. „Geld“ nennen ihn die Bewohner des Hauses an der Friedberger Landstraße nach Angaben von Beobachtern. Und wenn der Audi vorfährt, werde klar, warum der Mann so heißt. Eine seiner Aufgaben sei es, die Miete einzusammeln. Wenn dem so ist, hat der Mann viel zu tun. Die Angaben über die Zahl der Bewohner schwanken zwar stark. Dass das Haus voll-, vielleicht sogar überbelegt ist, ist aber kaum zu übersehen. Und zu überhören.

          Anwohner beschweren sich regelmäßig über Ruhestörung, über Müll und schlimme hygienische Zustände. In einem anonymen Flugblatt, das im Stadtteil kursiert, heißt es, die Rumänen vermüllten die Umgebung und bedrohten zuweilen gar die Anwohner. Vor dem vierstöckigen Haus stapeln sich immer wieder Berge von Sperrmüll. Dass der Hinterhof und selbst das Treppenhaus als Toilette dienen, ist für Besucher offensichtlich.

          „Von Ämtern im Stich gelassen“

          Seit das Haus gegenüber des Matthias-Beltz-Platzes vor anderthalb Jahren den Besitzer gewechselt hat, hat sich dort vieles verändert. Von den acht Parteien, die seinerzeit in dem vierstöckigen Bau wohnten, seien nur noch drei übrig, berichtet ein Bewohner, der geblieben ist. In den freigewordenen Wohnungen herrscht dennoch reges Leben. Bis zu 18 Leute wohnten in einer der Dreizimmerwohnungen, heißt es in dem Flugblatt. Ein Anwohner sagt, es seien höchstens zwölf je Wohnung. Aber diese Zahl schwanke ohnehin, weil einige der Roma regelmäßig auf Montage seien und daher nicht ständig in der Wohnung lebten. 300 bis 500 Euro zahle jeder der Bewohner für seinen Schlafplatz, heißt es in dem Flugblatt. Doch auch darüber gibt es keine Gewissheit. Die neuen Mieter wollen darüber nicht sprechen. Die Hausverwaltung war für Nachfragen nicht zu erreichen. Die Altmieter kennen das. Anrufe würden so gut wie nie beantwortet, das Gleiche gelte für E-Mails.

          Die CDU-Fraktion im Ortsbeirat hatte Glück. Sie erreichte vergangene Woche einen Mitarbeiter der Hausverwaltung. Der habe sich überrascht gezeigt von den Schilderungen der Zustände, sagt Rainer Krug. Er gehört dem Ortsbeirat im Nordend an, einige der Anwohner haben sich an ihn gewendet und berichtet, dass sie die Behörden schon vor Monaten informiert haben. „Nun haben sie das Gefühl, dass sie von den Ämtern im Stich gelassen werden“, sagt Krug. Nach den Schilderungen hat er den Verdacht, dass es den Eigentümern um Entmietung geht, um das Haus demnächst sanieren zu können.

          Stimmung gegen Roma gemacht

          Zu den neuen Eigentümern des Hauses gehört dem Vernehmen nach ein Arzt aus dem Taunus, dem einige Mietshäuser in der Stadt gehören. Auch in anderen Stadtteilen soll er schon mit dieser Methode der Hausverwaltung aufgefallen sein. Das Prinzip ist einfach: Durch die lauten, nicht an deutsche Standards der Hygiene, Nachtruhe und Reinlichkeit gewöhnten Neumieter sollen die alten Mieter vertrieben werden. Nebenbei ist mit den Südosteuropäern gutes Geld zu verdienen, bis später die Renovierung beginnen kann.

          In dem Haus an der Friedberger Landstraße wohnen noch drei Altparteien: eine Familie, ein Paar und eine Wohngemeinschaft. „Wir wollen hier wohnen bleiben“, sagt einer der Mieter. Mit den neuen Nachbarn komme er persönlich gut klar, sie ließen mit sich reden. Wenn es laut werde, rufe er nicht die Polizei, sondern suche das Gespräch. Die Feiern im Hof seien auch schon deutlich kürzer geworden. Schuld sei letztlich der Vermieter. „Wie soll ich denn den Rumänen mit gutem Gewissen sagen, sie sollen sich besser benehmen, wenn mein Vermieter so asozial ist?“ Er kritisiert auch die Nachbarn, die nun mit zum Teil falschen Behauptungen Stimmung gegen die Roma machten.

          Bereits mehrere Polizeieinsätze

          Hinter ihren Wohnungstüren herrschen offenbar unhaltbare Zustände. Einer der Altmieter soll ausgezogen sein, weil nach einem Wasserschaden Schimmel die Wohnung befallen hatte. Statt zu renovieren, seien wenige Tage nach dem Auszug neue Mieter eingezogen. Nicht einmal die Wände seien neu verputzt worden, bevor die Roma die Zimmer übernahmen.

          Dass einiges im Argen liegt, ist auch der Polizei bekannt. Sie bestätigt, dass es in den vergangenen Wochen mehrere Einsätze in dem Haus gegeben habe. Unter anderem ermittelt sie wegen Bedrohung und Beleidigung gegen einzelne Bewohner. Etwa 70 Personen sind den Angaben zufolge in dem Haus gemeldet, die meisten stammen aus rumänischen und bulgarischen Familien. Erst vergangene Woche hatte die Polizei einen zwölf Jahre alten Jungen, der in dem Haus wohnt, zurückgebracht. Er war in der Innenstadt als Ladendieb aufgefallen.

          „Zustände im Haus nicht akzeptabel“

          Auch die Fälle von Lärmbelästigung und Vermüllung sind den Beamten bekannt. Es sei aber primär Aufgabe der Stadt, die Zustände zu beenden, heißt es von der Polizei. Mehrere Ämter waren offenbar schon in dem Haus, ohne dass das bisher zu Konsequenzen geführt hätte. So verweist das Ordnungsdezernat auf das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (Amka). Das hat nun die Koordination übernommen und vor einigen Tagen leitende Mitarbeiter aller in Frage kommenden Ämter zu einer kurzfristig anberaumten „Lagebesprechung“ gebeten. Darunter sind Vertreter von Ordnungsamt, Gesundheitsamt, Jugend- und Sozialamt - weil in dem Haus schulpflichtige Kinder wohnen - sowie von Wohnungsamt und Bauaufsicht. Der Leiter des Amka, Armin von Ungern-Sternberg, sagt, es könne nicht sein, dass die Anwohner alleingelassen werden. Die Zustände in dem Haus seien nicht akzeptabel. Man versuche nun, ämterübergreifend nach Lösungen zu suchen.

          Wann sich etwas ändern wird, ist nicht abzusehen. Dass die Koordination der Ämter eine schwere Aufgabe ist, haben ähnliche Fälle schon gezeigt. Dem Vermieter eine Überbelegung nachzuweisen ist ein schwieriger Prozess. „Geld“ dürfte die Arbeit also nicht so schnell ausgehen.

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