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Dilemma der Demonstranten : Das Prinzip Ausschluss

Die Metropole Frankfurt soll grün bleiben. Doch das hat auch Folgen. Bild: dpa

Demonstrationen für ein besseres Klima sind grundsätzlich eine positive Sache. Wenn sich der Protest aber gegen geplante Neubaugebiete richtet, sollte man vor den möglichen sozialen Folgen die Augen nicht verschließen.

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          Menschenketten erfreuen sich in Frankfurt und Umgebung neuerdings großer Beliebtheit. Vor zwei Wochen reichten sich etwa 3000 Bürger die Hände, um gegen die geplante Bebauung von Feldern an der A5, auf denen zwischen Frankfurt, Oberursel und Steinbach die sogenannte Josefstadt entstehen soll, zu protestieren. Es kamen ebenfalls viele Menschen zusammen, um für den Erhalt von Kleingärten am Frankfurter Günthersburgpark zu demonstrieren, die teilweise einem Neubaugebiet weichen sollen.

          Solche Ketten sind von eingängiger Symbolik: Die Beteiligten reichen einander die Hände, um etwas, das ihnen wichtig ist, zu schützen. Unter den Beteiligen stiften sie ein Gemeinschaftsgefühl, das dem „Aggressor“ signalisiert, dass er es mit starker Gegenwehr zu rechnen hat.

          Widerspruch der Demonstranten

          Gegen diese bildmächtige Form von Engagement ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Man muss den Initiativen ohnehin zugestehen, dass sie das Marketinghandwerk glänzend verstehen. Die Schützer der Äcker an der A5 haben sich mit „Heimatboden“ einen Namen gewählt, der die Herzen einer älteren, konservativen Klientel höher schlagen lässt, während die „Grüne Lunge“ die zarteren Saiten in den Seelen der Nordend-Bewohner zum Klingen bringt.

          Es steht auch außer Frage, dass der Verlust jedes Quadratmeters Grünfläche bedauerlich und begründungsbedürftig ist, nicht erst seit Anbruch des Klimawandels. Doch sollte den Demonstranten klar sein, dass sie sich mit ihren Aktionen nicht nur gegen vermeintlich böse Politiker im Römer und angeblich geldgierige Investoren aus der Immobilienbranche richten. Die Menschenketten schließen auch jene aus, die dringend eine Wohnung in Frankfurt suchen. Irgendwo müssen sie unterkommen, entweder in Neubauten am Stadtrand oder auf Grünflächen in der Stadt. Mit Nachverdichtung bestehender Siedlungen allein ist es nicht getan.

          Wer den Heimatboden schützt, dem muss klar sein, dass er den Druck auf die Kernstadt erhöht. Wer sich für die Grüne Lunge einsetzt, der muss sich eingestehen, dass dann am Stadtrand mehr gebaut werden muss. Wer sowohl gegen das Neubauviertel im Nordend als auch gegen jenes an der A5 ist, der sollte der Ehrlichkeit halber davon Abstand nehmen, sich über steigende Mieten zu beschweren. Er oder sie sollte auch aufhören, sich für Frankfurt als Stadt der Zuflucht einzusetzen, die noch mehr Flüchtlinge aufnehmen und überhaupt offen für Zuwanderung aus dem In- und Ausland sein soll. Entweder – oder. Tertium non datur.

           

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

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