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Obdachlose in Frankfurt : Herr Mickey Maus schläft in der B-Ebene

Kälteschutz: In der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor können vom 1. November an wieder Obdachlose übernachten. Bild: dpa

Im November wird die B-Ebene am Eschenheimer Tor wieder zum Lager für Obdachlose. Wer dort übernachten will, braucht einen speziellen Ausweis.

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          Kalt soll es zum Wochenbeginn werden, nachts nicht wärmer als vier Grad. Mit verschiedenen Angeboten will die Stadt Menschen ohne Wohnung in den Wintermonaten erreichen. In diesem Jahr müssen die Obdachlosen aber erstmals eine bürokratische Hürde überwinden, wenn sie das Übernachtungsangebot in der B-Ebene am Eschenheimer Tor oder in Hilfseinrichtungen nutzen wollen: Sie müssen sich ausweisen. Damit will die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Verein für soziale Heimstätten einen besseren Überblick bekommen, wie viele Obdachlose derzeit in Frankfurt leben. Dabei sei es egal, ob die Menschen sich mit einem Pseudonym anmeldeten oder mit ihrem richtigen Namen, sagt Christine Heinrichs vom Verein für soziale Heimstätten. Auch ein Herr Mickey Maus bekomme einen persönlichen Ausweis ausgestellt, versicherte sie. Es gehe darum, ein „besseres Bild der Gesamtlage“ zu bekommen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn wie viele Obdachlose in Frankfurt leben, woher sie stammen und wie lange sie in der Stadt bleiben, ist nicht bekannt. Die Mitarbeiter des Kältebusses, der schon seit dem 15. Oktober wieder im Einsatz ist, haben nach Auskunft von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) bei aktuellen Zählungen rund 140 Menschen angetroffen. Im März seien es noch 300 gewesen. Durch die Einführung des Klientenausweises wolle man „genauere Erkenntnisse über die Hintergründe der Menschen und ihr Nutzerverhalten gewinnen“, sagte Birkenfeld gestern bei der Vorstellung der Hilfsangebote im Diakoniezentrum Weser 5, das auch ein Tagestreff für Obdachlose ist.

          Mehr Obdachlose während Weihnachtsmarkt

          Christine Heinrichs erwartet, dass die Zahl derer, die nachts auf offener Straße übernachten, mit der Eröffnung des Weihnachtsmarktes wieder ansteigen wird. „Die Menschen sind in Bewegung und kommen in die Städte, in denen man Geld verdienen kann.“

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          270 Übernachtungsmöglichkeiten stehen Obdachlosen in Einrichtungen der Caritas, der Diakonie und dem Verein für soziale Heimstätten zur Verfügung. In den Wintermonaten kommen noch 70 Schlafplätze in den regulären Tagestreffs hinzu.

          Für Menschen, die eigentlich keinen Anspruch auf staatliche Hilfe haben, wird zwischen November und Mai die B-Ebene am Eschenheimer Tor geöffnet. Dort gibt es Schlafplätze für bis zu 180 Personen. Der Verein für soziale Heimstätten, der das Angebot in der B-Ebene betreut, hat allein im vergangenen Jahr 23.650 Übernachtungen gezählt. 43 Mal musste die Polizei Streit beilegen, 25 dieser Vorfälle seien auf ein und dieselbe Person zurückzuführen gewesen. „Die Menschen, die herkommen, wollen in erster Linie ihre Ruhe“, sagte Heinrichs. Das Angebot, in der B-Ebene zu übernachten, richtet sich überwiegend an Obdachlose, die wegen ihrer Herkunft keinen Zugang zum deutschen Hilfesystem haben. So dürfen sich beispielsweise EU-Bürger in Deutschland aufhalten, bekommen aber keine Unterstützung vom Staat.

          „Absolute Notversorgung“

          „Für die Menschen, die nirgendwo anders andocken können, ist das die absolute Notversorgung“, sagte Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks für Frankfurt und Offenbach. Auch die Diakonie bietet in ihren Einrichtungen Wohnungslosen Übernachtungsmöglichkeiten an. Für die Sozialarbeiter sei es oft unbefriedigend, nur begrenzt helfen zu dürfen. Frase hofft, dass sich durch die Öffnung der B-Ebene auch die Lage um die Hilfseinrichtung Weser 5 im Bahnhofsviertel entspannt. Auf dem Grundstück des Diakoniezentrums versammelt sich laut Fraser seit einigen Monaten in den Abendstunden eine Gruppe von Osteuropäern, die keinen festen Wohnsitz haben. „Wir mussten uns zwischen Duldung und Verdrängung entscheiden“, sagte er. Verdrängung stehe im Widerspruch zur Grundhaltung der Diakonie. Also habe man versucht, verbindliche Regeln aufzustellen. Der nächtliche Lärm durch die Gruppe, das Verrichten der Notdurft auf offener Straße – all das habe zu Konflikten mit der Nachbarschaft geführt.

          Für einen Kompromiss hat die Diakonie rund 4000 Euro aufbringen müssen. Nachts habe man die Sanitäranlagen für Menschen dieser Gruppe geöffnet. Für diesen Zeitraum wurde extra ein Sicherheitsdienst engagiert. „Die Situation entspannt sich sofort, wenn sich Hilfsangebote öffnen“, sagte Frase, der erwartet, dass die Gruppe im Winter in die B-Ebene umziehen wird und sich „der Druck aus der Nachbarschaft abmildert“.

          Der Kältebus ist auf die Unterstützung der Bürger angewiesen. Wer eine obdachlose Person sieht, die Hilfe benötigen könnte, kann diese unter der Telefonnummer 431414 melden.

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