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TV Großwallstadt : Am Abgrund

Schwer zu ertragen ist die Situation für Spieler David Graubner und den TV Großwallstadt. Bild: imago sportfotodienst

Beim TV Großwallstadt stehen die Zeichen nach vierzig Jahren Handball-Bundesliga auf Abstieg. Selbst das Duell gegen Neuhausen geht 26:28 verloren. Die Spieler haben mehrere Monate kein Geld bekommen. Die Zukunft des Traditionsklubs ist ungewisser denn je.

          Es war ein Bild des Jammers. Im Kabinengang der Aschaffenburger Arena kauerten zwei Spieler auf dem Boden, der eine hatte sich das Trikot übers Gesichts gezogen, der andere war Torhüter Andreas Wolff, der seinen Kopf an die kahle Betonwand der Katakomben gelehnt hatte und mit seinen langen, ausgestreckten Beinen wie ein gefällter Baum wirkte. Die Spieler des TV Großwallstadt hatten sich am Ende selbst geschlagen. Auch die letzte Chance, den TV Neuhausen/Ems noch einzuholen und wenigstens ein Unentschieden aus der Partie der Abstiegskandidaten zu ziehen, war gescheitert, als die Mainfranken in den Schlusssekunden einen siebten Feldspieler aufs Parkett der Aschaffenburger Arena bringen wollten. Torhüter Wolff lief hinaus, Cornelius Maas sprintete los - zu früh. Die Schiedsrichter quittierten dies mit einer Zeitstrafe gegen Maas und mit dem Wechsel des Ballbesitzes zugunsten von Neuhausen, das die Partie 28:26 gewann. Kurz nach dem Schlusspfiff hüpften die Schwaben auf dem Feld umher, als hätten sie gerade den Klassenverbleib geschafft. Dabei ist es auch bei ihnen noch keineswegs so. Denn, so sagte es auch Trainer Markus Gaugisch: „Was dieser Sieg für uns bedeutet, muss sich erst noch zeigen.“

          Für den TV Großwallstadt war die Interpretation der Niederlage einfacher. Peter Meisinger, der im Januar Uli Wolf als Sportdirektor abgelöst hatte, sagte es in aller Offenheit: „Man muss das jetzt ganz realistisch sehen: Wir planen für die zweite Liga.“ Rein theoretisch und auch von der Mathematik der Tabelle aus betrachtet, könnte der TVG zwar noch das rettende Ufer erreichen. Wenn er die Spiele gegen Balingen, Göppingen und Lübbecke gewinnt. Bevor dann zum Schluss der Saison am 8. Juni das letzte Heimspiel ansteht. Der Gegner dort: THW Kiel. Alleine diese Konstellation erklärt viel von der Resignation, die beim TV Großwallstadt am Mittwochabend zu spüren war.

          Zwei bis drei Monate ohne Bezahlung

          Doch sie ist nur ein Bestandteil der tiefen Krise, in der die Mainfranken inzwischen bis zum Hals stecken. Sie beginnt beim Sportlichen. Denn es ist eine berechtigte Frage, ob der TVG in dieser Saison noch in der Lage sein wird, auch nur ein Spiel zu gewinnen. Die Antwort hat etwas mit den weiteren, widrigen Umständen rund um den Traditionsklub zu tun. Der TVG wird in dieser Verfassung vermutlich keines der Spiele mehr gewinnen. Die Mannschaft wirkte am Mittwoch zwar durchaus kampfbereit, war aber dennoch nicht in der Lage, eine Grenze zu überschreiten, die den Erfolg über Neuhausen gebracht hätte. Und die Frage drängt sich auf: Warum war das so? Eine naheliegende Antwort sind die wirtschaftlichen Probleme, die inzwischen den Kern des Vereins erreicht haben: die Mannschaft. „Wir haben ziemlich lange auf das Gehalt gewartet“, sagte Sverre Jakobsson, der Kapitän des TVG nach der Partie.

          Zwei bis drei Monate haben die Großwallstädter Profis wohl ohne Bezüge gearbeitet. Inzwischen ist Geld geflossen, wie auch Guido Heerstraß, der Geschäftsführer des TV Großwallstadt, bestätigte. Natürlich will aus dem Spielerkreis niemand die Leistungskrise mit einem zu spät ausgezahlten Gehalt in Verbindung bringen. „Wir lassen uns doch von so etwas nicht beeinflussen“, sagte Jakobsson, es geht doch um dein Leben und deine Ehre.“ Dass es „immer schwieriger“ werde, die widrigen Umstände ganz auszuklammern, hatte der Isländer freilich schon zuvor in einem Interview mit dem Fernsehsender „Sport1“ eingeräumt. Leicht fällt den Mainfranken derzeit kaum etwas. Was sicherlich auch atmosphärische Gründe hat.

          Insolvenz kann bis Saisonende vermieden werden

          Denn wie Meisingers Bemerkung, man solle sich über die Spieler keine Sorgen machen, „die verdienen genug bei uns“, bei der Mannschaft ankommt, kann man sich vorstellen. Bei dem Meistertrainer von 2009, der als Spieler bis zu seinem Karriereende 896 Tore für den TVG erzielt hatte, war die große, persönliche Betroffenheit eine Erklärung für die harsche Bemerkung. Für ihn und viele Menschen auch im Umfeld des Klubs geht eine Ära zu Ende. Vierzig Jahre Bundesliga neigen sich für das Gründungsmitglied der eingleisigen ersten Spielklasse dem Ende entgegen. Was er empfinde, konnte und wollte Meisinger nicht „in der Öffentlichkeit sagen. Ich blicke nicht gern in die Vergangenheit. Die Zukunft ist schon hart genug.“

          Was auch als kleiner Hinweis auf die großen Fragezeichen verstanden werden kann, die es beim TV Großwallstadt selbst mit dem Blick auf einen Start in die zweite Liga wohl gibt. Eine Insolvenz des Klubs könne man bis zum Saisonende vermeiden, erklärte Heerstraß. Und von den Sponsoren gebe es „positive Signale“, was ein Engagement eine Klasse tiefer beträfe. Alles andere steht wohl noch in den Sternen am Großwallstädter Himmel. Nur dass Trainer Peter David in der zweiten Liga nicht mehr zur Verfügung steht, damit können die Mainfranken sicher rechnen. Meisinger will dem Team noch bis zum vermutlich bitteren Ende dieser Saison zur Seite stehen, gab aber zu bedenken, dass „man von so einer Mannschaft vielleicht auch zu viel erwartet. Damit müssen wir jetzt fertig werden.“ Es kommen auf jeden Fall drei schwere Wochen auf den TVG zu, der am Boden liegt. „Es wird hart, wieder aufzustehen“, sagte Jakobsson. Und Meisinger erklärte leise: „Wir müssen versuchen, die Geschichte sauber über die Bühne zu kriegen.“

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