https://www.faz.net/-gzg-9opou

Helmpflicht für Sikh : Der Turban als „schützende Hand Gottes“

  • -Aktualisiert am

Kartar Maniyani (links) und Jaspal Ghotra, beide Mitglieder der Glaubensgemeinschaft des Sikhs, würden gerne „oben ohne“ Motorrad fahren. Bild: Tom Kroll

Kartar Maniyani und Jaspal Ghotra sind Sikh-Anhänger. Den Turban für das Motorradfahren abzulegen, kommt für sie nicht in Frage. In Indien seien sie oft mit dem Motorrad unterwegs – ohne Helm versteht sich.

          2 Min.

          Kartar Maniyani kassiert gerade einen Kunden ab. Er lächelt freundlich. Der Mann mit dem gepflegten Bart trägt auf seinem Kopf einen grünen Turban. Zusammen mit seinem Kollegen Jaspal Ghotra betreibt er das Restaurant India Star Sweet in der Kaiserpassage. Auch Ghotra trägt eine Kopfbedeckung. Allerdings eher eine Mütze als einen Turban. Beide reden sie an diesem Tag über ein Urteil, das am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gesprochen wurde.

          Ein Angehöriger der Sikh hatte gegen die Helmpflicht beim Motorradfahren geklagt. Gestern das Urteil: Der Motorradfahrer kann nicht von der Helmpflicht entbunden werden, auch nicht aus religiösen Gründen. Anders ausgedrückt: Sicherheit geht vor Religionsfreiheit.

          Kartar Maniyani und Jaspal Ghotra gehören ebenfalls der Religionsgemeinschaft der Sikhs an. Den Turban abzulegen kommt für sie nicht in Frage. Ungeschnittenes Haar und Turban gelten als Respektsbezeugung vor Gott. Beide kommen ursprünglich aus Indien, erzählen sie. Dort seien sie oft mit dem Motorrad unterwegs. Ohne Helm versteht sich. Denn: „Kein Helm passt“, sagt Ghotra und deutet auf den großen grünen Turban seines Kollegen.

          Ausnahmeregelungen für Sikhs

          Ghotra hatte eigentlich auf einen anderen Ausgang des Verfahrens gehofft. „So ein Turban ist ausgerollt fasst acht Meter lang“, sagt er und scheint damit andeuten zu wollen, dass der Stoff schon genug Schutz biete. Er erzählt von den vielen europäischen Staaten, die bereits Ausnahmeregelungen für gläubige Sikhs erlassen haben, etwa Großbritannien.

          Für Sikhs ist das Fahren ohne Helm dort legal, sofern sie einen Turban tragen. Auch bei der Arbeit auf Baustellen sind sie von der Helmpflicht verschont. Khushwant Singh, ebenfalls Sikh und ehemaliger Vorsitzender und Gründungsmitglied des Rats der Religionen, weiß ebenfalls von dem lockereren Umgang der britischen Behörden mit der Kopfbedeckung zu berichten. „In Großbritannien können selbst Polizisten einen Turban tragen“, sagt er. Einzige Bedingung: Der Turban muss zur Farbe der Uniform passen.

          Älteste Community

          In Großbritannien leben etwa 405.000 Menschen, die der Religionsgemeinschaft angehören. In Deutschland sind es bedeutend weniger. Robert Stehpanus, Religionswissenschaftler der Universität Münster, schätzt, dass etwa 18.000 bis 20.000 Sikhs in Deutschland leben. Genaue Zahlen für Frankfurt kann der Wissenschaftler nicht nennen. Er schätzt die Anzahl im Rhein-Main-Gebiet auf mehrere tausend. Laut Stephanus soll in Frankfurt die älteste Sikh-Community Deutschlands leben. Das hänge mit dem internationalen Flughafen zusammen, vermutet der Experte.

          Singh hingegen kann Genaueres über die Kopfbedeckung berichten. Der übliche Turban sei ausgerollt etwa fünf Meter lang. Die korrekte Bezeichnung sei „Dastar“, was übersetzt „schützende Hand Gottes“ bedeute. Außerdem gebe es verschiedene Arten, einen Turban zu binden. Eine davon sei die „Dumala“. Diese Bindung sei besonders fest und stamme von alten Verteidigungskriegern, sagt Singh. „Dieser Turban ist mindestens so stabil wie ein Helm.“

          Für Sikhs sei das Tragen eines Turbans und das Tragen des ungeschnittenen Haares enorm wichtig, betont Singh. Die langen Haare würden eine Demutshaltung gegenüber der Schöpfung darstellen. „Als Sikh versucht man, die Natürlichkeit über das eigene Ego zu stellen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.