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Studiengang in Darmstadt : Die unterschätzte Körperpflege

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Ausbildung: Das Fach Körperpflege wird in Berufsschulen beispielsweise angehenden Friseuren beigebracht – in Darmstadt gibt es dazu einen Studiengang Bild: dpa

Körperpflege lässt sich studieren – und zwar in Darmstadt. Der Bachelor of Education befasst sich mit Mode, Ästhetik und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft. Und ist in dieser Form einzigartig in Deutschland.

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          Für Karolin Ludwig steht die Thesis ihrer Bachelorarbeit schon fest: Space Age und wie die Utopie vom Leben im All die Mode beeinflusste. Ein Thema, für das sich die 27 Jahre alte Studentin begeistern kann. Die Mondlandung löste in den sechziger Jahren Euphorie aus, es entstanden neue Stoffe, futuristische Schnitte und Science-Fiction-Design. Die Raumfahrt inspirierte Modemacher von Pierre Cardin bis Karl Lagerfeld.

          Wie das Weltall Einzug in Mode und Körperkultur hielt, das will Karolin Ludwig nachzeichnen. Die junge Frau macht im nächsten Wintersemester ihren „Bachelor of Education Körperpflege“ an der TU Darmstadt. Ein Lehramtsstudiengang, mit dem sie nach einem anschließenden Masterabschluss Berufsschüler unterrichten könnte. Ludwig liebt ihr Studium, nur mit dem Titel ihres Studiengangs kann sie sich so gar nicht anfreunden.

          „Oft unterschätzt, manchmal belächelt“

          Viele stellen sich unter Körperpflege etwas anderes vor als das, was gemeint ist. „Lernst du da, wie man sich wäscht?“ Solche Fragen hört Karolin Ludwig öfter. Der Erklärungsbedarf ist groß. „Man wird oft unterschätzt, manchmal belächelt“, sagt sie. Dabei dockt der Studiengang gleich an mehrere Fachbereiche und Arbeitsgebiete an, erklärt Alexandra Karentzos, Professorin für Mode und Ästhetik.

          Würde den Studiengang gerne umbenennen: Alexandra Karentzos, Professorin an der TU Darmstadt
          Würde den Studiengang gerne umbenennen: Alexandra Karentzos, Professorin an der TU Darmstadt : Bild: privat

          An ihr eigenes Arbeitsgebiet, aber auch an die Pädagogik, die Chemie und die Biologie. Die naturwissenschaftlichen Fächer gehören zum Studium, und „da gibt es für uns keine Sonderbehandlung oder Ausnahmen“, betont Studentin Karolin Ludwig. Den Studiengang würden Karentzos und ihre Studentinnen dennoch gerne umbenennen – mehr in Richtung Körperwissenschaften und Ästhetik, „aber eine Alternative, die alle unsere Bereiche abbildet, haben wir noch nicht gefunden“, so die Professorin.

          Reflexion ästhetischer Normen

          Der Bachelor ist in dieser Form einzigartig in Deutschland. Entstanden ist der Lehramtsstudiengang schon in den sechziger Jahren, damals durch das Engagement eines Berufspädagogik-Professors der TU. Das Fach Körperpflege wird in Berufsschulen beispielsweise angehenden Friseuren beigebracht.

          Einen Wandel durchlaufen: Karolin Ludwig studiert an der TU Darmstadt den Studiengang Körperpflege.
          Einen Wandel durchlaufen: Karolin Ludwig studiert an der TU Darmstadt den Studiengang Körperpflege. : Bild: privat

          Die Themen Mode und Ästhetik kamen in den neunziger Jahren hinzu, als der zu dieser Zeit in Darmstadt ansässige Kosmetikkonzern Wella eine entsprechende Stiftungsdozentur und später Professur an der TU einrichtete. Ästhetische Normen, so der Ansatz, sollen reflektiert und wissenschaftlich diskutiert werden, also zum Beispiel: Welche Rolle spielen Körper, Haare, Mode oder Schmuck als individuelle und soziale Inszenierungspraktiken?

          Verknüpfung von Geistes- mit der Naturwissenschaft

          2014 lief der Stiftungsvertrag mit Wella aus, die TU übernahm den Lehrstuhl, den Alexandra Karentzos innehat. Der Bachelor of Education Körperpflege habe „ein sehr breites Spektrum“. Es reicht von der Dermatologie, Biologie, der Kosmetikchemie bis hin zur Kunst- und Kulturgeschichte. Karentzos selbst ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin. „Gerade wegen der Verknüpfung von der Geistes- mit der Naturwissenschaft passt der Studiengang sehr gut an eine Technische Universität“, findet die Professorin. „Wir sind sehr interdisziplinär.“ Die Lehrberechtigung ist immer mit einem zweiten Fach verbunden, das die Studierenden belegen müssen. Bei Studentin Karolin Ludwig ist das Politik- und Wirtschaftswissenschaften.

          25 Studierende werden jeweils im Wintersemester aufgenommen. Die Nachfrage ist größer als das Angebot, weshalb in der Regel ein Numerus clausus gilt. Meist sind es Frauen, die sich für den Studiengang interessieren. Der Masterabschluss ermöglicht die Lehrtätigkeit an Berufsschulen. Mit dem Bachelor gehen viele Absolventen als Trainees in die Wirtschaft, als Trendberaterinnen in die Kosmetikindustrie oder wegen der flankierenden naturwissenschaftlichen Ausbildung in Kliniklabore.

          Von der Punkbewegung bis hin zum Rechtsextremismus

          Die Themen des Studiengangs wandeln sich, „so wie sich auch die Gesellschaft verändert und diversifiziert“, betont die Professorin. So geht es heute etwa um Mode und Körpergestaltung in Zeiten der Globalisierung, Körperbilder und Normen in den sozialen Medien, um historische Porträtmalerei, die Selfie-Manie und um Jugendkultur im sozialen Kontext – von der Punkbewegung bis hin zum Rechtsextremismus.

          In Blogs, Vorlesungen und Seminaren befassen sich die Studierenden mit weiblichen Künstlerinnen, der Strickguerrilla und feministischen Handarbeiten, Alterungsprozessen, Muslim Fashion oder damit, wie die Migrationsgesellschaft die Haarmode verändert. Immer geht es dabei um den gesellschaftlichen, kulturwissenschaftlichen Ansatz und einen kritischen Blickwinkel, sagt Alexandra Karentzos. In Corona-Zeiten drehen sich die Themen auch ganz aktuell um Körper- und Ausgrenzungsaspekte in der Pandemie-Geschichte, um Homeoffice als emanzipatorischen Rückschritt oder den Fakt, dass derzeit Masken genäht werden sowie Mundschutz-Mode kreiert wird.

          Karentzos bemerkt, „dass Studierende im Laufe des Studiums ihre Perspektive wandeln, kritischer werden und die sozialen Medien anders nutzen“. Auch Karolin Ludwig hat einen Wandel durchlaufen: Sie hat nach dem Abi Friseurin gelernt, ihren Meister gemacht, bevor sie eine akademische Laufbahn einschlug. Eigentlich wollte sie Berufsschullehrerin werden, aber jetzt hat sie sich umentschieden. Sie will Auslandserfahrung sammeln, plant den Wechsel in einen englischsprachigen Management-Masterstudiengang an einer schwedischen Universität. Anschließend will sie sich in der Kosmetikindustrie bewerben. Und nebenbei hat sie sich auch noch selbständig gemacht – mit „Kopfsache“, einem mobilen Friseursalon.

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