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Trude Simonsohn : Über das Glück und das Grauen

Trude Simonsohn hat als Zeitzeugin unzähligen Schülern und Erwachsenen von einer Zeit berichtet, die man als Nachgeborener nur aus Büchern und Filmen kennt. Nun ist ein Buch zu ihrem Leben entstanden. Bild: Eilmes, Wolfgang

Zeitzeugin, Ratgeberin, Mutmacherin: In Frankfurt gibt es wohl nur wenige, die so viel Achtung und Bewunderung genießen wie Trude Simonsohn. Ihr Buch „Noch ein Glück“ erzählt den Weg von einer behüteten Kindheit ins KZ und von einer schwierigen Suche nach Heimat.

          In all dem großen Unglück ihrer Zeit und ihres Lebens hat Trude Simonsohn Glück gehabt. Sie wurde im Gefängnis in Brünn an die Wand gestellt - aber nicht erschossen. Die Nazis deportierten sie - doch nicht ins berüchtigte KZ Ravensbrück wie viele, sondern „nur“ nach Theresienstadt. Dort musste sie ihrer Mutter den Tod des Vaters im KZ Dachau vermelden. Und als sie auch diese verloren hatte, blieb ihr noch Berthold Simonsohn, der Mann, den sie in Theresienstadt kennenlernte und mit dem sie ihr späteres Leben verbrachte. Selbst Auschwitz haben die beiden überlebt.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viel Glück im Unglück. Es hätte schlimmer, weitaus schlimmer kommen können. Trude Simonsohn, geborene Gutmann, hat Haft und Verfolgung mit unglaublichem Glück überstanden. Es gab so viele Momente von „noch einmal Glück gehabt“ in ihrem langen Leben, dass sie ihren jetzt vorgelegten Erinnerungen ein Zitat vorausstellt, das einst der Schriftsteller Friedrich Torberg seiner Figur Tante Jolesch in den Mund gelegt hat: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

          Ironisches Glück

          Noch ein Glück und noch ein Glück und noch ein Glück. Trude Simonsohn wäre es gewiss lieber gewesen, wenn ihr ein normales Leben beschieden gewesen wäre, das nicht des Glückes des „Gerade noch einmal davongekommen“ bedurft hätte. In diesem Fall wäre die Zweiundneunzigjährige jetzt vielleicht eine pensionierte Lehrerin oder eine Ärztin im Ruhestand irgendwo in Tschechien. Doch weil damals der Krieg und der Holocaust in das Leben der jungen Jüdin aus Olmütz einbrachen, lebt Trude Simonsohn seit mehr als einem halben Jahrhundert in dem Land, dessen Herren ihr damals nach dem Leben trachteten.

          “Noch ein Glück“ hat Trude Simonsohn ihr Buch genannt, das dieser Tage im Wallstein-Verlag erschienen ist. Das ist ein wenig ironisch gemeint, denn Simonsohn zählt darin alle jene Gefahrensituationen auf, denen sie mit „noch einmal Glück gehabt“ entronnen ist.

          Sie hat Schülern und Erwachsenen von ihrer Geschichte erzählt

          Aber dieses „Noch ein Glück“ besitzt eine weitere Bedeutung, nämlich dass Trude Simonsohn schließlich doch noch ihr Glück gefunden hat. Das Glück der Liebe, das Glück der Freundschaft, das Glück, gebraucht, anerkannt und allseits hochgeschätzt zu werden als Zeitzeugin, Ratgeberin, Mutmacherin. In Frankfurt gibt es wohl nur wenige Menschen, die so viel Achtung, Verehrung und Bewunderung genießen wie Trude Simonsohn. Sie, diese kleine Frau, ist eine große Autorität, ein wahrhaftiges Vorbild, eine bewundernswerte Persönlichkeit. Kein Wunder, dass Jutta Ebeling sie gebeten hat, zu ihrem Abschied aus dem Bürgermeisteramt eine Rede zu halten. Und ganz folgerichtig, dass die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth sie als eine Freundin betrachtet.

          Trude Simonsohn hat als Zeitzeugin unzähligen Schülern und Erwachsenen anschaulich von einer Zeit berichtet, die man als Nachgeborener nur aus Büchern und Filmen kennt. Ihre Geschichten waren so ungewöhnlich und ergreifend, dass man ihr immer wieder sagte: „Sie müssen das aufschreiben.“ Ihre Antwort war stets dieselbe: „Ich kann erzählen, aber nicht schreiben.“ Nun hat sich doch eine Lösung gefunden: Trude Simonsohn erzählt, und ihre Freundin Elisabeth Abendroth schreibt auf.

          „Ich werde das deutsche Gymnasium nie wieder betreten“

          Das so entstandene Erinnerungsbuch „Noch ein Glück“ beginnt, wie sollte es anders sein, mit einem Glück, in diesem Fall einem echten Glück, dem Kindheitsglück der kleinen Trude in Olmütz. „Ich war ein glückliches Kind“, lautet der erste Satz. Die Familie gehörte dem Bürgertum an, der Vater verdiente als Kommissionär für Getreide ordentlich, auch ihre Mutter hatte mit einem Hutladen lange Erfolg. Wahrscheinlich hätte der Vater, wenngleich Zionist, nie und nimmer Olmütz in Richtung Palästina verlassen. Er hat aber den Traum von einem eigenen jüdischen Staat an seine Tochter weitergegeben.

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