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Trotz steigender Quote : Arme sind ein Drittel reicher

Doch nicht so dramatisch: Die Betrachtung der relativen Einkommensverteilung sorgt für Entwarnung. Bild: dpa

Entgegen dem Bundestrend steigt die Armut in Hessen. Ein genauerer Blick auf die Zahlen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zeigt, was die „Armutsquote“ tatsächlich aussagt.

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          Mitten in der Spendensaison schlägt der Paritätische Wohlfahrtsverband wieder einmal Alarm: Die Armut steige in Hessen gegen den Bundestrend an, seit 2008 von 14 Prozent auf 16 Prozent, hieß es gestern, das Bundesland habe sich „auffallend schlecht“ entwickelt, das sei „schlicht nicht hinnehmbar“.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass die Lage nicht unbedingt so dramatisch ist, zeigen jedoch die Zahlen des Verbandes. Für ihn fallen all jene unter die Armutsgrenze, die ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) zur Verfügung haben. Es geht dabei also nicht um das absolute Existenzminimum, sondern vielmehr um die relative Einkommensverteilung.

          Armutsgrenze steigt, wenn Verdienste steigen

          Die relative Grenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens hat einen paradoxen Effekt: 2007 galt ein Single als arm, der über höchstens 765 Euro verfügte. 2018 mussten es schon 1035 Euro sein. Eine Alleinerziehende mit Kind galt 2007 als arm mit maximal 993 Euro, inzwischen auch eine mit bis zu 1346 Euro im Monat. Bei kinderlosen Paaren verschob sich die „Armutsschwelle“ von 1103 auf 1553 Euro. Damit sind also nach Rechnung des Wohlfahrtsverbandes plötzlich Zehntausende Hessen arm, die es nach Ansicht desselben Verbands vor einem Jahrzehnt noch nicht waren – und dies es selbst womöglich nicht so empfinden.

          Das ist ein logischer Effekt der Berechnung von Armut relativ zum mittleren Einkommen: Steigen die Verdienste großer Teile der Bevölkerung, steigt auch die relative Armutsgrenze in Euro, und mehr Menschen gelten scheinbar als gefährdet – obwohl die Zahlen der Arbeitslosen, Hartz-IV-Bezieher und Minijobber teils drastisch gesunken sind. Und umgekehrt: Wenn viele arbeitslos werden oder Gehaltskürzungen hinnehmen, sinkt das mittlere Einkommen und damit die Armutsschwelle.

          Mit der Inflation lässt sich die Erhöhung der Armutsgrenze um rund ein Drittel nicht begründen, sie betrug seit 2007 nur 15 Prozent. Erklärbar ist dies vielmehr dadurch, dass die Bevölkerung insgesamt wohlhabender geworden ist. Das bestätigt selbst die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung: Nach deren Zahlen ist das mittlere Haushaltsnettoeinkommen in Deutschland seit 2007 um 35 Prozent auf 1725 Euro gestiegen.

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