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Lernen in der Corona-Krise : Hinter dem Schulportal

Neue Regeln, alte Schule: Seit Montag dürfen viele Schüler wieder in ihre Gebäude. Bild: Imago

In dieser Woche hatten auch jüngere Kinder endlich wieder ein bisschen Unterricht. Die ganz jungen müssen noch warten. Wie läuft es in den Klassen?

          3 Min.

          In einer Welt ohne Corona wäre es eine angenehm kurze Schulwoche gewesen. In der Welt mit Corona war es eine angenehm lange. Und das, obwohl sie für manche Schüler schon am Montagmittag endete. Dann war ihr erster Präsenztag nach zwei Monaten Pandemiepause vorbei, und der Dienstag und Mittwoch unterschieden sich nicht mehr wesentlich vom Feiertags-Donnerstag und vom Brücken-Freitag. Zu Hause sein ist im Schüleralltag längst das Normale, nicht das Besondere.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Rückkehr aber war besonders. Seit Anfang der Woche durften knapp 500.000 hessische Schüler wieder in die Gebäude. Das betrifft vor allem die mittleren Altersklassen: die ältesten Grundschüler und die Jüngeren an den weiterführenden Schulen. Die Abschlussklassen waren schon drei Wochen früher dran; die Erst-, Zweit- und Drittklässler müssen noch bis Anfang Juni warten.

          Viele waren froh. Sie sahen ihre Freunde und Lehrer wieder, vom Sitzplatz mit Sicherheitsabstand aus sogar ohne Maske. Neu waren Händewaschen, Hinweisschilder und Pfeile auf dem Boden. Eine echte Pause gab es nicht. Auch der Unterricht hatte, wie es Kultusminister Alexander Lorz (CDU), formuliert, noch wenig mit dem zu tun, „was wir als Schulunterricht kennen“. Mal eben den Sitznachbarn um Rat oder einen Radiergummi zu bitten: wegen der Abstandsregeln verboten. Trotzdem berichteten Schüler beim Mittagessen, das wegen der geschlossenen Cafeterien nach wie vor zu Hause stattfand, wie schön die Stunden in halber Klassenstärke gewesen seien. Wenn statt 30 nur 15 da sind, kommt jeder viel öfter dran.

          Weiterhin wenig Präsenzunterricht

          Doch der Ausflug in die Schule bleibt die Ausnahme. Die meisten haben jetzt bis zu den Sommerferien noch knapp zehnmal Präsenzunterricht. Der Rest des Stoffs muss zu Hause bewältigt werden – mit Hilfe von Eltern und Geräten. Den einen danken die Politiker in diesen Tagen herzlich mit warmen Worten. Die Geräte besorgen sie hektisch mit Hilfe des Digitalpaktes von Bund und Ländern. Außerdem gibt es ein Sonderprogramm des Bundes für Schüler, die sich Tablet oder Laptop nicht leisten können.

          In Frankfurt geht Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) davon aus, dass die Stadt von 5,9 Millionen Euro aus dem Sonderprogramm rund 10.000 Geräte für die Schulen beim kommunalen IT-Dienstleistungsanbieter Ekom21 bestellen wird. Allerdings rechnet die Stadträtin auch mit Lieferschwierigkeiten. Daher ist sie sich nicht sicher, ob die Ausstattung bis zum neuen Schuljahr vorhanden ist. Falls doch, können die Schulen die Geräte an einzelne Schüler verleihen.

          Die Kriterien dafür sollen die Schulen festlegen, weil sie die Familien am besten kennen. Nach wie vor berichten Schüler und Lehrer, dass bei vielen nur Smartphones vorhanden sind. Mit denen können sie Arbeitsaufträge weder zufriedenstellend am Bildschirm bearbeiten noch ausdrucken.

          Datenschutz im Online-Unterricht

          Andere Familien fluchen dagegen über die Flut von Druckaufträgen am heimischen Rechner. Denn nach wie vor gehen viele Arbeitsblätter per E-Mail an die Eltern. Dagegen soll jetzt das hessische Schulportal helfen. Moritz Promny, der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, wählte kürzlich einen hübschen Vergleich: Unter einem Schulportal hätte sich seine Großmutter vermutlich einen Sandsteintorbogen am Eingang einer Schule vorgestellt. Ähnlich soll das virtuelle Portal funktionieren. Es verschafft Lehrern und Schülern einen datenschutzrechtlich sicheren, technisch einheitlichen Zugang zu einer Plattform. Das Portal ist überall im Land gleich, aber dahinter verbirgt sich die Plattform der eigenen Schule.

          Eine Lehrerin erklärte es ihrer Gymnasialklasse so: „Das ist wie Moodle, nur viel besser.“ Bisher hatten viele Schulen die Lernplattform Moodle genutzt. Nach dem Willen der Landespolitik sollen möglichst alle Schulen in den nächsten Wochen angeschlossen sein. Bis sich das Hoch- und Herunterladen von Lernaufträgen eingependelt hat, kann es noch dauern. Bisher wurden viele Schüler bloß aufgefordert, sich erstmals einzuloggen und das Passwort zu ändern.

          An Grundschulen bestücken Lehrerinnen derweil virtuelle Pinnwände. Die Kinder lesen dort kleine Botschaften. Schauen Fotos vom Klassenstofftier an, das sich zurzeit ziemlich einsam fühlt. Erfahren, welchen Punktestand die Klasse auf der Bücherquizseite Antolin erreicht hat. Oder sehen einen Lernfilm zum halbschriftlichen Addieren.

          Kleine Gruppen in den Klassenzimmern

          Die ersten Tage der Viertklässler liefen nach Beobachtung von Bildungsdezernentin Weber recht reibungslos. Schließlich hatten die Schulen sich schon zum 27. April darauf vorbereitet. Dann ging ein Eilantrag einer Frankfurter Schülerin beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof ein. Das Gericht entschied, dass die so frühe Rückkehr der Viertklässler im Vergleich zu den noch Jüngeren nicht gerechtfertigt sei. Einen zweiten Antrag kurz vor dem jetzigen Beginn zog die Viertklässlerin zurück.

          Auch viele der noch Jüngeren wissen inzwischen, wie oft – oder besser: wie selten – sie jetzt noch in die Schule dürfen. Manche ohnehin schon kleine Klassen werden gedrittelt. Die Schulen begründen das damit, dass die Lehrer sich dann intensiver mit den einzelnen Schülern befassen können. Um einen Eindruck zu bekommen, was jedes Kind in der Corona-Zeit gelernt und was es versäumt hat. Die kleinen Gruppen kommen dann allerdings oft nur für zwei, drei Stunden in die Schule.

          Stadträtin Weber hätte sich gewünscht, dass das Ministerium die Zeiten einheitlicher und damit elternfreundlicher regelt. „Für Arbeitnehmer wäre es leichter, die Kinder wenigstens für einen ganzen Tag in der Schule zu wissen.“ Insgesamt, sagt die Bildungsdezernentin, seien am Ende dieser Woche aber „erstaunlich wenig“ Beschwerden aus Schulen und Familien bei ihr angekommen. Das könnte ein gutes Zeichen sein. Oder damit zusammenhängen, dass die Himmelfahrts-Woche doch ziemlich kurz war.

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