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Tropical Underground : Das etwas andere Achtundsechzig

Umgekehrter Blick: „Kuyawmá mit meiner Super-8-Kamera, Yawalpíti-Dorf, 1976“ Bild: Sammlung Eduardo Viveiros de Castro/Instituto Socioambiental

Von Brasilien lernen: Mit „Tropical Underground“ fragt ein virtueller Frankfurter Kulturcampus nach der Revolution in Kunst, Kino und Kulturanthropologie. Findet sich eine experimentelle Moderne oder gar wilder Kannibalismus?

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          Essen die Bewohner des Amazonas Gebiets ihre Feinde, oder erzählen sie das nur den angereisten Ethnologen? Die Frage stellt das Frankfurter Weltkulturen-Museum anlässlich der Schau „Variationen des wilden Körpers. Fotografien von Eduardo Viveiros de Castro“. Und man fragt sich natürlich auch, was wiederum die Ethnologen erzählen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viveiros de Castro ist nicht nur einer der bedeutendsten lebenden Vertreter dieser Wissenschaft. Anthropophagie, Menschenfresserei, spielt bei ihm, den der vormalige Direktor des hiesigen Frobenius-Instituts, Karl-Heinz Kohl, jüngst in dieser Zeitung als „legitimsten Erbe von Lévi-Strauss“ bezeichnet hat, eine Rolle – als Denkmodell. Damit schließt er an eine Tradition der Moderne an, die vor 50 Jahren ihren Anfang nahm und an die nun das großangelegte Programm „Tropical Underground. Revolutionen von Anthropologie und Kino“ anknüpft: die „Tropicália“ genannte brasilianische kulturpolitische Bewegung.

          Verkörperung der Blicke auf Anthropologie, Avantgarde und Politik

          Philosophie, Film, bildende Kunst und natürlich Ethnologie verbindet wie der Tropikalismus auch der 1951 geborene Viveiros de Castro in seinem Werk. Hatte er doch damals seine interdisziplinäre Arbeit begonnen, noch als Student fotografierte er Dichter, Denker und Filmsets, für den Low-Budget-Film „The Secret of the Mummy“ von Ivan Cardoso hat er das Drehbuch verfasst, „mehr oder weniger“, wie er abwiegelt. Viveiros de Castro, der gestern selbst durch seine Ausstellung von Fotografien seiner jahrelangen Feldforschung am Amazonas führte, die am Abend des 17. November um 19 Uhr im Weltkulturen-Museum eröffnet wird, verkörpert quasi all jene Blicke des „Tropical Underground“, auf den sich das gleichnamige Frankfurter Projekt noch bis zum Juli 2018 bezieht. Von Brasilien, so der Wunsch der beteiligten Institutionen, zurück zu uns. Das Vorhaben: aus der Tropicália-Bewegung zu lernen, ihrem ganz besonderen Umgang mit der „eigenen“ und der „fremden“ Kultur, mit der Moderne, der Anthropologie, der Avantgarde, der Politik.

          Als virtuelle „Campus-Veranstaltung“ der Goethe-Universität Frankfurt und ihres Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie des Exzellenzclusters „Herausbildung normativer Ordnungen“, des Deutschen Filminstituts, des Museums Angewandte Kunst, des Mousonturms und des Weltkulturen Museums in Kooperation mit der Kultur- und Wissenschaftsstiftung SESC aus São Paolo soll „Tropical Underground“ mit der Fotografie-Ausstellung, mit einer großen Film- und Vortragsreihe sowie im Mai 2018 mit einer Tagung diese neue und andere Moderne als Haltung fruchtbar machen. Das Institut für Ethnologie oder das Frobenius-Institut sind nicht direkt beteiligt.

          Erweiterte Perspektive und Debatte

          Die Welt mal nicht nur aus europäischer Perspektive zu betrachten, das könnte ganz hilfreich sein in Zeiten von Globalisierung und Migration, lautet der Ansatz des großen Konsortiums, das sich, unterstützt von zahlreichen Förderern, zusammengetan hat. „Unseren Beitrag zum Frühjahr 1968“ nennt das gar Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft, der zusammen mit Paula Macedo Weiss und Marc Siegel sowie Veronica Stigger und Eduardo Sterzi das Programm kuratiert hat.

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          Umgekehrt allerdings haben die brasilianischen Künstler und Philosophen durchaus nach Paris geschaut, als von 1967 an diese spezielle Revolution in ihrem von einer Militärdiktatur unterdrückten Land begann. In der brasilianischen Kunst, mit Hélio Oiticica etwa, dessen namengebende großartige Installation „Tropicália“ 2013/14 im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen war, und dem im Frühjahr ein Abend mit Super-8-Filmen gewidmet sein wird. Der Film, „Cinema Marginal“, das Kino des Randständigen, soll sich bis zum Frühjahr als besonders fruchtbares Gelände erweisen: Die Reihe „Lecture & Film“ in Kooperation mit der Goethe-Universität hat sich schon bei Werkschauen bewährt, nun verbindet sie bei freiem Eintritt Kunst, Wissenschaft und Debatte. Rare Kopien hat das Deutsche Filmmuseum beschafft: Wild, experimentell und bisweilen sogar kannibalisch.

          „Tropical Underground“ wird bis Juli 2018 fortgesetzt, das Gesamtprogramm findet sich auf einem Flyer, der in allen Institutionen ausliegt, sowie auf der Internetseite www.tropical-underground.de Ausstellungseröffnung im Weltkulturen-Museum am 17. November  um 19 Uhr, die Schau ist bis 11. März zu sehen. Nächste „Lecture & Film“ am 30. November um 20.15 Uhr.

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