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Vertrocknete Bäume : Sorge um die Zukunft des Waldes

Abgestorben: Auf dem Darmstädter Waldfriedhof müssen aus Sicherheitsgründen 150 Bäume gefällt werden. Bild: Marcus Kaufhold

In Darmstadt gehen viele Bäume an Trockenheit zugrunde. Ein Runder Tisch soll nun Vorschläge erarbeiten, wie man den unübersehbaren Folgen des Klimawandels begegnen kann.

          Nach den Sommerferien wird in Darmstadt eine Frage zur Diskussion gestellt, die viele Bürger bewegt. Sie lautet: Wie gehen wir angemessen mit unserem Wald um? Dass man sich das fragen muss, ist der FDP kürzlich auf einer Exkursion mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald deutlich geworden, die durch den Westwald in Höhe der Darmstädter Villenkolonie führte. Dort berichtete der ehemalige Forstamtsleiter Arnulf Rosenstock, dass 60 Prozent der Laubbäume abgestorben und weitere 35 Prozent schwer geschädigt seien.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die FDP-Fraktion hat daraufhin sofort eine große Anfrage an den Magistrat gerichtet. Sie wünscht zum Beispiel eine Prognose zur Zukunft des Stadtwaldes. Eine weitere der 18 Fragen lautet: „Stimmt es, dass die Stadt plant, den Westwald (sei es ganz, sei es teilweise) durch Baugebiete zu ersetzen?“

          Nun ist anzunehmen, dass die FDP auf ihre Anfrage nach den Sommerferien eine ungewöhnlich umfangreiche Auskunft erhalten wird. Der Magistrat hat beschlossen, einen Runden Tisch Wald einzurichten. „Dieses Gremium soll uns dabei helfen, das komplexe Ökosystem Wald und dessen Schutz besser und umfassender begreifen und bearbeiten zu können“, sagte Umweltdezernentin Barbara Akdeniz (Die Grünen) zu der Initiative. Die erste Sitzung ist für den 17. Oktober geplant. Vorausgehen wird dem eine Informationsveranstaltung für Bürger am 23. September. Außerdem ist im Herbst eine Bürgerbefragung vorgesehen.

          Künftige Bewirtschaftung des Stadtwaldes

          Deren Ergebnisse sollen in die Diskussionen des Runden Tisches einfließen, in den 25 Mitglieder berufen werden. Jede der acht Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung darf einen Vertreter benennen, je einen Sitz bekommen Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, BUND, Nabu, Jagdverband, Weltwaldallianz, Initiative Pro Walderhalt, Naturschutzbeirat und Netzwerk für Klima- und Umweltschutz. Außerdem werden Hessen-Forst, Technische Universität, Sportamt, Regierungspräsidium, Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie und Umwelt- und Grünflächenamt mit dabei sein. Bei Bedarf können weitere Sachverständige und Gäste hinzugezogen werden. Die Stadt ruft also Fachleute, Politik und Interessengemeinschaften zusammen, um mit deren Expertise die Frage zu beantworten, wie der Stadtwald künftig entwickelt und bewirtschaftet werden soll.

          Die Sorge um dessen Zukunft ist nicht neu. Seit Jahren schon versucht die Westwaldallianz, den Darmstädter Westwald durch eine Ausweisung als Bannwald besonders zu schützen. Bislang – trotz Unterstützung durch das Stadtparlament – ohne Erfolg. Dass der Westwald, der sich entlang der Autobahn 5 zieht, extrem geschädigt ist, kann jeder sehen, der Augen hat – auch vom Auto aus. Rund um das Darmstädter Kreuz ragen inzwischen fast mehr dürre Baumleichen in den Himmel als gesunde Baumkronen.

          Immer wieder warnen

          Hessen-Forst muss deshalb Spaziergänger und Wanderer immer wieder warnen. Erst vor wenigen Tagen wies Forstamtsleiter Hartmut Müller vom Forstamt Darmstadt darauf hin, dass trockene Äste und absterbende Bäume schon bei leichtem Wind zu Boden stürzen können. Beim Waldbesuch sei daher Vorsicht geboten. Und auf dem Waldfriedhof: Dort muss das städtische Grünflächenamt rund 150 stark geschädigte Bäume fällen, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten.

          Inzwischen gelten diese Warnungen auch für den Darmstädter Ostwald, der bisher als intakt galt. Er leidet erkennbar an den zu geringen Niederschlägen. Buchen und Kiefern zeigen deutliche Trockenschäden. „Das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der jetzt Schäden auftreten und Bäume sterben, überrascht uns sehr“, schrieb Müller in seiner Warn-Pressemitteilung unter der Überschrift „Gefahr in unseren Wäldern nimmt deutlich zu“. Die Schäden zeigten sich in den Baumkronen, Buchen würden durch Sonnenbrand verletzt, ihre Rinde springe auf und Pilze könnten eindringen. Sie seien es am Ende auch, die geschwächten Bäumen das Leben kosteten.

          Lücken gerissen worden

          Auch die Situationsbeschreibung von Akdeniz‘ klingt dramatisch. Grundwassermangel und Maikäfer setzten dem Westwald zu, auch im Ostwald seien Lücken in einstmals geschlossene Waldbestände gerissen worden. „Eine regelmäßige Forstwirtschaft ist unter diesen Rahmenbedingungen derzeit nicht mehr möglich“, sagt die Dezernentin. Der Wald als Rohstofflieferant und Naherholungsgebiet, seine Bedeutung für den Boden-, Klima- und Wasserschutz und für die Artenvielfalt – all dies müsse unter den Bedingungen des Klimawandels besser verstanden werden. Man brauche Handlungsempfehlungen. Dies genieße „höchste Priorität“.

          Handlungsempfehlungen braucht es nach Ansicht der Dezernentin auch für die Grünpflege in der Stadt. Bisher seien nur junge Bäume bis zum Alter von fünf Jahren regelmäßig gewässert worden. Das reiche womöglich nicht mehr aus. Überlegt werde deshalb eine neue „Bewässerungsstrategie“.

          Die FDP-Stadtverordnete Ursula Blaum hat nach der Exkursion durch den Westwald einen Forderungskatalog formuliert. Das Waldgebiet müsse erhalten werden, weil es vor Lärm und Hitze schütze und für Sauerstoff sorge. Deshalb sei ein sofortiger Stopp der Wasserentnahme zum Beispiel bei Pfungstadt nötig, eine Wiederaufforstung und der Verzicht auf schädigende Eingriffe etwa durch eine neue ICE-Trasse. Der Westwald sei für die Lebensqualität in Darmstadt unersetzlich.

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