https://www.faz.net/-gzg-9mvrh

„Vorgarten als Abstellraum“ : So grausam sind Kiesgärten für die Artenvielfalt

Tristesse mit Kies: Viele Hausbesitzer wollen keine Zeit mehr in ihre Vorgärten investieren. Bild: Cornelia Sick

Früher waren Vorgärten der Stolz eines jeden Hausbesitzers. Nun verkommen sie immer öfter zu Kiesflächen – und unterstützen damit auch noch das Artensterben. Muss das so sein?

          Wann der Trend eingesetzt hat, Vorgärten nicht länger repräsentativ und ästhetisch anspruchsvoll mit Pflanzen, Bäumen und Sträuchern zu gestalten, sondern Schotter und Kies in den unterschiedlichsten Farben und Körnungen zu verwenden, ist kaum noch zu datieren. Aus dem anfänglichen Trend ist längst ein Hype geworden. „Es gibt Straßenzüge, da sind von zehn Vorgärten sieben geschottert“, sagt Thomas Büchner, Vizepräsident des hessischen Garten- und Landschaftsbauverbands. Es sei, als fahre man durch Steinwüsten. Ob an der Bergstraße, wo Büchner seinen Betrieb hat, oder andernorts im Rhein-Main-Gebiet.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Tristesse der Vorgärten hat ein solches Ausmaß angenommen, dass sich am Freitag die Umweltminister auf ihrer Konferenz in Hamburg mit dem Thema beschäftigt haben. Sie fordern, die Bundesregierung solle eine Kampagne für eine insektenfreundliche Gestaltung von Privatgärten beginnen. „Mir erschließt sich nicht, warum es eine scheinbare Renaissance von Schottergärten gibt“, sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) und hob hervor, dass die Länder sich einig seien, dieser Entwicklung entgegenzusteuern.

          Schwindende Zahl der Insekten

          Mit Hinweis auf die schwindende Zahl an Insekten, vor allem an Wildbienen, hat auch Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) erst kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass Schotter- und Kieselsteingärten, aber auch reine Rasenflächen Insekten keinerlei Nahrung böten. Jeder Vorgarten und Balkonkasten, jede Freifläche könne „durch geschickte Pflanzenwahl zum Bienenbuffet“ werden, so Hinz. Doch die Ministerin ahnt, warum es so wenig blühende Vorgärten gibt: Viele Menschen wüssten nicht, welche Pflanzen Nektar und Pollen zur Verfügung stellten.

          Manche fühlen sich mit Kiesgärten „modern“. In den Steinwüsten finden Insekten jedoch keine Nahrung mehr.

          Eine „Unbeholfenheit mit dem Grün“ ist auch nach Einschätzung von Alexander von Birgelen, Professor für Pflanzenverwendung an der Hochschule Geisenheim, einer der zentralen Gründe für die wachsende Zahl von Schottervorgärten. Dabei gebe es längst fertige Mischpflanzungen und das Angebot der Gartenbaubranche, beratend zu helfen. Allerdings macht er die Fachplaner für die Entwicklung mit verantwortlich. Die Vorgärten seien über Jahre aus dem Fokus gerückt. Das Hauptaugenmerk ruhe auf dem Garten hinter dem Haus, der zum verlängerten grünen Wohnzimmer wird, angelegt nach gestalterischen und weniger nach ökologischen Aspekten. „Der Vorgarten ist zum Abstellraum verkommen“, für Autos, Räder und Mülltonnen.

          Pflanzenexperten könnten mitschuldig sein

          Birgelen hält es für denkbar, dass die Pflanzenexperten selbst nicht unschuldig an der Entwicklung sind. In den vergangenen Jahren haben sie die Städte beraten, wie diese wieder vielfältigere Staudenbeete anlegen können. Dabei haben sie mit Mulch und Mineralischem gearbeitet, um Unkraut fernzuhalten, damit die Beete leichter zu pflegen seien. „Vielleicht“, so Birgelen, „haben sich die Bürger das zum Vorbild genommen.“ Die Intention sei eine ganz andere gewesen.

          Nicht zuletzt gibt es die japanische Gartenkunst, die viel mit Kiesflächen und in Form geschnittenen Gehölzen arbeitet, aber eine Miniaturlandschaft sein soll. Dieses Vorbild könnte den einen oder anderen beeinflusst haben, die kargen Gärten als modern zu empfinden.

          Hauptmotiv, den Garten zu pflastern, zu versiegeln oder mit Kies zu bedecken, ist die einfache Pflege und die damit verbundene Zeitersparnis. Schließlich hat man auf diese Weise eine dauerhafte Lösung gefunden, die einem mehr Zeit für anderes lässt. Das hat Lisa Mühl ermittelt, die für ihre Bachelor-Arbeit an der Hochschule Geisenheim Besitzer steinerner Vorgärten befragt hat. Viele gaben zudem an, ihr Vorgarten habe durch Schotter und Kies ein ansprechendes und gepflegtes Erscheinungsbild.

          Vom Nachbarn abgeguckt

          Auf die Frage, wie sie auf die Idee gekommen seien, statt auf Blumen und Blühendes auf steinerne Materialien zu setzen, gab die Hälfte der Befragten an, sich an Nachbargärten orientiert zu haben. Die anderen hatten sich die Anregung aus dem Baumarkt und von Gartenbau-Betrieben geholt. Für Fachleute wie Büchner sind nicht einmal Kies und Schotter das Schlimmste, sondern die darunter liegenden Folien, die Unkraut am Wachsen hindern sollen. „Man bringt Kunststoff in den Boden, das kann nicht sinnvoll sein.“ Zudem komme Unkraut nicht nur von unten, sondern Wind und Vögel verteilten den Samen, der zudem gut auf kantigen Schottersteinen hängen bleibe.

          Was tun, jetzt, wo die Schottervorgärten da sind, die nicht nur Bienen und Vögel darben lassen, sondern obendrein die Überhitzung der Städte fördern? Kommunen wie Frankfurt haben Vorgartensatzungen, über die sie Einfluss nehmen könnten. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) würde am liebsten Schottergärten verbieten. „Die sind grausam“, schimpft sie. Doch für die Vorgartensatzung ist der Planungsdezernent zuständig. Der hat kürzlich wissen lassen, ihm fehlten schon jetzt Mitarbeiter, um Vorgärten zu kontrollieren.

          Weitere Themen

          Antike Schätze im dunklen Keller

          Goldhandel : Antike Schätze im dunklen Keller

          Degussa Goldhandel gönnt sich außer einer neuen Niederlassung in Frankfurt ein eigenes Museum. Dort geht es weniger um übliche Anlagemünzen als um Kulturgeschichte.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

          Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
          Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.