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Alternative Treibstoffe : Mit Wasserstoff im Schritttempo voran

Spritfrei: Säulen der Wasserstoff-Tankstelle (rechts) am Tor Süd des Industrieparks Höchst in Frankfurt Bild: Michael Kretzer

Was mit viel Vorschusslorbeer begonnen hat, dümpelt vor sich hin: Kaum ein Autofahrer steuert die Wasserstoff-Tankstelle in Höchst an. Infraserv sucht nun Unterstützer.

          Große Pläne verlangen große Gesten. Folglich hat es sich Alois Rhiel (CDU) nicht nehmen lassen, am Industriepark Höchst die erste öffentliche Wasserstoff-Tankstelle in Hessen in einem feierlichen Akt zu eröffnen. Ihre Inbetriebnahme war gleichzeitig der Startschuss für das von der Europäischen Union mitfinanzierte Projekt „Zero Regio“. Das erklärte Ziel dieses Vorhabens lautete, die Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle zu verringern und die Vision einer Region ohne Schadstoffausstoß zu verfolgen. Um Wasserstoff als Spritersatz im Alltag zu testen, stellte der Autobauer Daimler fünf mit Brennstoffzellen ausgestattete Fahrzeuge dem Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport zur Verfügung. Das war im Herbst 2006, als der Wirtschafts- und Verkehrsminister von Hessen eben noch Rhiel hieß. Zwar gibt das Land immer noch Geld für Wasserstoffprojekte, doch die Begeisterung von einst scheint längst Ernüchterung gewichen zu sein.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Wasserstoff-Tankstelle zieht bisher keineswegs Scharen von Autofahrern an, die umweltfreundlich unterwegs sein und ohne herkömmlichen Sprit auskommen wollen. Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) bezifferte unlängst im Landtag in Wiesbaden die Zahl der Nutzer auf zwölf bis 15.

          Wasserstoff-Tankstellen nicht rentabel

          Das hat einerseits gewiss damit zu tun, dass Autos mit Brennstoffzellenantrieb noch zu den Exoten gehören und testweise fahren. „Nachdem Brennstoffzellenfahrzeuge weltweit in verschiedenen Demonstrationsvorhaben mit großem Erfolg auf ihre Alltagstauglichkeit und Sicherheit getestet wurden, beginnen aktuell die ersten Fahrzeughersteller mit der Serienproduktion“, heißt es bei der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie GmbH in Berlin, die das deutsche Innovationsprogramm auf diesem Gebiet steuert. Zum Zweiten kann von einem breiten Netz an Wasserstoffzapfsäulen hierzulande noch nicht die Rede sein. Die Experten aus Berlin sprechen von ganzen 15 Tankstellen dieser Art zwischen Flensburg und dem Alpenland; bis Jahresende sollen es aber 50 werden, wie es weiter heißt.

          Für jene, die sich wie der Industrieparkbetreiber Infraserv Höchst für die Wasserstoff-Tankstelle starkgemacht haben, ist der Zustand recht misslich. Zumal sich der Betrieb auf dem Gelände der Agip-Tankstelle nicht lohnt. Nach Angaben der Infraserv, deren damaliger Geschäftsführer Roland Mohr an der Eröffnung der Wasserstoff-Zapfsäulen ebenso teilnahm wie Agip-Deutschlandchef Mauso Risi, stehen die Betriebskosten „in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag“.

          Al-Wazir will Vorhaben nicht fördern

          Weil zudem das Projekt nicht mehr von Brüssel gefördert werde, bemühe sich Infraserv Höchst beim Bundesverkehrsministerium um Fördermittel und stehe gleichzeitig in Gesprächen mit dem Land Hessen. „Angestrebt wird eine für Infraserv Höchst kostenneutrale Lösung, die einen weiteren Betrieb der Wasserstoff-Tankstelle ermöglicht. Dies wäre vor dem Hintergrund weiterer Pilotversuche zur Nutzung von wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen wünschenswert“, heißt es in Höchst.

          Allerdings scheint das Wirtschafts- und Verkehrsministerium in Wiesbaden nicht sonderlich geneigt zu sein, dem Industriepark-Betreiber entgegenzukommen. Dass der laufende Betrieb die Kosten nicht decke, sei aus umweltpolitischem Blickwinkel zu bedauern, sagte Al-Wazir im Landtag. Aber er gab auch zu verstehen, das Land sei nicht bereit, öffentliche Mittel zur Verfügung zu stellen, um den Fortbestand zu gewährleisten.

          Geländewagen mit Wasserstoff-Antrieb ab Mai

          Hinzu kommt: Seit der Eröffnung der Tankstelle hat sich auch im Industriepark die sogenannte Wasserstoff-Infrastruktur deutlich verändert. Gab es seinerzeit in Gestalt der Pemeas Fuel Cell GmbH dort ein junges Unternehmen mit Wurzeln in der einstigen Hoechst AG, das sich auf Membrane aus Kunststoff zum Einbau in Brennstoffzellen spezialisiert hatte, so ist das längst Geschichte. Zuerst wurde das Unternehmen im Dezember 2006 an die BASF verkauft. Knapp drei Jahre später verlagerte der Chemieriese den Betrieb dann in die Vereinigten Staaten. Die Folge: „Im Industriepark Höchst sind aktuell keine Unternehmen ansässig, zu deren Kernaktivitäten die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie gehören“, teilt Infraserv mit. Der im Industriepark Höchst im Rahmen der Chlorproduktion anfallende Wasserstoff wird nach wie vor in einer entsprechenden Abfüllstation für die industrielle Nutzung außerhalb des Standortes verarbeitet oder in Höchst für die Energieerzeugung genutzt.

          Immerhin tut sich auf dem Markt für Brennstoffzellen-Autos etwas. Hyundai will von Mai an einen sportlichen Geländewagen mit Wasserstoff im Tank in Deutschland anbieten. Für diesen Herbst plant Toyota, sein 2014 vorgestelltes Modell Mirai in Europa auf den Markt zu bringen. Daimler hat mitgeteilt, 2017 in die Serienproduktion einzusteigen.

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