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Treffen der Genossenschaftsbanker : Die Volksbanken wollen die Guten sein

  • -Aktualisiert am

Unter blauem Himmel: Die Volksbanken sehen sich als die Guten im Banksystem – die heikleren Aufgaben treten sie aber ihrem Spitzeninstitut DZ-Bank ab. Bild: Manz, Florian

Die Genossenschaftsbanker treffen sich heute in der Jahrhunderthalle. Vom Ruf nach solideren Banken fühlen sie sich gestärkt.

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          Die Volks- und Raiffeisenbanken demonstrieren jetzt mit. Sie wollen Teil der Occupy-Bewegung sein, der jungen Leute also, die seit zwei Wochen vor der Europäischen Zentralbank zelten. Zumindest haben sich die Kreditgenossen mit seitenfüllenden Werbeanzeigen in mehreren Tageszeitungen Anfang der Woche klar auf die Seite der Kritiker des Finanzsystems geschlagen. „Wir wollen direkte Demokratie vor Ort statt Zentralismus aus Berlin oder Brüssel“, steht auf dem Plakat, das die hinter GuyFawkes-Masken vermummten Demonstranten auf dem Anzeigenmotiv hochhalten.

          Tim Kanning
          (kann.), Wirtschaft

          Die Aussage ist klar: „Demokratisch, regional, sicher - seit 1843. Volksbanken, Raiffeisenbanken“ steht unter dem Bild. Die Kreditgenossenschaften sehen sich als die Guten und wollen sich nun auch stärker als solche präsentieren und sich klarer von dem vielkritisierten „Bankensystem“ abgrenzen.

          Es geht auch ums Geschäft

          Wenn die Vorstände der 300 Volks- und Raiffeisenbanken aus weiten Teilen Deutschlands, die im Neu-Isenburger Genossenschaftsverband organisiert sind, heute gemeinsam mit ihren besten Mittelstandskunden zum Wirtschaftstag in der Frankfurter Jahrhunderthalle zusammenkommen, dürften ähnliche Töne angeschlagen werden. „Wir sehen uns nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung“, sagt Erwin Deuser, Vorstandsvorsitzender der Wiesbadener Volksbank. Dass immer von „den Banken“ die Rede sei, ärgere ihn, und er finde es gut, dass sich der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken nun unter anderem mit der Anzeige klar positioniere. Auch an anderer Stelle tritt der Verbandsvorsitzende Uwe Fröhlich gern selbstbewusst vor die Kameras und fordert, die Großbanken sollten sich wieder stärker auf ihre dienende Funktion für die Realwirtschaft konzentrieren.

          Doch die Genossen wollen mit ihrer Selbstdarstellung nicht nur moralisch auf der Seite der Guten sein. Es geht auch ums Geschäft. Denn auch wenn allerorten eine Abkehr vom großen Finanzcasino gefordert wird, im Kleinen trägt der allergrößte Teil der Privatkunden sein Erspartes doch ganz gern dahin, wo es die dickste Rendite gibt. Warum sein Tagesgeld bei der Volksbank Dreieich zu 0,75 Prozent anlegen, wenn Commerzbank und Deutsche Bank mit mehr als zwei Prozent locken?

          2008 und 2009 hat die Taktik schon einmal funktioniert

          „Wenn wir solche Prozentsätze bieten würden, müssten wir direkt die Kreditkonditionen verschlechtern“, sagt Deuser. So ist es nicht nur ein PR-Gag, wenn die Kreditgenossen sich zu den Demonstranten gesellen. Es soll auch sagen: Wer jetzt nach dem Urbild der Bank schreit, in dem Privatkunden ihr Geld aufs Konto legen und die Bank es schlicht in Form von Krediten für Mittelständler weiterreicht, der muss nur zu uns kommen - aber der soll dann auch akzeptieren, dass bei solchem Geschäft eben keine horrenden Zinssätze zu holen sind.

          2008 und 2009 hat die Taktik schon einmal funktioniert. Als die erste Welle der Finanzkrise die Bankwelt erschütterte, zogen viele Kleinanleger, abgeschreckt etwa von der Pleite der isländischen Kaupthing Bank, eilig ihr Erspartes ab von all den unbekannten Banken mit den hohen Zinssätzen und trugen es stattdessen zu den Volksbanken um die Ecke - die „sicheren Häfen“, wie sich selbst gern nennen.

          Ganz stimmig ist das nicht

          Auch der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Dreieich, Stephan Schader, ließ es sich neulich nicht nehmen, den Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen vor den versammelten Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer Offenbach auf die Solidität seiner Volksbank hinzuweisen. Als in Folge der Finanzkrise viele Großbanken ihre Kreditvergabe drosselten, wie Schader es darstellte, sei das Kreditgeschäft der Volksbank Dreieich 2008 und 2009 jeweils zweistellig gewachsen.

          Ganz stimmig ist es aber freilich nicht, die „guten“ Volksbanken und die „böse“ Deutsche Bank gegenüberzustellen. Schließlich geben die kleinen Kreditgenossenschaften alle Geschäfte, die ein bisschen größer, komplizierter und auch riskanter sind, an ihr Spitzeninstitut, die DZ-Bank, ab. Wenn sich Volksbanker etwa damit brüsten, keine Griechenland-Staatsanleihen im Portfolio zu haben, dann liegt das vor allem daran, dass sie in der Regel überschüssiges Geld, das sie nicht an Kreditkunden weitergeben können, der DZ-Bank zur Anlage überlassen. Hier stehen die Euro-Krisenstaaten mit insgesamt sieben Milliarden Euro in der Kreide. Im Krisenjahr 2008 stand durch Fehlspekulationen ein Verlust von 1,5 Milliarden Euro unterm Strich. Immerhin: Die Commerzbank musste vom Staat gerettet werden, bei der DZ-Bank schafften das die Anteilseigner - die Volksbanken.

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