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Trauerbegleitung : „Mein Kind begleitet mich noch den ganzen Tag“

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Der Ort der Trauer wird von den Eltern unterschiedlich gestaltet: ein Gräberfeld für totgeborene Kinder. Bild: Kretzer, Michael

Seit 15 Jahren hilft ein Mainzer Verein Eltern, die Sohn oder Tochter verloren haben, mit ihrer Trauer umzugehen. Betreut werden aber auch trauernde Kinder.

          Für Eltern dürfte es kaum einen schwereren Schicksalsschlag geben als den Tod des eigenen Kindes. Richard Röhrig ist genau dies widerfahren: Vor zwölf Jahren kam sein damals 22 Jahre alter Sohn bei einem Unfall ums Leben. „Man fühlt sich amputiert, ein Teil ist rausgeschnitten“, versucht Röhrig für das Unfassbare Worte zu finden. Die Zeit nach dem Tod seines Kindes sei zunächst von Chaos und Orientierungslosigkeit geprägt gewesen. Irgendwann hätten er und seine Frau sich in die Arbeit gestürzt, berichtet er. „Ein halbes Jahr später haben wir gemerkt, dass wir ohne Hilfe nicht weiterkommen.“

          Diese Hilfe haben Röhrig und seine Frau beim Verein „Trauernde Eltern und Kinder Rhein-Main“ gefunden. Seine Gründung 1997 war auf eine Initiative betroffener Eltern und der Seelsorge der Mainzer Universitätskliniken zurückgegangen. Dass es für das Angebot einen Bedarf gab und gibt, zeigt die Entwicklung der Beratungen: Drei Jahre nach der Gründung waren es rund 200 Beratungsgespräche im Jahr, 2002 schon rund 400 und im vergangenen Jahr 1460. Der 320 Mitglieder zählende Verein mit Sitz in Mainz steht nicht nur Eltern, Großeltern und anderen nahestehenden Erwachsenen, die um ein verstorbenes Kind trauern, zur Seite; vielmehr kümmert er sich seit einigen Jahren auch um Kinder, die etwa um einen Elternteil oder ein Geschwister trauern.

          Die Betroffenen erfahren, dass sie in ihrer Trauer nicht allein gelassen werden

          Zum Angebot für die Erwachsenen zählen offene und geschlossene Gesprächsgruppen sowie Einzel-, Paar- und Familienberatungen, außerdem gibt es Tages- und Wochenendseminare. All diese Gruppen werden von sieben ausgebildeten Trauerbegleiterinnen geleitet. Die offenen Gesprächsgruppen sprechen jeweils andere Betroffene an: So gibt es etwa ein Angebot für Eltern, deren Kind während der Schwangerschaft oder im Säuglingsalter verstorben ist; in einer anderen Gruppe finden Väter und Mütter Unterstützung, deren Sohn oder Tochter sich das Leben genommen haben.

          Der Verein ist Anlaufstelle für Betroffene aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, sagt Röhrig, der sich mittlerweile als Schriftführer im Vorstand engagiert. Das Einzugsgebiet erstrecke sich rund hundert Kilometer um Mainz, teils kämen Hilfesuchende sogar aus Bad Dürkheim oder Heidelberg. In den Gruppen erführen die Väter und Mütter, dass sie in ihrer Trauer nicht allein seien und es anderen genauso ergehe, berichtet Tatjana Ohlig, Sprecherin der Trauerbegleiterinnen. Diese Erfahrung hat auch Röhrig geholfen. Eine große Hilfe sei damals auch gewesen, dass geschulte Kräfte die Trauernden in den Beratungsgesprächen unterstützt hätten.

          „Ein Kind hüpft in die Trauer hinein und gleich wieder heraus“

          Die Erkenntnis, dass auch andere betroffen sind, war laut Röhrig auch ein Schritt in Richtung Selbsthilfe. „Da ist das Bewusstsein entstanden, dass wir eine Schicksalsgemeinschaft sind, die sich selbst helfen kann.“ Das Gefühl ersetze zwar den Verlust nicht, erleichtere aber den Alltag, sagt er. So habe man schnell Kontakte geknüpft und sich dann auch in der Freizeit zusammengefunden. Der Verein, der im Sommer dieses Jahres sein fünfzehnjähriges Bestehen gefeiert hat, bietet zudem verschiedene Gemeinschaftsveranstaltungen an wie Wandertage. Außerdem lädt er jedes Jahr für den zweiten Sonntag im Dezember zu einem Gottesdienst ein, in dem der verstorbenen Kindern gedacht wird. Der diesjährige Gottesdienst beginnt am 9. Dezember um 15 Uhr in der Franziskuskirche in Mainz-Lerchenberg, Rubensallee 1.

          Für trauernde Kinder und Jugendliche bietet der Verein altersgerechte Gruppentreffen an, die ebenfalls eine Trauerbegleiterin betreut. Für das Angebot steht ein Raum in der Beratungsstelle des Vereins an der Carl-Zeiss-Straße zur Verfügung. Hier können sich die Kinder und Jugendlichen spielerisch mit ihrer Trauer auseinandersetzen. „Die Kinder brauchen Auszeiten,“ sagt Ohlig. Nach einem Todesfall in der Familie falle es den Eltern oft schwer, genügend Energie aufzubringen, um ihr ebenfalls trauerndes Kind wahrzunehmen, so die Psychologin. Auch trauern Mädchen und Jungen „auf Raten“, während es sich bei Erwachsenen um einen kontinuierlichen Prozess handelt. „Ein Kind hüpft in die Trauer hinein und gleich wieder heraus“, so die Psychologin. Ein Kind, das eben noch weine, könne im nächsten Moment weggehen, um zu spielen.

          „Man geht anders mit Menschen um“

          Rund siebzig Prozent seines Etats muss der Verein als Spenden einwerben, wie Kassenwart Joachim Niebling berichtet. Das sei eine Herausforderung, die viel ehrenamtlichen Einsatz erfordere. Auch Niebling gehört zu den Betroffenen. Mittlerweile ist es elf Jahre her, dass seine damals elfjährige Tochter im Urlaub bei einem Autounfall ums Leben kam. „Meine Frau hat sich relativ bald Hilfe gesucht, bei mir hat es etwas länger gedauert“, berichtet er. Irgendwann sei er dann seiner Frau zuliebe zu einen Treffen des Vereins mitgekommen - wo ihm geholfen worden sei, mit seiner Trauer umzugehen.

          Aus der Gesprächsgruppe wachse man nach und nach heraus, berichtet Niebling, der jedoch weiterhin die Gemeinschaftsangebote des Vereins nutzt. Nach dem Tod seiner Tochter habe sich sein Blick auf das Leben verändert. „Es hat eine andere Wertigkeit, man geht anders mit Menschen um.“ Heute nehme er sich mehr Zeit und schiebe nichts mehr auf, sagt er und nennt Besuche als Beispiel.

          „Mein Kind begleitet mich den ganzen Tag“

          Nach den Worten Ohligs wird an Trauernde aus ihrem Umfeld häufig die Erwartung herangetragen, sie sollten den Alltag schnell wieder bewältigen - verbunden mit der Idee, den Verstorbenen loszulassen. Es gehe darum, den Verstorbenen mitzunehmen, nicht loszulassen, und zugleich zu lernen, trotzdem wieder den Alltag zu gestalten. Mitnehmen, nicht loslassen - dieses Prinzip hebt auch Niebling hervor. „Mein Kind begleitet mich den ganzen Tag.“

          Beratungstelefon

          Das Beratungstelefon unter der Nummer 06131/6172658 ist montags, dienstags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr besetzt. Informationen finden sich auch im Internet unter der Adresse www.eltern-kinder-trauer.de.

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