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Prügel-Opfer : Tugce Albayrak ist tot

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Familie der Gießener Studentin, die vor zwei Wochen in Offenbach niedergeschlagen und ins Koma gefallen war, hat die lebenserhaltenden Geräte abgestellt.

          Ihren 23. Geburtstag verbrachte die im Koma liegende Tugce Albayrak am Freitag noch im Sana-Klinikum Offenbach, ehe die Familie am späten Abend entschied, die lebenserhaltenden Geräte am Krankenbett abzustellen. Mehrere Tausend Trauernde versammelten sich in Offenbach, um Abschied von der couragierten Studentin zu nehmen.

          Tugce Albayrak war vor zwei Wochen vom 18 Jahre alten Senal M. vor einem Schnellrestaurant in Offenbach niedergeschlagen worden und zu Boden gestürzt, wonach sie ins Koma fiel. Sie hatte zuvor in dem Restaurant zwei Mädchen beschützt, die von Männern bedrängt wurden. Zu Lebzeiten hatte Tugce bestimmt, dass ihre Organe gespendet werden sollen.

          Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft kündigte an, der Leichnam werde nun zur Obduktion vorbereitet. Unklar ist noch, ob die junge Frau durch den Schlag oder durch den Aufprall auf das Pflaster tödlich verletzt wurde. Nach wie vor ist auch nicht geklärt, wie der Streit vor dem Schnellrestaurant derart eskalieren konnte.

          „Heute sind wir alle Tugce“, stand auf einem der Plakate, die von den Trauernden am Freitagabend vor dem Klinikum ausgerollt wurden. Die Menschen hielten schweigend Kerzen. Ein Klavier war auf den Rasen geschafft worden, und die Melodie eines Liedes erklang, das Tugce gesungen haben soll. Auf der Facebook-Seite „Tugce zeigte Zivilcourage, zeigen wir Ihr unseren Respekt“ haben sich mehr als 120.000 Menschen solidarisiert. Eine Petition, die die verstorbene Studentin für das Bundesverdienstkreuz vorschlägt, hat inzwischen mehr als 90.000 Unterzeichner gefunden.

          Bouffier will Bundesverdienstkreuz für Tugce

          Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat nach Angaben des Hessischen Rundfunks in einem Interview bereits erklärt, er wolle Tugce für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorschlagen. Dominik Brunner hatte man dieses ebenfalls posthum verliehen, nachdem er 2009 an einem Münchener S-Bahnhof tödlich verletzt worden war, als er Jugendlichen helfen wollte.

          Im Internet äußern Tausende ihre Trauer, auf Twitter veröffentlichen sie Fotos und bekunden ihren Respekts für die Frau, die an diesem Freitag 23 Jahre alt geworden wäre. Ihr Gesicht wird zu einem Gesicht der Zivilcourage, denn auf den Hashtag #TugceAlbayrak folgt nicht selten der Hashtag #Zivilcourage. Eine Frau fragt, was bloß mit dieser Gesellschaft los ist. Ein junger Mann schreibt auf Twitter: „Du bist eine wahre Heldin“.

          Polizeigewerkschaft ermutigt zu Zivilcourage

          Tugce war vor zwei Wochen, in der Nacht des 15. Novembers, auf einem McDonalds-Parkplatz in Offenbach von Senal M. mit der Handkante zu Boden geschlagen worden. Dies belegt eine Videoaufnahme der Nacht. Der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft. Der 18 Jahre alte Senal M. stammt aus der Region Sandžak im Südwesten Serbiens. Die Bevölkerung der Region ist mehrheitlich muslimisch und versteht sich als Bosniaken, berichtet die Frankfurter Rundschau. Ethnische Gründe sollen bei der Tat aber keine Rolle gespielt haben.

          Senal M. hat den Schlag in einem ersten Verhör eingeräumt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Seitdem schweigt er. Gegen ihn wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Von den beiden Mädchen, denen Tugce offenbar vor dem Streit helfen wollte, fehlt noch immer jede Spur. Die Polizei sucht sie als wichtige Zeuginnen.

          Der Fall von Tugce soll laut Polizei niemanden dazu ermutigen, künftig wegzusehen. Im Gegenteil: Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert dazu auf, sich auch weiterhin einzumischen. „Was auf keinen Fall geht, ist wegsehen, weghören oder ignorieren“, sagt Andreas Grün, der GdP-Landesvorsitzende in Hessen. Grundsätzlich sollte sich aber niemand durch seinen Einsatz als Streitschlichter selbst in Lebensgefahr bringen. „Wenn ich körperlich unterlegen bin, verlangt niemand von mir, dass ich den Helden spiele“, sagt Grün.

          Allerdings habe heutzutage jeder ein Handy dabei, mit dem man kostenlos die 110 anrufen und Hilfe holen könne. Er sagt: „Man kann andere Menschen herbeirufen und versuchen, deeskalierend einzuwirken.“

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