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Trauer um Kunstmäzen Ness : „Schöngeist im wahrsten Sinne“

Ferdinand Wolfgang Neess an einem Jugendstil Schreibtisch, der bald im Museum stehen wird. Bild: Marcus Kaufhold

Ferdinand Wolfgang Neess ist tot. Seine exquisite Sammlung von Kunst des Jugendstils schenkte der Mäzen dem Museum Wiesbaden.

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          Es war eine Sensation und fast zu schön, um wahr zu sein, damals, im Frühjahr 2017: Eine über viele Jahre mit Liebe, großer Kenntnis und einigem Geld zusammengetragene Sammlung von Pretiosen des Jugendstils sollte an das Museum Wiesbaden gehen – als Geschenk. Mehr als 500 Objekte, unter ihnen Gemälde, Möbel, Skulpturen, Schmuckstücke, Lampen, Glas und Keramik, umfasste das Konvolut, das einen Querschnitt durch alle Gattungen des Jugendstils bildet, jener Kunstrichtung, die in den Jahren 1895 bis 1905 einer Revolution gleichkam und für die Zukunft stand. Es ist die bedeutendste europäische Sammlung ihrer Art und mit einem geschätzten Wert von mehr als 40 Millionen Euro auch ein monetär bedeutender Schatz, von dem sich sein Zusammenträger und Hüter im vergangenen Jahr mit dem lapidaren Hinweis verabschiedete, er könne ja nichts mitnehmen. Im Museum hingegen, dem er die Kunstwerke übergeben hatte, bleibe die Sammlung beisammen. „Sie wird mich überleben“, sagte Ferdinand Wolfgang Neess seinerzeit.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit nicht nachlassender Leidenschaft hatte er zuvor über Jahrzehnte hinweg eine Kollektion aufgebaut, die seit vergangenem Juni als Dauerausstellung auf 800 Quadratmetern im Südflügel des Museums zu sehen ist. Eröffnet wurde die Schau am 29. Juni, einen Tag nach dem 90. Geburtstag des in Wiesbaden lebenden Kunstmäzens, der die Präsentation des Gesamtkunstwerks an dessen neuem Standort noch erleben durfte.

          Dort wird es nun für immer von einem großen Sammler künden. Am Sonntag ist Neess im Alter von 90 Jahren gestorben, wie die Hessische Staatskanzlei am Montag mitteilte. „Ferdinand Neess hat den Hessinnen und Hessen und allen, die Wiesbaden besuchen, mit seiner Sammlung ein großartiges Geschenk gemacht“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen): „Wir alle werden ihm immer dankbar sein. Dass jemand, der die Kunst so liebt und mit ihr lebt, sich von diesen Werken trennt und sie der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, zeugt von einer Selbstlosigkeit, die als Vorbild dienen kann. Ein großer Mann ist von uns gegangen.“

          „Wiesbaden hat Ferdinand Wolfgang Neess viel zu verdanken“

          Auch Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Kulturdezernent Axel Imholz (beide SPD) würdigten den Toten: „Wiesbaden hat Ferdinand Wolfgang Neess viel zu verdanken. Er war ein Schöngeist im wahrsten Sinne, der auch andere Kunstliebhaber an seinem Reichtum teilhaben lässt. Für immer wird das Museum Wiesbaden mit seinem Namen verbunden sein.“

          Neess, in Berlin geborener Spross einer rheinischen Industriellenfamilie, hatte sich nach einem Wirtschaftsstudium und einer Bankausbildung gegen die Finanzwelt und für den Kunsthandel entschieden. In der Frankfurter Fahrgasse betrieb er etliche Jahre lang eine Kunsthandlung. Sie gab er irgendwann auf, hatte er die schönsten Stücke doch ohnehin für sich behalten. Sie schmückten das prächtige, einst von Josef Beitscher entworfene Haus an der Bingertstraße in Wiesbaden, das er und seine Frau Danielle von 1986 an sanieren und zu einem Schmuckstück mit Stuckdecken und Wandfriesen ausbauen ließen. Heute gilt das 1901 erbaute Weiße Haus, wie es genannt wird, als die qualitätsvollste Schöpfung des Jugendstils in der Landeshauptstadt. Gut 1000 Jugendstil-Exponate von beeindruckender Qualität, darunter viele exquisite Einzelstücke, bildeten das Interieur des Hauses. Ein Gutteil davon gehört nun dank der Großzügigkeit von Ferdinand Wolfgang Neess allen Besuchern des Museums Wiesbaden.

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