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Trauer : Der natürlichste Weg, sich zu verabschieden

  • -Aktualisiert am

Der Natur nahe zu sein, bis in den Tod: Begräbnisort Wald. Bild: Eilmes, Wolfgang

Im Wald finden viele Menschen, was sie auf herkömmlichen Friedhöfen vermissen: naturnahe Spiritualität ohne religiöse Symbole.

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          Vom Waldweg aus ist die Plakette kaum zu sehen. An eine Buche ist sie genagelt, einen Baum mit starken, ausladenden Ästen und moosbewachsenen Wurzeln, die sich ins feuchte Erdreich gegraben haben. Patrick Hess muss um den Baum herumgehen, um die dunkle Platte lesen zu können. Neun Namen stehen darauf, die meisten mit Geburts- und Todesdatum. Es ist das Grab seiner Frau, vor dem Hess steht. Ganz oben, ohne Datum, steht auch sein eigener Name. Irgendwann wird auch Patrick Hess hier liegen.

          „Schon merkwürdig, dort seinen Namen zu lesen“, sagt Hess, der anders heißt, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er ist 58 Jahre alt, wirkt fit. Sein Name am Baum ist die Zusicherung an seine Frau, dass auch er hier begraben wird. Die Buche ist ein Gemeinschaftsbaum auf einem Waldfriedhof bei Weilrod im Taunus. Bis zu zehn Personen können an seinen Wurzeln in biologisch abbaubaren Urnen begraben werden. Ohne Grabstein und Blumen, einzig mit dem schlichten Schild, das die Grabstätte markiert.

          „Man verdrängt das Ende, aber es lässt sich irgendwann nicht mehr verdrängen“

          Dass Hess seiner Frau hierher folgen wird, war ihr bis zu ihrem Tod wichtig. Als bei ihr 2007 Lungenkrebs diagnostiziert wurde, hatte sie noch zwei Jahre zu leben. „Man verdrängt das Ende, aber es lässt sich irgendwann nicht mehr verdrängen“, sagt Hess. „Sie wollte kein normales Grab auf dem Friedhof“, erinnert er sich. Keiner sollte sich genötigt fühlen, es zu pflegen. „Warum pflegt man ein Grab? Um zu sagen: Ich war da? Oder weil es bei den anderen so ordentlich aussieht?“, fragt sich der Witwer. Für sich selbst hat er entschieden: „Man hat die Person in Erinnerung, nicht die Stätte.“ Hess musste jahrelang zwei weitere Familiengräber betreuen. „Das ist dann schon peinlich, wenn man das Grab der Eltern nicht wiederfindet, weil es so zugewachsen ist.“ Hess und seine Frau hielten sich noch nie für gläubige Menschen. „Wenn man älter wird, sieht man sich selbst als kleinen Punkt in der Menschheitsgeschichte. Das ganze Brimborium mit Grab und Blumen erscheint einem dann überflüssig“, erzählt Hess. Die Pflege des Grabs seiner Frau übernimmt jetzt die Natur. Einen fixen Punkt, den Hess aufsuchen kann, um zu trauern, braucht er aber.

          Corinna Brod vom Unternehmen Friedwald kennt die Bedürfnisse der Menschen, die sich für ein Naturgrab entscheiden. Ihnen ist es wichtig, für die Grabpflege keine Zeit aufzubringen. Ebenso die Tatsache, dass die Grabstätte für 99 Jahre ab Errichtung des Friedwalds gepachtet sei. Ansonsten seien ihre Kunden aber sehr unterschiedlich: „Sie kommen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten und beschäftigen sich aus den unterschiedlichsten Gründen mit dem Ableben.“ Nur eines hätten sie gemeinsam eine besondere Beziehung zum Wald. „Sie sind mit dem Friedhof als Lösung nicht glücklich.“ Viele zögen eine Beisetzung ohne religiöse Rituale vor.

          Keine Kerze anzünden zu dürfen oder Blumen abzulegen, ist für viele ein Problem

          Die Idee der Naturbestattung kommt aus der Schweiz. In Deutschland gibt es strenge Regeln für die Beisetzung. Die Urne auf dem Kamin, wie man sie aus Spielfilmen kennt, ist gesetzlich verboten. Verstorbene müssen auf einer als Friedhof gekennzeichneten Fläche begraben werden, Träger dieser Fläche muss eine Kommune oder Kirche sein. Seit dem Jahr 2000 gibt es das Konzept des Naturfriedhofs in der Bundesrepublik, ein Jahr später wurde der erste Friedwald bei Kassel errichtet. Durch Kooperationen zwischen Unternehmen, Förstern und Kommunen sind seitdem mehr als 90 solcher Friedhöfe verschiedenster Anbieter entstanden. Fast 29.000 Bestattungen zählt allein das Unternehmen Friedwald in den vergangenen elf Jahren, mehr als 85.000 Personen haben sich zu Lebzeiten für einen letzten Ruheort in der Natur entschieden. Die Nachfrage ist groß, schon im Sommer wird ein weiterer Waldfriedhof eröffnet.

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