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Transsexuelle : Auf halber Strecke gewendet

  • -Aktualisiert am

Mann oder Frau oder...? Soziale Netzwerke wie Facebook bieten inzwischen mehr als 60 Optionen an, sich geschlechtlich zu definieren. Bild: dpa

Transsexuelle leiden unter dem Gefühl, im falschen Körper zu sein. Manche leben damit jahrzehntelang. Bis es nicht mehr geht.

          Die Versammlung des Karnevalsvereins war fast beendet, als sich Lars Nehrig meldete. „Ich möchte noch was sagen.“ Der Entschluss war spontan. Jetzt ist der richtige Moment, es zu tun, dachte er. Nehrig stand auf und ging, beäugt von 400 Mitgliedern, durch die Stuhlreihen nach vorne. Auf seinem Weg hatte er Zweifel, Herzklopfen. Wie sollte er am besten anfangen?

          Nehrigs Eltern, Freunde und Familie wussten es schon. Doch das hier, das war etwas anderes, etwas viel Schwierigeres, es würde sein öffentliches Coming-Out werden. Bevor Gerüchte entstanden, wollte er den Menschen seine Situation erklären. Vorne an der Bühne drehte er sich zum Publikum, überblickte von dort den Saal. Nehrig hob an, stockte, dann sagte er schließlich allen, was mit ihm los ist: „Ich bin transsexuell.“ Von nun an werde er als Frau leben und nicht mehr Lars, sondern Lara heißen.

          Die erste Krise mit 16 Jahren

          Das war vor zehn Jahren. Wenn Lara Nehrig heute über Transsexualität redet, spricht sie immer wieder von „seinen Weg finden“. Das Bild beschreibt auch ihre Lebensgeschichte. Bis zu ihrem 40. Lebensjahr hat Nehrig als Mann gelebt, war verheiratet, hatte zwei Kinder. Dabei habe sie schon vor der Pubertät gefühlt, dass etwas mit ihr nicht stimme. Sie habe das „Empfinden gehabt, im falschen Körper auf die Welt gekommen zu sein“. Mit 16 Jahren erlebte sie - damals noch als Lars - die erste große Krise. Nehrig brach die Lehre ab und floh aus dem Elternhaus.

          Doch auf eigene Faust konnte sie sich nicht durchschlagen, dafür reichte das Geld nicht. Auch fand sie keine Ansprechpartner für ihr Anliegen. In den Siebzigern und Achtzigern war Transsexualität kein Thema. Akzeptanz gab es kaum, sagt Nehrig, am wenigsten in der kleinen Dorfgemeinschaft, in der sie aufgewachsen war.

          Der falsche Körper ist noch sichtbar

          Sie versuchte, ihr Unwohlsein zu verdrängen. Wenn andere Männer das „Mann-Sein“ zu Wege brächten, müsste sie das auch irgendwie schaffen, war ihr Gedanke. „Mann-Sein“, das hieß: heiraten, Kinder kriegen, hart arbeiten, die Familie versorgen, keine Rücksicht auf sich selbst nehmen. Die Jahre verbrachte sie mit dem Leiden unter der Verdrängung und dem Wunsch, endlich zu sich selbst zu stehen. In der Mitte des Lebens habe sie schließlich das Gefühl gehabt, jetzt sei eine der letzten Möglichkeiten gekommen, in ihrem gefühlten Geschlecht zu leben.

          Nehrig wohnt mittlerweile in einer kleinen Stadt im Norden Frankfurts. Ihr Name wurde für diesen Artikel geändert, weil sie nicht identifiziert werden möchte. Ihre Vergangenheit im anderen Geschlecht ist auch zehn Jahre nach der Hormontherapie noch sichtbar. Zwar hat sie Brüste und lange blonde Haare, trägt Lippenstift und Make-up. Und wenn sie lacht, wirft sie den Kopf nach hinten. Doch ihre Schultern sind auffallend breit für eine Frau, Hände und Arme sind sehr kräftig.

          Wie das Thema öffentlich wurde

          Seit Nehrigs Jugend hat sich das Bild von Transsexuellen in der Gesellschaft gewandelt. „Transgender“ ist längst geläufig als Oberbegriff für nichteindeutige geschlechtliche Zuweisungen und für Menschen, die sich nicht über klassische Geschlechterrollen bestimmen wollen.

          Das Internet, Menschenrechtsgruppen und Künstler aus der Popkultur haben das Thema in die Öffentlichkeit gebracht. Die Sängerin Laura Jane Grace, geboren als Tom Gabel, veröffentlichte 2013 mit ihrer Band „Against Me!“ das Album „Transgender Dysphoria Blues“. Laverne Cox aus der amerikanischen Fernsehserie „Orange Is the New Black“ wurde in diesem Jahr als erste bekennend transsexuelle Schauspielerin für den amerikanischen Fernsehpreis Emmy nominiert. Und Anfang September erst erweiterte Facebook die Möglichkeiten für deutsche Nutzer, Geschlechtsangaben zu machen, um 60 Optionen, darunter sind auch viele Wahlmöglichkeiten für Transsexuelle.

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