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Familienunternehmen Bäckerei : In mehrfacher Hinsicht am Scheideweg

Führen den Betrieb in vierter Generation: Martin und Stefan Dries Bild: Lakuntza, Nerea

Die Bäckerei Dries aus Rüdesheim feiert selbstbewusst ihre Gründung vor 125 Jahren. Doch die Zukunft ist voller Unwägbarkeiten.

          3 Min.

          Bäcker sind systemrelevant. Das wurde ihnen während der Pandemie ausdrücklich bescheinigt. Und obwohl der Verkauf von Brot- und Backwaren an Privatkunden in der Krise auch während des Lockdowns florierte, wurde die gute Entwicklung der zurückliegenden Jahre unterbrochen. Der Umsatz der Branche ging um fast 800 Millionen Euro auf knapp 14,5 Milliarden Euro zurück, weil die Bäcker ihre Bistro- und Café-Zonen schließen mussten und an Bahnhöfen und Flughäfen zeitweise kaum ein Brötchen zu verkaufen war.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Bäckerei Dries in Rüdesheim verzeichnete in den Lockdown-Monaten Umsatzverluste von bis zu 20 Prozent. Das lag auch an reduzierten Öffnungszeiten und zeitweise langen Schlangen vor den Filialen, die Kunden abschreckten. Die Bäckerei traf das insofern hart, als die Personalkosten fast 50 Prozent des Jahresumsatzes von rund 16 Millionen Euro ausmachen. Gerade im Jubiläumsjahr hätten sich Stefan und Martin Dries einen anderen Geschäftsverlauf gewünscht.

          „Wir erhalten das Handwerk“

          An der Entwicklung von Dries lässt sich der Konzentrationsprozess der Branche ablesen. Vor zehn Jahren gab es noch mehr als 14.000 Bäckereibetriebe, heute sind es rund 10.000. Die Zahl der Filialen und Verkaufsstellen aber blieb unverändert. Dries hatte vor zehn Jahren noch 15 Verkaufsstellen und 200 Mitarbeiter. Heute sind es mehr als 300 Beschäftigte und 26 Verkaufsstellen, die täglich rund 12.000 Kunden bedienen. „Wir funktionieren sehr gut“, sagt Martin Dries, der mit seinem Bruder das Unternehmen in vierter Generation führt.

          Trotz seiner Größe sieht sich das Familienunternehmen als handwerklicher Fachbetrieb und nicht als industrielle Großbäckerei. Denn in Rüdesheim wird tagesfrisch produziert, und jedes Brot wird „von Hand gewirkt“, sagt Dries. „Wir erhalten das Handwerk“, erklärt er die Strategie des Unternehmens, „solange wir hier an der Spitze stehen.“

          Familienunternehmen: das Logo der Bäckerei Dries
          Familienunternehmen: das Logo der Bäckerei Dries : Bild: Lakuntza, Nerea

          Damit ist ein zentraler Punkt berührt. Denn das vor 125 Jahren von Heinrich Dries gegründete Unternehmen steht in mehrfacher Hinsicht am Scheideweg. Der 58 Jahre alte Dries geht davon aus, dass perspektivisch wohl ein familienfremdes Management die Geschäfte führen wird, wenn er und sein 60 Jahre alter Bruder sich in ein paar Jahren zurückziehen. Bange ist Dries davor nicht, zumal das Unternehmen in der zweiten Führungsebene schon heute sehr gut aufgestellt sei. Eine Zäsur ist es gleichwohl.

          Nachdenken über größte Investition der Firmengeschichte

          Dries steht zudem vor einer bedeutsamen Entscheidung über eine zweistellige Millioneninvestition. Im Jahr 1995 hatte das Unternehmen den 2010 noch einmal stark erweiterten Sitz an der Fürstbischof-Rudolf-Straße bezogen. Seit eineinhalb Jahren diskutieren Martin und Stefan Dries über den Bau einer neuen, hochmodernen Unternehmenszentrale im benachbarten Geisenheim. Dort haben sie schon 2019 ein 1,3 Hektar großes Gewerbegrundstück erworben, was in dieser Größe im Rheingau heute eine Seltenheit ist. „Es ist das letzte freie Areal dieser Größenordnung“, sagt Dries.

          Darüber verfügen zu können schuf die Grundlage, über die größte Investition der Firmengeschichte nachdenken zu können. Es ist eine Entscheidung von großer Tragweite, und weil noch immer valide, verlässliche Aussagen zu dem Projekt fehlen, wird sie wohl erst im Jahr 2022 fallen. „Wir sind keine Getriebenen. Das muss verantwortbar sein“, sagt Dries. Er lässt keinen Zweifel, dass er bauen will, aber er ist froh, dass die finale Entscheidung nicht unter zeitlichem Druck fallen muss. Zudem gibt es für den Fall der Fälle durchaus Alternativen, wie eine Dezentralisierung der Produktion und deren zeitliche Entzerrung.

          Umziehen oder nicht: Martin und Stefan Dries müssen eine Entscheidung für oder gegen den Standort Rüdesheim treffen.
          Umziehen oder nicht: Martin und Stefan Dries müssen eine Entscheidung für oder gegen den Standort Rüdesheim treffen. : Bild: Lakuntza, Nerea

          Ungeachtet dessen steht auch die Strategie am Scheideweg. Dries hält es für einen Trugschluss, wenn aus einer großen Angebotsvielfalt auf ein „großes Kundenglück“ geschlossen wird. Schon jetzt kämpft Dries wie andere in der Branche mit einem Mangel an Fach- und Hilfskräften. Die Pandemie hat vor diesem Hintergrund einen Lernprozess angestoßen, den Dries im Wunsch nach einer „Konzentration auf das Wesentliche“ zusammenfasst. Es sei nicht notwendig, „alles im Übermaß zu jeder Zeit“ anzubieten.

          Dries-Backwaren in Aldi-Läden

          Dries kann sich vorstellen, das gastronomische Angebot in seinen Backbistros und die Sortimentsvielfalt in der Produktion etwas zurückzufahren, um die Mitarbeiter zu entlasten. Die neue, großzügige „Bäckermeister“-Filiale am Rüdesheimer Europadreieck weist für Dries bei dieser Strategie den Weg. Sie ist inzwischen die umsatzstärkste Verkaufsstelle im Unternehmen, obwohl ihre Eröffnung von vielen Zweiflern begleitet worden war.

          Inzwischen gibt es Dries-Backwaren aber auch in neun Aldi-Läden der Region, weil der Discounter das mehrfach prämierte und ausgezeichnete Unternehmen als Partner für dieses Pilotvorhaben gewonnen hat. Dabei soll es laut Dries trotz weitergehender Angebote von Aldi aber auch bleiben, weil das Familienunternehmen nicht vom Discounter abhängig werden will. Der große Unterschied für den Kunden: die Frischegarantie von Dries. Während in Filialen kontinuierlich während des Tages gebacken wird, erhält Aldi nur einmal am Tag seine Lieferung. Dafür spart der Kunde ein paar Cent.

          Auch für den Fall, dass der neue Standort in Geisenheim bald gebaut wird, soll das nicht der Beginn einer ungezügelten Expansion oder gar der Akquisition konkurrierender Unternehmen sein. Dries weist solche Überlegungen weit von sich: „Das ist eine ganz fremde Welt für uns.“

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