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Lange Tradition : Was hängende Schuhe auf einer Stromleitung bedeuten

  • -Aktualisiert am

Da hängen nun die Schuhe – doch warum? Bild: Tom Kroll

Abgelatschte Turnschuhe hängen in der Oberleitung in Frankfurt. Doch dahinter steckt offenbar mehr: Über die Entjungferung eines Schotten, der Kaufkraft junger Skater und einen möglichen Drogenumschlagplatz.

          Einsam hängen die Turnschuhe an einer Querverbindung zur Stromleitung der Straßenbahn. Das eine Paar ist dunkel, das andere weiß. Unten drunter sehen die Sohlen aus, so als hätten sie schon jede Menge Asphalt gesehen. Die einsam hängenden Sneakers am Baseler Platz könnten das zarte Pflänzchen eines Trends sein. In New York, Edinburgh, Berlin und Flensburg kennt man das Phänomen der hängenden Schuhe schon. In Flensburg sind sie sogar eine Touristenattraktion. Die Anwohner vom Baseler Platz, die ringsum des kleinen Corpus Delicti wohnen, stellen sich noch nicht die Trendfrage. Allenfalls die Frage nach dem Sinn. So wie eine ältere Dame, die mit einem Rollator vorbei geht. Angesprochen auf die Schuhe, sagt sie: „Hä, wo?“ Dann schaut sie hoch, entlang am ausgestreckten Zeigefinger, und fragt: „Und, warum?“

          Zahlreiche Erklärungsversuche drängen sich auf, verschiebt man die Frage von der Straße ins Netz. Wikipedia liefert sogar ein Stichwort: „Shoe tossing“, also Schuhwurf. Ein Trend, der in Schottland und New York geboren worden sein soll. Warum gerade in Schottland und New York? Darauf weiß auch das Internet keine Antwort. Was man allerdings weiß: In der New Yorker Bronx sollen die Schuhe ein Drogenversteck markieren. Und: Die Dealer ehren so verstorbene Gangmitglieder. Statt ein Kreuz aufzustellen, werfen sie die Schuhe des Verstorbenen.

          Schuhwurfbrauch in Schottland

          In Schottland ist der Schuhwurfbrauch wesentlich bürgerlicher begründet. Ehemals jungfräuliche Männer hängen Schuhe ins Fenster oder gut sichtbar vor ihr Haus. Das soll zeigen: Hier wohnt jetzt ein echter Mann.

          In Deutschland kursiert noch eine andere Begründung. Und die stammt aus der Skater-Szene. So beanspruchen Flensburger Skater für sich, den Trend geprägt zu haben. Sie haben schon vor Jahren Schuhe über Laternen und Strommasten geworfen – und zwar gezielt in der Nähe des Skateshops ihres Vertrauens. In Flensburg werde das Schuhwerfen noch immer praktiziert, bestätigt Yannic Specht, Mitarbeiter des dortigen Skateshops Caramba. Specht selbst gibt an, schon vor zehn Jahren seine Schuhe in die an die Oberleitung der Norderstraße geworfen zu haben. Und zwar immer dann, wenn er sich im Skateladen, in dem er heute arbeitet, neue Schuhe gekauft hatte. Schnell schwappte der Trend nach Berlin herüber. Auch dort gibt es Straßenzüge in denen besonders viele Schuhe herabhängen. Und auch in Berlin sind diese Straßen oft in der Nähe von Skateparks, weiß der Reporter aus eigener Anschauung.

          Die Schuhe vom Baseler Platz

          Zurück zum Baseler Platz. Ein Indiz, wieso die Schuhe ausgerechnet dort hängen, liegt am Mainufer. Unter der Friedensbrücke befindet sich der Skatepark. Doch dort rollt an diesem Montagmittag niemand. Nur ein Longboardfahrer rauscht vorbei. Ob er wisse wer die Schuhe geworfen habe? Eine Antwort hat er nicht parat. Er wolle sich jetzt einen „kräutern“, gibt er zu Protokoll. Also Marihuana rauchen. Übrigens sei er auch kein richtiger Skater, sondern Longboardfahrer und außerdem fahre das Brett elektrisch.

          Einzig wer die Schuhe wieder abhängt, darüber herrscht Einigkeit. Es wird ein Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) sein. Das Abhängen sei mit einem gewissen Maß an Aufwand verbunden, da extra ein Steiger, also eine Art Hubwagen, zum Einsatz komme, so eine Mitarbeiterin der VGF. Der Arbeiter wird kurzen Prozess machen – und einen Trend beenden, bevor er sich überhaupt durchgesetzt hat. Er wird mit der Skater Tradition brechen. Möglicherweise. Vielleicht wird durch das Abhängen aber auch das Andenken eines getöteten amerikanischen Gangsters in Frankfurt ruiniert oder die Freude eines entjungferten Schotten geschmälert.

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