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Torwart Florian Fromlowitz : Halberg statt Zuckerhut

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Meister Europas: Florian Fromlowitz mit Mesut Özil im Juni 2009 in Malmö. Bild: picture-alliance / Pressefoto UL

Florian Fromlowitz wurde mit Neuer, Özil, Khedira & Co. U-21-Europameister, dann lief etwas schief in seiner Karriere. Jetzt ist er zweiter Torwart beim SV Wehen Wiesbaden.

          In diesen WM-Wochen kann er sich gegen die Gedanken gar nicht wehren. Was wäre gewesen, wenn . . . Er wolle nicht jammern, denn Karriere- und Lebenswege verlaufen halt mal so und mal so, sagt Florian Fromlowitz. Der Blick auf die deutsche Mannschaft in Brasilien hat für den 28-Jährigen aber auch eine schmerzliche Komponente. Neuer, Boateng, Höwedes, Hummels, Khedira, Özil - das ist sein Jahrgang, das waren seine Teamkollegen beim Triumph der deutschen U 21 bei der EM 2009. Diese sechs einstigen Weggefährten stehen in diesem WM-Sommer im Finale von Rio de Janeiro. Fromlowitz dagegen ist froh, in diesem Sommer im Drittligaklub SV Wehen Wiesbaden überhaupt einen neuen Arbeitgeber gefunden zu haben - bei dem er voraussichtlich den Posten als Nummer zwei bekleiden wird. Platzhirsch Markus Kolke wird nach seiner guten Vorsaison kaum zu verdrängen sein für einen so tief gefallenen Profi, der seit zweieinhalb Jahren ohne Spielpraxis ist.

          Er habe noch „Nachholbedarf“ und müsse „wieder in die Spur“ kommen, sagt der Pfälzer. Kampfansagen klingen anders. „Der SVWW“, sagt Fromlowitz, „ist ein Neustart für mich.“ Der Taunussteiner Ortsteil Wehen samt dem ruhigen Klubgelände auf dem Halberg sei der richtige Ort dafür. Nach dem „schwarzen Kapitel“ Dynamo Dresden, wie er sagt. Dort kam Fromlowitz in den vergangenen zwei Jahren nur zu einem einzigen Zweitligaeinsatz, war in der Vorsaison gar nur noch Torwart Nummer drei bei den Sachsen. Ein steiler Abstieg für einen, der für den 1. FC Kaiserslautern und Hannover 96 70 Bundesligaspiele absolviert hat. Der sich oben angekommen wähnte und nun weit unten gelandet ist.

          Zusammen mit Manuel Neuer beim U-21 Länderspiel Deutschland gegen Niederlande.

          Freund und Lehrer Robert Enke

          „Es war wie ein freier Fall. Ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie schnell es im Fußball gehen kann“, sagt der gebürtige Kaiserslauterer und Spross der berühmten Tarzan-Torwartschule von Gerry Ehrmann. „Ich habe mir auch selbst den ein oder anderen Stein in den Weg gelegt.“ Fromlowitz durchlief alle Junioren-Nationalmannschaften bis zur U 18, dann war Manuel Neuer vor ihm. Er debütierte mit 19 Jahren bei den Profis seines Heimatklubs 1. FCK, wechselte später zu Hannover 96. Als typischer Vertreter der Ehrmann-Flugschule - impulsiv, selbstbezogen, mit Hang zu Showeffekten zwischen den Pfosten - eckte er in Niedersachsen mitunter an. Die Jubelgesten nach erfolgreichen Paraden gewöhnte er sich ab, was auch ein Ergebnis der Hannoveraner Zusammenarbeit mit dem damaligen Nationalkeeper Robert Enke war, der ihm nahelegte, weniger flippig daherzukommen und mehr Ruhe und Souveränität auszustrahlen.

          Fromlowitz änderte sein Torwartspiel, zügelte seine Emotionen auf dem Platz. Bei seinen Einsätzen als Enkes Stellvertreter erarbeitete er sich das Etikett „beste Nummer zwei der Bundesliga“. Dass Fromlowitz dann unter den schlimmstmöglichen Umständen - dem Suizid Enkes - zur Hannoveraner Nummer eins befördert wurde, wird seine Torwart-Vita immer prägen. Ein „Freund und Lehrer“ sei Enke für ihn gewesen, sagt Fromlowitz. Die Last war immens, die auf den nicht wirklich breiten Schultern des 1,85 Meter großen Profis lasteten. Und er bewältigte sie. Mit guten Leistungen hatte er großen Anteil am in letzter Minute geschafften Bundesliga-Klassenverbleib der 96er. Doch nach der darauffolgenden Hinrunde nahm der Hannoveraner Trainer Mirko Slomka Fromlowitz aus dem Tor, was er bis heute nicht versteht. „Wir waren auf Europa-League-Kurs. Alles war gut.“ Dass Slomkas Wahl auf Ron-Robert Zieler fiel, war im Nachhinein betrachtet freilich eine richtige Entscheidung.

          Leidenszeit in Dresden

          Fromlowitz weiß um seine Wirkung und seinen damaligen Ruf: „Ich bin ein Typ, der die Leute entweder begeistert oder verprellt. Dazwischen gibt es scheinbar nichts.“ Das würde er gerne ändern, zeigen, „dass ich mich im Kern nicht verändert habe, aber älter und gerade als Familienvater auch ruhiger geworden bin“. Slomkas Manöver war der Wendepunkt in Fromlowitz’ Karriere. Von Januar 2010 bis heute durfte er sich nicht mehr beweisen. Sieht man vom missglückten Engagement beim MSV Duisburg im Jahr 2011 ab. Auch beim damaligen Zweitligaklub verlor er seinen Stammplatz und lehnte einen Platz auf der Bank ab mit den Worten, dass er dazu „mental nicht in der Liga“ sei. Der Ruf („Stinkstiefel“, „arrogant“, „egozentrisch“) und die Karriere waren beschädigt.

          Neustart in Wehen: Fromlowitz geht als Nummer zwei ins Rennen.

          Es folgte die zweijährige Leidenszeit in Dresden für den einst Hochveranlagten. „Es ist an der Zeit, dass ich meine Stärken wieder in den Vordergrund rücke. Die alten guten Zeiten und die alten schlechten Zeiten zählen jetzt nicht mehr“, sagt Fromlowitz. Alles auf null gesetzt beim SV Wehen Wiesbaden. Er sei froh, so der Keeper, dass die Hessen von ihm „überzeugt sind und wissen, dass ich Potential besitze“. Bei der 1:2-Testspielniederlage gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag stand der 28-Jährige eine Halbzeit lang im Tor. Es hatte vor 6100 Zuschauern in der Wiesbadener Arena einen Hauch von großer Bühne. Gegen die Gladbacher hat er vor nicht allzu langer Zeit noch um Bundesligapunkte gespielt.

          Heute Abend wird Fromlowitz es sich vor dem Fernseher gemütlich machen, die Gedanken an all die verpassten Möglichkeiten vorbeigehen lassen und den alten Kameraden für das Spiel gegen Argentinien die Daumen drücken: „Ich gönne es den Jungs sehr und hoffe, dass sie den letzten Schritt auch noch gehen.“

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