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Frankfurt-Marathon : Im Schatten von Rio

  • -Aktualisiert am

Flott unterwegs: Die Marathonläufer kommen besonders gerne nach Frankfurt, weil schnelle Zeiten möglich sind. Bild: Wonge Bergmann

Olympische Spiele können ein kleiner Albtraum sein – wenn man danach ein Klassefeld für einen Marathon zusammenstellen will. Ein Fall für Christoph Kopp und das Frankfurter Modell.

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          Wie sagt man so schön: Großereignisse werfen ihre Schatten voraus. Aber es gibt auch eines, das einen Schatten hinterlässt – und zwar einen ziemlich langen: Olympische Spiele. Christoph Kopp kann ein Lied davon singen. Kopp ist seit 2003 der Sportliche Leiter des Frankfurt-Marathon, der am Sonntag wieder mehr als 15 000 Läufer auf die Beine bringen wird (Startzeit 10 Uhr). Der 68 Jahre alte Berliner ist der Mann, dessen Expertise und Kreativität gefragt sind, wenn es um die Zusammenstellung des sogenannten Elitefeldes geht. Also jenen kleinen Teil des Marathons, der für die Öffentlichkeitswirksamkeit so eminent wichtig ist.

          Da zählen nur Spitzenzeiten. Die bei begrenztem Budget „einzukaufen“ ist schon in normalen Jahren nicht einfach, aber nach Olympia, wenn die Stars Pause machen oder nur noch die lukrativsten Offerten annehmen, wird es mitunter schwierig. „Weltmeisterschaften sind kein Problem, obwohl es da Geld gibt“, sagt Kopp, „aber Olympia hat für die Topathleten eben eine ganz andere Zugkraft.“ Insofern war der Markt nach Rio ausgedünnt, und es gibt – wie Berlin – andere, die finanziell mehr bieten können. Zumal die Konkurrenz der Veranstalter wächst: „In China und Korea schießen überall Marathon-Events aus dem Boden, die unwahrscheinlich hohe Prämien zahlen“, sagt Kopp.

          Zuverlässige Tempomacher

          Wobei es auch um Frankfurt finanziell jetzt wieder deutlich besser bestellt ist, denn nach einem schwierigen Jahr ohne Titelsponsor hat die Mainova AG diesen Part übernommen. „Ich durfte also ein paar Euro mehr ausgeben“, sagt Kopp schmunzelnd. Und die Athleten können auch wieder ordentlich verdienen, sofern sie Leistung bringen. Ein Sieg in weniger als 2:05 Stunden würde immerhin 60 000 Euro einbringen.

          Aber die, die zu so einer Zeit in der Lage und finanzierbar sind, muss man auf dem ausgedünnten Markt erst einmal finden. Kopp, der früher den Berlin-Marathon mit Topläufern bestückt hat, ist ein alter Hase im Geschäft mit einem internationalen Netzwerk, andererseits bewährt sich auch in diesem Jahr das sogenannte Frankfurter Modell, der Versuch, aus den finanziellen Rahmenbedingungen das Optimum herauszuholen. Man setzt – notgedrungen – nicht auf ein, zwei Superläufer, die weltrekordverdächtig sind, sondern Kopp und der Frankfurter Renndirektor Jo Schindler haben eine andere Strategie entwickelt: Gefragt sind hungrige, vielversprechende Talente, die noch am Anfang stehen, aber ihr Potential bereits angedeutet haben.

          Und sei es nur mit einer exzellenten Halbmarathon-Zeit. So wie in diesem Jahr der Kenianer Leonard Kipkoech Langat, dem Kopp durchaus etwas zutraut. Frankfurt baut auf zuverlässige Tempomacher, ein kleines, kompaktes, homogenes Feld auf hohem Niveau, das idealerweise bis zum Halb-Marathon zusammenbleibt, um Energie zu sparen, und dann erst ist die wilde Jagd freigegeben. Mit dieser Strategie hat man in Frankfurt gute Erfahrungen gemacht. Auch die Athleten. „Im vergangenen Jahr sind neun der ersten zehn persönliche Bestzeiten gelaufen“, sagt Kopp.

          Streckenrekord in Gefahr

          Frankfurt ist als schnelles Pflaster bekannt, die Rahmenbedingungen samt Service am Läufer genießen einen guten Ruf. Da ändert auch mancher Arrivierte, der gut in Form ist, schon mal seine Pläne. Tadesse Tola zum Beispiel. Der Äthiopier ist auch so eine Frankfurter Entdeckung. 2010 wurde der inzwischen 28-Jährige Zweiter hinter dem Kenianer Wilson Kipsang, der seit 2011 den Streckenrekord (2:03:42) hält und für den Frankfurt der Türöffner zu den ganz großen Marathons dieser Welt war. Sechs Jahre später ist Tola, der 2013 in Moskau WM-Bronze erlief, zurück am Main.

          Zurück am Main: Diesmal ist der Äthiopier Tadessa Tola der Favorit.
          Zurück am Main: Diesmal ist der Äthiopier Tadessa Tola der Favorit. : Bild: Picture-Alliance

          „Eigentlich stand er in Chicago auf der Startliste. Aber weil er eine schnelle Zeit laufen wollte, hat er sich für uns entschieden“, sagt Kopp. Und mit seiner Bestzeit von 2:04:49 Stunden ist der Äthiopier neben den Kenianern Mark Korir (2:05:49) und Cybrian Kotut (2:07:11) der Favorit, der zumindest persönliche Bestzeit laufen will. Bei den Frauen könnte sogar der Streckenrekord (2:21:01) in Gefahr sein: Zumindest hat die Äthiopierin Mamitu Daska, die auch schon zum vierten Mal startet, angekündigt, unter 2:20 Stunden laufen zu wollen. „Wir hätten nichts dagegen“, sagt Kopp.

          Nicht jeder auf der Wunschliste

          Gerne hätte der Sportliche Leiter dem Frankfurter Publikum auch mehr deutsche Spitzenathleten präsentiert. So wie im Vorjahr, als Arne Gabius am Main deutschen Rekord lief. „Da sind wir etwas enttäuscht, dass das in diesem Jahr nicht so angenommen wurde. Es gibt ja immerhin einen speziellen deutschen Bonus.“ Und deutsche Meisterschaften. Andererseits hat gerade hier der olympische Schatten besonders nachhaltige Wirkung gezeigt. In deutschen Landen herrscht ja nicht gerade eine Fülle an Spitzenkräften.

          Kopp ist deshalb froh, dass die gebürtige Äthiopierin Fate Tola ihr Marathon-Debüt als deutsche Staatsbürgerin gibt, und dass ihr Mona Stockhecke den Kampf um den Titel schwermachen will. Andererseits war auch nicht jeder potentielle Kandidat gefragt. Die Hahner-Zwillinge, die bei den Olympischen Spielen in Rio für Kopfschütteln gesorgt hatten, als sie Hand in Hand ins Ziel gelaufen waren, als sei Olympia eine Spaßveranstaltung, „stehen erst mal nicht auf unserer Wunschliste“, sagt Kopp. „Die müssen erst mal wieder Ergebnisse liefern.“

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