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Toni Potters : Stolz wie Oskar auf Sir Oscar

  • -Aktualisiert am

„Ich weiß, wie die Pferde ticken“: Toni Potters mit Sir Oscar. Bild: Hoang Le, Kien

Für Pferdekenner Toni Potters ist der Wallach ein Glücksfall/Auftrieb durch den Sieg beim Gruppe II-Rennen.

          3 Min.

          Muskeln, wohin man schaut. Dazu ein glänzendes Fell und jene persönliche Note, die zu erfolgreichen Athleten gehört: Der dunkle Schopf fällt frech in die Stirn. So sehen Sieger aus. Es ist kaum vier Wochen her, da sorgte Sir Oscar für ein Ausrufezeichen im deutschen Galoppsport. In Hannover-Langenhagen gewann der Fünfjährige den „Großen Audi-Preis“, ein internationales Gruppe II-Rennen gegen stärkste Konkurrenz. Gleichzeitig heimste er für seine Besitzerin 40.000 Euro Preisgeld ein. Dieser Erfolg richtete auch das Scheinwerferlicht auf einen Mann, der am liebsten im Hintergrund bleibt: Toni Potters, beheimatet in der Frankfurter Trainingszentrale. Um den Sieg einzuordnen, genügt ein Blick zurück. Die letzten Frankfurter Erfolge auf Gruppe-Ebene, quasi der Champions League des Galoppsports, liegen zehn und mehr Jahre zurück. Zuletzt gelang 2002 Touch Down dieses Kunststück.

          Nun also Toni Potters. Ein Mann mit einer bewegten Vergangenheit. Begonnen hat der Mann mit niederländischem Pass wie so viele Trainer als Jockey, gewann rund 320 Rennen. Danach betrieb er zehn Jahre eine Reha-Station für Rennpferde. Dort baute er Pferde auf, die gesundheitliche Probleme hatten. „Wenn man so will, eine Pferde-Werkstatt“, sagt er augenzwinkernd. Dabei ist der 53-Jährige der Letzte, der ein Pferd als „Sache“ bezeichnen würde: „Ich bin ein Pferdemann durch und durch. Ich weiß, wie Pferde ticken.“ Wo andere Trainer längst die Segel strichen, musste Potters ran. „Auch Pferde können sich mitteilen. Man muss die Zeichen eben zu deuten wissen“, sagt er. „Ich merke sofort, wenn ein Pferd schlechte Laune hat oder sich nicht wohl fühlt.“ Die Reha-Arbeit hat ihm Spaß gemacht, „aber du bekommst dafür null Anerkennung. Die Lorbeeren ernten die anderen.“ Schließlich wechselte er als Assistent zu Andreas Wöhler, arbeitete später als Racing-Manager für das Gestüt Ittlingen. Doch es kam zu Meinungsverschiedenheiten im Umgang mit den Pferden, und da kennt Toni Potters kein Pardon: „Ich will morgens in den Spiegel schauen können.“

          2011 wurde im das Pferd anvertraut

          Also wagte er einen Schnitt. Der Frankfurter Altmeister Heinz Hesse, zugleich Schwiegervater von Potters, schlug ihm vor, ein eigenes Quartier in Niederrad aufzumachen. Zunächst gemeinsam mit Hesse, solange Potters noch keine Trainerlizenz hatte. 2008, mit 48 Jahren, machte er schließlich den Schein. „Ich war der Älteste in der Klasse“, sagt er schmunzelnd. Doch just 2008/09 sah es ganz trübe um den Renn-Klub und die Frankfurter Bahn aus. Phasenweise standen nur noch 40 Pferde in den ingesamt 200 Boxen. Potters schien zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Doch der Neu-Trainer, der eine persönliche Marathonbestzeit von 2:46 Stunden zu Buche stehen hat, kämpfte. Angestellte kann er sich nicht leisten, er macht fast alles alleine. „Die Kosten fressen einen auf“, sagt er. Allein 1000 Euro pro Monat kostet ihn das Heu, die Preise für Stroh sind um 30 Prozent gestiegen. Den Besitzern kann er das nicht eins zu eins aufbürden. „Ich muss ja froh sein, wenn es noch Menschen gibt, die ein Rennpferd halten.“ Denn viel zu gewinnen gibt es im Basisbereich des Galoppsports nicht. Vergangenen Mittwoch war er mit einem Starter in Köln, belegte in einem großen Feld Rang vier. Das brachte gerade mal 300 Euro Preisgeld, zehn Prozent davon für ihn: „Dreißig Euro für einen 24 Stunden-Arbeitstag. Dafür stehen manche Hartz IV-Empfänger noch nicht mal auf.“

          Doch wenn er zum Stall von Sir Oscar kommt, glänzen seine Augen wieder. Seine zwölfjährige Tochter Marissa hat eine bunt verzierte Karte gebastelt und an die Tür geheftet: „Herzlichen Glückwunsch Sir Oscar zu Deinem ersten Gruppe II-Sieg!“ Der „Sir“ ist zum Glücksfall für Toni Potters geworden, seitdem dessen Schweizer Besitzerin Angelika Muntwyler ihm das Pferd 2011 anvertraute. Schon drei- und vierjährig hatte der Hengst einige Erfolge, unter anderem gewann er im französischen Longchamp ein Listenrennen. Doch Sir Oscar litt unter schmerzhaften Problemen im Hodenbereich, musste kastriert werden. Und so seltsam es klingen mag, als Wallach trumpft er nun erst recht auf. Beim Frühjahrs-Meeting in Iffezheim wurde er Dritter bei der „Badener Meile“. Dann der Triumph in Hannover, als er, von letzter Position kommend, Favorit Worthadd noch auf den letzten Metern abfing. „Sir Oscar ist ein ehrliches Pferd und hat ein Kämpferherz, das habe ich vom ersten Tag an gemerkt.“ Und der Braune verdient sich seine Kost und Logis: Bislang hat er schon 120.000 Euro Preisgeld für seine Besitzerin zusammengaloppiert. „Wenn er gesund bleibt, kann er noch drei, vier Jahre auf höchstem Niveau laufen.“ Gut für Potters, der hofft, dass sich seine gute Arbeit auch bei anderen Besitzern herumspricht. „Dieser Erfolg zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“ Man spürt es: Auf Sir Oscar ist er stolz wie Oskar.

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