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Kette statt Einzelkämpfer : Tofu und Sojamilch sind jetzt überall zu haben

Garantiert fleischlos: vegane Ersatzprodukte Bild: Frank Röth

Der erste vegane Supermarkt in Frankfurt ist Geschichte. Die großen Ketten übernehmen nun das Geschäft.

          Schnell ändern sich die Zeiten. Als das damals noch kleine Berliner Unternehmen Veganz im Januar 2013 am Uhrtürmchen in Frankfurt-Bornheim seinen bundesweit zweiten Supermarkt für fleischlose Lebensmittel eröffnete, standen die Kunden Schlange. Viele Frankfurter, die nichts vom Tier essen, also auch keine Eier, Milch und Butter, waren begeistert. Endlich mussten ihren veganen Pizza-Käse, der, wie eine junge Kundin erfreut bemerkte, tatsächlich wie richtiger Käse Fäden zieht, nicht mehr im Internet bestellen. Doch vier Jahre später kam der stille Abschied. Am Samstag war der Supermarkt zum letzten Mal geöffnet.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist wie so oft in der Wirtschaft: Die wagemutigen Pioniere werden überrollt. Kaum sehen die Großen einer Branche, dass mit einem neuen Angebot Geld zu verdienen ist, drängeln sie sich dazwischen. Längst finden Verbraucher Sojaschnitzel und Hafermilch günstiger im konventionellen Supermarkt nebenan. Der Laden sei mit 200 Quadratmetern zu klein gewesen, die Umsätze hätten zuletzt nicht mehr gestimmt, heißt es von Veganz in Berlin. Der Gründer und Mehrheitseigentümer Jan Bredack beziffert den Rückgang in Frankfurt auf 20 bis 30 Prozent. Die Profitabilität bezeichnet er als „katastrophal“. Aus diesem Grund hatte Veganz auch in München einen Markt geschlossen. Von zehn Filialen in Deutschland, Wien und Prag sind jetzt noch acht übrig.

          1,5 Prozent Veganer

          Als Zeichen des Niedergangs der veganen Szene ist die Entwicklung gleichwohl nicht zu werten. Im Gegenteil. Nach den Worten von Sebastian Joy, dem Geschäftsführer des Vegetarierbunds Deutschland, legt der Umsatz mit Fleisch-Ersatz wie Soja-Schnitzeln jedes Jahr im Schnitt um 20 bis 30 Prozent zu. Das bestätigt der Frankfurter Bio-Metzger Michael Spahn, der vor viereinhalb Jahren in den veganen Markt eingestiegen ist. Jedes vierte Schnitzel, das über die Ladentheke seines Geschäfts an der Berger Straße in Frankfurt-Bornheim geht, ist nicht aus Fleisch. Mit seinem veganen Imbiss hatte er allerdings wenig Glück. Den musste er nach kurzer Zeit wieder schließen, in der Erkenntnis: „Ich bin Metzger und kein Gastronom.“

          Die Zahl der Verbraucher, die auf Fleisch verzichten, steigt langsam, aber kontinuierlich. Aktuell beziffert der Vegetarierbund den Anteil der vegan lebenden Menschen in Deutschland auf 1,5 Prozent der Bevölkerung, den der Vegetarier auf knapp neun. Deutlich gestiegen sei auch die Zahl der Flexitarier, also der Konsumenten, die nur selten Fleisch essen. Die Sorge um Tierwohl, Umwelt und Klima begünstigt diese Entwicklung. „Die Argumente sind auf unserer Seite“, sagt Verbands-Geschäftsführer Joy. In der Mehrzahl verzichteten junge, gebildete Menschen in Großstädten auf Fleisch - eine Klientel, die irgendwann Kinder bekomme. „Damit geht die Entwicklung weiter.“

          „Schon Marktführer in Europa“

          Der Lebensmittelhandel hat das längst erkannt und baut in rasantem Tempo das rein pflanzliche Sortiment aus, sei es mit Eigenmarken oder in Kooperationen mit anderen Großhändlern. „Industrie und Handel haben gelernt, mit dem schlechten Gewissen der Fleischlosen Geld zu verdienen“, schreibt die „Lebensmittel-Zeitung“.

          So vollzieht auch das Berliner Unternehmen Veganz die Kehrtwende weg vom Supermarktfilialisten, hin zum Markenartikel-Anbieter. Veganz beliefert außer Edeka unter anderen Globus, Metro, Kaufland und die Drogerieketten dm, Rossmann und Müller. Damit hat das Unternehmen sich und seine Supermärkte quasi selbst ausgebootet. Wer in Frankfurt-Bornheim wohnt, kann deshalb auch weiterhin Veganz-Produkte einkaufen, allein in vier dm-Drogerien.

          Mit weiteren Partnern ist das Berliner Unternehmen, das 2015 einen Umsatz von 25 Millionen Euro erwirtschaftete, im Gespräch. Dass demnächst auch Rewe zu den Kunden zählt, wie Veganz-Chef Bredack angekündigt hat, will der Handelskonzern jedoch nicht bestätigen. Gleichwohl: Mit 150 Produkten in 7000 Verkaufsstellen ist Veganz nach eigenen Angaben schon Marktführer in Europa.

          Inzwischen kommen auch die Wursthersteller auf den Geschmack. So hat etwa Rügenwalder angekündigt, einen separaten Standort für die Herstellung veganer und vegetarischer Produkte zu eröffnen. Aktuell macht der Hersteller schon ein Fünftel des Umsatzes mit fleischloser Ware. Bis 2020 soll der Anteil auf 40 Prozent steigen.

          Das Nachsehen haben die kleinen Anbieter. Bio-Metzger Spahn hat eine Kooperation mit Tegut unter anderem deshalb aufgegeben, weil er, wie er sagt, preislich mit den Großen einfach nicht mithalten könne.

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