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Tod der Darmstädter Schülerin : Wenn Kinder sich das Leben nehmen

  • -Aktualisiert am

Am 7. Juli soll sich eine Schülerin von selbst zwischen die Schienen nahe Darmstadt gelegt haben. Der Lokführer versuchte noch rechtzeitig per Notbremsung zu halten. (Symbolbild) Bild: dpa

In Darmstadt wurde ein Mädchen vom Zug überrollt. Was genau geschah, ist nach wie vor ein Rätsel. Ein Suizid ist allerdings nicht ausgeschlossen. Viele Mitschüler suchen nun psychologische Hilfe.

          Der Tod des elf Jahre alten Mädchens, das am 7.Juli in der Nähe des Bahnhofs im Darmstädter Stadtteil Kranichstein von einem Regionalzug überrollt wurde, gibt der Staatsanwaltschaft weiter Rätsel auf. Inzwischen liegen zwei Zeugenaussagen vor, nach denen sich die Schülerin von sich aus zwischen die Schienen gelegt haben soll, weshalb die Ermittlungsbehörden von einem Suizid ausgehen. Welche Gründe die Elfjährige aber bewogen haben, aus dem Leben zu treten, sind unklar.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Es gibt weder einen Abschiedsbrief und noch Tagebucheinträge, die auf Selbstmordabsichten hindeuten, wie die Behörden mitteilen. Vieles spricht aber dafür, dass die Schülerin ein Opfer von Mobbing war. Die Ermittlungen der Polizei haben ergeben, dass sie in ihrer Klasse offenbar eine Außenseiterrolle gehabt habe und gehänselt worden sei. Der Tod der Schülerin beschäftigt die Kranichsteiner Gesamtschule noch immer. Schulsozialarbeiter und Psychologen kümmern sich um die Mitschüler des toten Mädchens.

          Etwa 20 Kinder nehmen sich pro Jahr das Leben

          Fälle wie diesen kennen Hilfsorganisationen gut – wenn auch nicht immer mit solch tragischem Ausgang. In Darmstadt gibt es inzwischen ein Netz von Vereinen, die sich um Kinder und Jugendliche in solchen Notsituation kümmern. Dazu zählen die Organisation „Komm“, die insbesondere an Grundschulen aktiv ist, der Verein Wildwasser, der sich vor allem um Mädchen kümmert, die sexuelle Gewalt erfahren haben, und der Kinderschutzbund. Besondere Suizidprävention bietet die an den Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret ansässige Organisation „Anna“ („Alles, nur nicht aufgeben“). Deren Psychologin Rebekka Messinesis hat nach dem Unglück in Darmstadt-Kranichstein gesagt, die Sprechstunde von „Anna“ sei ausgelastet, weil täglich Betroffene, Angehörige und Lehrer anriefen. Nach Angaben von Messinesis nehmen sich im Jahr in Deutschland etwa 20 Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren das Leben. Eine Zahl, die zwar hoch ist, aber nach Angaben von Messinesis in den vergangenen Jahren unverändert geblieben ist.

          Der Schulranzen, den das in Darmstadt von einem Zug getöteten Mädchen bei sich hatte.

          Auch das hessische Landeskriminalamt (LKA) befasst sich seit einigen Jahren mit Mobbingfällen unter Schülern, vor allem, was die strafrechtliche Bewertung betrifft. Aus den Fällen, die der Behörde bekannt werden, erarbeiten die Ermittler Handlungsleitlinien für Schulen, Eltern und Opfer, die dann den Polizeipräsidien zur Verfügung gestellt werden, die wiederum Jugendkoordinatoren beschäftigen. Die sind es schließlich, an die sich die Schulen wenden können, wenn sie Mobbing erkennen.

          Viele Mobbing-Fälle in sozialen Netzwerken

          Belastbare Zahlen zu solchen Fällen hat das LKA allerdings nicht, wie ein Sprecher der Behörde sagt. Weil Mobbing kein eigener Straftatbestand sei, sondern sich aus diversen anderen Delikten wie Beleidigung, übler Nachrede, Nötigung oder Körperverletzung zusammensetze. Die Ermittler beobachten jedoch, dass wegen der vermeintlichen Anonymität der sozialen Medien gefühlt mehr Fälle von Mobbing stattfänden.

          Das liegt nach Einschätzung des LKA auch an den veränderten Lebensumständen von Kindern und Jugendlichen. Gingen beispielsweise 2010 nur 13 Prozent der Zwölf- bis Neunzehnjährigen über das Smartphone ins Internet, seien es aktuell 86 Prozent, teilt die Behörde mit. Viele Mobbing-Fälle finden nach den Erfahrungen der Polizei inzwischen in sozialen Netzwerken statt – als Fortsetzung der Geschehnisse im Klassenraum oder auf dem Schulhof.

          Dennoch ist es auch für die Ermittler nicht einfach, jeden Fall richtig einzuordnen. „Wenn der Verdacht einer Straftat besteht, werden in jedem Fall Ermittlungen eingeleitet“, heißt es im LKA. Dann werde auch geschaut, wer hinter den Angriffen stecke. Weil aber bei Mobbing der Opferschutz sehr hoch zu bewerten sei, müsse jeder Fall „besonders sensibel gehandhabt werden“.

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