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Tocotronic in Offenbach : Für den Kopf und für den Bauch

  • -Aktualisiert am

Schüttle das Haar: Rick McPhail, Arne Zank, Dirk von Lowtzow und Jan Müller machen Lärm. Bild: Michael Kretzer

Let there be Rock: Bei ihrem Open-Air-Konzert im Büsingpark in Offenbach dreht die Hamburger Band Tocotronic gehörig auf.

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          Ist es Auflehnung gegen den einst selbstdefinierten Dresscode oder doch den trotz eines heftigen Unwetters wenige Stunden zuvor noch immer recht tropischen Temperaturen geschuldet? Anstatt in eine Adidas-Trainingsjacke, wie sie Dirk von Lowtzow im Frühjahr häufig bei der Tour zum 25-jährigen Bestehen von Tocotronic im Frühjahr in Anlehnung an die Anfangsphase der Band trug, hüllt sich der eloquente Frontmann nun in ein weitgeschnittenes, locker über der schwarzen Hose getragenes pistaziengrünes Hemd. Ausgerechnet der seit dem Jahr 2004 das elf Jahre zuvor in Hamburg gegründete Ensemble verstärkende amerikanische Sologitarrist Rick McPhail konterkariert die Textilfrage mit dem ironisch-provokanten T-Shirt-Aufdruck „Ärger Now?“.

          Nein, Ärger möchte beim ersten Offenbacher Büsing-Open-Air keiner haben. Weder der Veranstalter noch die Besucher. Alles wirkt friedlich, als Dirk von Lowtzow nach Sergei Sergejewitsch Prokofjews dramatischem „Rittertanz“ wortspielhaft mit „Wir beginnen mit der Unendlichkeit in diesem wunderschönen Park unter jahrhundertealten Bäumen“ in ein umfangreiches Best-Of überleitet. Weitere phantasmagorische Überleitungen in gewohnt gewählter Ausdrucksweise folgen. Mit dem verqueren Titelsong und dem punkigen „Electric Guitar“ finden gleich zwei Songs vom jüngsten Erfolgsalbum „Die Unendlichkeit“ ins Live-Repertoire. Zur silbernen Hochzeit, wie Dirk von Lowtzow das Vierteljahrhundert Bandgeschichte unlängst mal bezeichnete, wirken Tocotronic ein wenig unentschlossen. Einerseits heißt es für die Endvierziger zurückzublicken, ohne sich dabei allzu nostalgisch zu geben, andererseits möchte die Band auch nicht ihre visionäre Vorreiterrolle verlieren.

          Einfach nur derbe losrocken

          Ein nicht leicht zu schulterndes Unterfangen, denn nicht nur Adel verpflichtet. Auch ein Etikett wie Diskurs-Pop tut es. An Tocotronic haftet dieses Siegel seit der Veröffentlichung des Debüts „Digital ist besser“ (1995), das im Büsing-Park mit den Stücken „Drüben auf dem Hügel“, „Letztes Jahr im Sommer“ sowie der Zugabe „Freiburg“ vertreten ist. Einerseits half der Intelligenz-Stempel Tocotronic sich rasch als Band zu profilieren, andererseits erwartet die Fangemeinde seither permanent schlaue bis sehr kluge Sätze zu jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit. Dabei möchten Tocotronic, vielleicht einfach nur derbe losrocken.

          Frei nach dem Credo „Let There Be Rock“ vom fünften Studioalbum „K.O.O.K.“ (1999) fährt das von der Rhythmussektion wuchtig unterfütterte Gitarristenduo Lowtzow/McPhail seine diversen Modelle bretthart aus. Wobei sich McPhail mit seiner von gezielten Feedbacks untermauerten Soli-Meterware als ziemlich dominant erweist. Das ebenfalls vom aktuellem Album stammende „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ widmet Dirk von Lowtzow dem im vergangenen Jahr verstorbenen Hüsker-Dü-Schlagzeuger und – Sänger Grant Hart. Nicht nur dieser Titel, sondern auch die Oldies diverser Schaffensepochen wie „Sag alles ab“, „Macht es nicht selbst“, „Die Grenzen des guten Geschmacks“ oder „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ eifern Tocotronics Jugendidolen Hüsker Dü nach, freilich ohne deren Finesse zu erreichen. Die heftig in Wallung geratene Besucherschar stört dieses Detail nicht.

          Unbedarfter Entertainer statt kluger Philosoph

          Obwohl hinterfragt wird, an wen sich das Lied „Hey Du“ richten mag, ein weiterer Auszug aus „Die Unendlichkeit“. Ein immerhin autobiographisches Werk, das sich penibel Dirk von Lowtzows Werdegang vornimmt, chronologisch Kindheit und Jugend im Schwarzwald in den siebziger und achtziger Jahren, den Umzug nach Hamburg 1993 sowie auch spätere Episoden bis in die Gegenwart abklopft. Als auffällig erweist sich Dirk von Lowtzows Antihaltung, weiterhin den klugen Philosophen der „Hamburger Schule“ zu geben. Viel lieber mimt er den unbedarften Entertainer, der herbe gestikuliert, Handküsse verteilt, Blumen ins Auditorium streut sowie nur allzu gerne Floskeln äußert und auch Phrasen drischt. Dazu passt der kitschige Sternenhimmel im Bühnenhintergrund ebenso wie die steinere Löwenstatue zur rechten und diverse Lampen und Gestecke zur linken Seite. Vielleicht gehört das alles zur ironischen Selbstinszenierung einer in die Jahre gekommenen Kultformation.

          Im Finale experimentieren Tocotronic mit dekonstruktivistischem Noise Rock, angekündigt von Dirk von Lowtzow mit den süffisanten Worten: „Jetzt geht die Party erst richtig los.“ Als Ausklang dient indes ein Clou aus der Konserve: Ingrid Caven, einst verheiratet mit Rainer Werner Fassbinder, besingt „Die großen weißen Vögel“. In einem opulent klassischen Arrangement aus Chor und Sinfonieorchester. Schaurig-schön.

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