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Olympia 2016 : Der Stoff, aus dem Bolls Träume sind

  • -Aktualisiert am

Kurze Ablenkung vom Training: Timo Boll bereitet sich auf seinen Wettkampf vor Bild: Reuters

Der Tischtennisprofi aus dem Odenwald hofft, in Rio die Fahne zu tragen. Auf den Medaillenkampf ist er bei seinem fünften Start bei Olympia bestens vorbereitet.

          Bis Dienstag zählt es. Bis zu diesem Dienstag können die Öffentlichkeit und die Athleten der deutschen Olympiamannschaft noch darüber abstimmen, wer als Fahnenträger die deutsche Delegation bei der Eröffnungsfeier am 5. August in Rio de Janeiro im Maracana-Stadion anführen soll. Danach wird ausgezählt. Timo Boll, der Odenwälder, würde auf der großen Bühne vor aller Welt gern Flagge zeigen und bei seinen fünften Olympischen Spielen zum ersten Mal vornweg laufen. „Es wäre eine sehr große Ehre für mich“, sagt der Tischtennis-Rekord-Europameister.

          Zeitplan & Termine für Olympia 2016 in Rio de Janeiro

          Für Basketballstar Dirk Nowitzki sei es vor acht Jahren in Peking „ein großer Moment“ in dessen Karriere gewesen. „Es ist bestimmt ein tolles Gefühl.“ Boll wäre aber nicht Boll, wenn er das besondere Erlebnis auch den anderen vier Kandidaten, darunter die Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke und Hockeyspieler Moritz Fürste, gönnen würde. „Die anderen hätten es auch verdient“, sagt der Düsseldorfer Bundesliga-Profi, der sich als fairer Sportsmann einen Namen gemacht hat. Von seinem Teamkollegen und Konkurrenten im Einzel, Dimitrij Ovtcharov, erhielt Boll bereits die Stimme. Und Thomas Weikert, der deutsche Präsident des Tischtennis-Weltverbandes, würde Boll ebenfalls gern als Anführer der Olympiamannschaft und Nachfolgerin von Hockey-Olympiasiegerin Natascha Keller sehen – „ohne die Verdienste der anderen Kandidaten und Kandidatinnen zu schmälern“, wie der Jurist und Spieler des TTC Elz hervorhob.

          Keine „Riesenerwartungshaltung“ mehr

          Boll, der am Samstag nach Rio geflogen ist, steigt am 7. oder 8. August in den Wettkampf ein, Spielstätte sind die Riocentro-Hallen. In der zweitgrößten Stadt Brasiliens ist der 35-Jährige zum ersten Mal. 2002 war er schon einmal in São Paulo, dort schloss er den Aufenthalt erfolgreich mit seinem ersten Pro-Tour-Sieg ab. Der zweimalige Weltcup-Gewinner erinnert sich aber auch an zwei Nächte, in denen es damals vor seinem Hotel eine Schießerei gegeben habe.

          Sicherheitsbedenken, was nun die Spiele in Rio angeht, hat Boll keine. „Alles ist total geregelt.“ Und er kündigte an, „nicht auf Sightseeing-Tour“ gehen zu wollen. Olympia zum Fünften: Boll ist durch seine sechszehnjährige Zugehörigkeit zur Weltklasse zum Olympia-Routinier geworden. „Beim ersten und zweiten Mal hat es richtig gekribbelt“, sagt er. „Ich war total gespannt auf das ganze Drumherum. Dieses Gefühl ist nicht mehr so da.“ Jetzt konzentriert sich Boll auf das Sportliche. Mit der Mannschaft gewann er 2008 in Peking die Silbermedaille, vier Jahre später in London folgte Bronze. Im Einzel hingegen ist der Nationalspieler ein Unvollendeter – eine Medaille fehlt noch. „Ich kann nicht sagen, wie sich eine Einzelmedaille anfühlt.“

          Her mit der Fahne: Timo Boll hat Chancen, sie in Rio zu tragen.

          Auch ohne diese Auszeichnung ist Boll nicht der Typ, der von sich behaupten würde, „dann fehlt mir irgendetwas. Dafür bin ich zu dankbar für meine Karriere“, sagt er. Die „Riesenerwartungshaltung“ verspürt Boll nicht mehr. „Es ist nicht mehr die Pflicht.“ Doch sein Ehrgeiz, die Lücke in seiner großen Medaillensammlung zu schließen, ist ungebrochen. „Sonst sollte man den anderen den Vortritt lassen“, sagt der WM-Dritte von 2011 im Einzel und der Weltmeisterschaftszweite im Doppel. Würde es in Rio für Boll zu einer Einzelmedaille reichen, würde er seine internationale Karriere nicht beenden. Er kann sich sogar vorstellen, 2020 in Tokio als Fernziel ins Auge zu fassen. „Ich fühle mich recht fit. Und ich hoffe, dass es in den kommenden Jahren weiter so sein wird.“ Die Motivation sei da, sagt der Familienvater.

          Boll muss wohl früh im Turnier gegen Weltmeister antreten

          Für Rio sieht sich Boll gerüstet. Ein Dreivierteljahr nach seiner Operation beschäftigt ihn das Knie nicht mehr. „In den vergangenen Monaten ging es ziemlich bergauf“, sagt er. „Mein Leistungsvermögen liegt aktuell im Rahmen meiner Möglichkeiten bei hundert Prozent.“ Was Boll in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele tun wollte, hat er zu seiner vollen Zufriedenheit erledigt. Bundestrainer Jörg Roßkopf ließ seine Spieler gegen starke Trainingsgegner antreten.

          Beim Testturnier in Hamm besiegte Boll den Weltranglistenfünften Ovtcharov und den Altmeister Wladimir Samsonow. Trotzdem sind die Erfolgsaussichten des ehemaligen Weltranglistenersten aus dem Jahr 2003 im Einzel begrenzt. Dadurch, dass er in der Weltrangliste auf Platz 14 zurückgefallen ist, könnte es der deutsche Rekordmeister schon im Achtelfinale mit dem chinesischen Weltmeister Ma Long zu tun bekommen – oder dem anderen Weltklassespieler Zhang Jike. „Ma Long ist der absolute Topfavorit“, sagt Boll. „Ich traue mir zu, gegen jeden anderen zu gewinnen.“

          Wäre Boll in Rio der deutsche Fahnenträger, hätte er seinem früheren Mannschaftskollegen Roßkopf etwas voraus. Bei seinen fünften und letzten Spielen 2004 unterlag der Bundestrainer dem Springreiter Ludger Beerbaum. Damals entschied noch die Delegationsleitung über den Fahnenträger.

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