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„Tintenherz“ : Beim Vorlesen Goldregen

Eindringlinge in Elinors Bibliothek: Szenenbild aus „Tintenherz“ Bild: Jessica Schäfer

Wenn einer aus Büchern Personen und Schätze herauszaubert: „Tintenherz“ im Frankfurter Schauspielhaus.

          2 Min.

          Das Familienstück zur Weihnachtszeit gehört zu jenen Traditionen, die das Stadttheater selbst in seinen turbulentesten regietheatralischen Zeiten nicht aufgegeben hat. Einfach einmal eine Geschichte erzählen: Wenn nicht im Advent für die lieben Kleinen und ihre Erziehungsberechtigten sowie das einschlägige pädagogische Personal, wann dann? Niemand muss hier den ästhetischen Aufstand proben oder postmoderne Perspektivenwechsel vollziehen. Stattdessen lässt sich der Zauber des Märchenhaften auf die Bühne bringen, mehr oder weniger ungebrochen. Und die Phantasie feiern.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          In dieser Spielzeit, der ersten unter dem aus Bochum nach Frankfurt gewechselten Intendanten Anselm Weber, inszenierte Rüdiger Pape mit „Tintenherz“ nach dem Fantasyroman von Cornelia Funke ein dramatisches Werk, das vom Erzählen selbst handelt. Von der Imagination. Von der Macht des Wortes, die Personen und Situationen erschaffen kann. Aber der Regisseur tat es auf eine so opulente Weise, dass auch Kinder, die oft schon früh mit Bildern übersättigt werden und nicht nur schnelle Schnitte, sondern auch rasches Wischen und zielloses Surfen gewohnt sind, knapp zwei Stunden im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels ohne Murren durchstehen.

          Ein besonderes visuelles Ereignis

          Das Bühnenbild ist überwältigend, in die Tiefe des Raums erstreckt sich eine Bibliothek, an deren Details man sich kaum sattsehen kann, und wenn ab und an der Vorhang fällt, werden auf ihn Animationen projiziert, die das Geschehen auf einer anderen medialen Ebene weiterführen. So wird die Fahrt von Buchbinder Mo (Uwe Zerwer), seiner zwölf Jahre alten Tochter Meggie (Lisa Eder) und dem scheinbar plötzlich ins Leben der beiden geplatzten jungen Mann namens Staubfinger (Fridolin Sandmeyer) zu Tante Elinor (Susanne Buchenberger) gleich nach der Eingangsszene ein besonderes visuelles Ereignis. Reale Personen und künstliche Bewegtbilder vereinen sich zu einer Szene voller Tempo und Witz.

          Aber nicht nur die filmischen Sequenzen und die Bühnenaufbauten sorgen für eine anhaltende Aufmerksamkeit. Die Darsteller halten den minderjährigen Teil des Publikums mit allerlei Tricks bei Laune, mit Taschenspielereien, aber auch durch heftig-hektisches Agieren, ausgeprägte Mimik, körperbetonte Auftritte vom „silly walking“ bis zum waghalsigen Klettern auf Büchermöbeln. Hinzu kommt jede Menge Situationskomik. Am wichtigsten jedoch ist die Sprechkultur der Akteure, die eine klare Artikulation in den Fokus rückt. Die Dialoge fesseln nicht nur wegen der Geschichte, die sich in ihnen entfaltet, sondern auch dank der Deutlichkeit der Aussprache, deren sich die Schauspieler bedienen. Diese Inszenierung nimmt, was bei derlei Produktionen sehr wichtig ist, die jungen Zuschauer ernst, ohne sich bei ihnen anzubiedern. Die direkte Kommunikation mit dem Publikum bleibt auf wenige Momente beschränkt, was der Handlungslogik zugutekommt.

          Aus Büchern Figuren herauslesen

          Mortimer, kurz Mo, hat die Gabe, aus Büchern Figuren, aber auch Dinge herauszulesen, und einige der finsteren Gestalten, die er unfreiwillig aus ihren Geschichten befreit hat, sind nun hinter ihm her. Und hinter den noch im Umlauf befindlichen Exemplaren des Romans „Tintenherz“, aus dem sie stammen. Weshalb Mo mit Meggie nun bei der Bücherenthusiastin Elinor Unterschlupf sucht.

          Aber Staubfinger, der zurück in seine Geschichte möchte, verrät sie, und des Oberbösewicht Capricorns (Andreas Vögler) Leute überfallen die Bibliothek. Schließlich landen alle in dessen Dorf, Mo liest aus der „Schatzinsel“ eine Stelle über den Schatz vor, was einen Goldregen zur Folge hat, Capricorn will mehr Reichtümer, Mo widmet sich den „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“, was aber den jungen Farid in die Menschenwelt bringt.

          Mo kann seine eigenen Fähigkeiten nicht kontrollieren. Alles kann passieren. Auch die Wendung zum Guten, woran der Autor von „Tintenherz“, der Schriftsteller Fenoglio (Roland Bayer), maßgeblich beteiligt ist. Er schreibt den Schluss schlicht und schnell um. Was Meggie entzückt: Sie möchte fortan Geschichten verfassen. So sind der Roman und das Stück auch eine Feier des Buchs, das offenbar mehr ist als „content“. Eine Botschaft, die im Theater so locker und lässig daherkommt, dass sie womöglich tatsächlich wirken könnte.

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