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Tiermaler Wolfgang Weber : Der mit den Krokodilen schwamm

  • -Aktualisiert am

König der Löwen: Wolfgang Webers Skizzen dienten später als Bildvorlagen. Bild: Carlos Bafile

Wolfgang Weber war auf allen Kontinenten unterwegs, um Tiere zu malen. Mehr als einmal hat er sich in Gefahr begeben. Auch unfreiwillig. So wachte er einmal neben einem Gorilla auf.

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          Im Flur hängt die Welt an der Wand, auf einer Landkarte, die fast so groß ist wie die Wand und sehr an Schule erinnert. Wenn Wolfgang Weber mit dem Finger über die Kontinente und Meere fährt, sagt er nur: „Da war ich schon, da war ich schon, da war ich schon.“ Von Süd nach Nord, von West nach Ost, er lässt nichts aus. Auch nicht die Antarktis.

          Schiffsmodelle, Seile, Speere und die „Gruppe fünf“ – der Flur ist auf den ersten Blick ein Kuriositätenkabinett und auf den zweiten das Entrée zu einem wunderbaren Haus im Dichterviertel, in dem jeder Gegenstand eine Geschichte erzählt. Zum Beispiel die „Gruppe fünf“. Das ist eine Gorilla-Familie. Wolfgang Weber hat sie zehn Tage lang in Afrika aus nächster Nähe beobachtet. Wolfgang Weber ist Tiermaler, er macht alles hautnah. Mit dem Ergebnis, dass das Affen-Familienporträt nun jedem Gast als Erstes ins Auge fällt, sobald sich die Haustüre öffnet.

          Star des Frankfurter Zoos

          Matze hat von Weber auch ein Denkmal gesetzt bekommen. Wer in Frankfurt erinnert sich nicht an Matze? Das war der Affe, der mit 45 Jahren der älteste Gorilla-Vater der Welt wurde. Neunzehn Nachkommen von vier Weibchen und davor auf Wanderschaft mit Schaustellern – er war der Star des Frankfurter Zoos, musste 2008 jedoch eingeschläfert werden, weil er unter Altersbeschwerden litt, Arthrose, Magengeschwüre. Webers Bronzebüste steht vor dem Affenhaus. „Er war eine Persönlichkeit“, sagt er. Deswegen hat Matze nach seiner Meinung auch ein Denkmal verdient.

          Im Zoo ist noch mehr von Weber. Er hat beispielsweise den Eingang mitgestaltet, das Exotarium beschildert. Überhaupt der Zoo. Wolfgang Weber hat ein spezielles Verhältnis zu ihm, nennt ihn seine „zweite Heimat“. Schließlich hat er hier einmal angefangen und gewohnt, das ist alles eine kleine Ewigkeit her. Weber ist Jahrgang 1936, aber tipptopp in Form, hat bis zum vergangenen Jahr Volleyball gespielt, dann riss jedoch eine Sehne in der Schulter, jetzt hat er das Gefühl, dass er nicht mehr richtig schmettern kann. Sagt’s und holt zur Veranschaulichung mit dem Arm weit aus.

          „Ein großartiger, ungewöhnlicher Mann“

          Weber hat sieben Direktoren des Frankfurter Zoos miterlebt. Der erste war der berühmteste. Hier der kleine Kunststudent, der in den Semesterferien volontierte, dort der große Bernhard Grzimek, der ihm ein Taschengeld zuschusterte. „Das war damals nicht üblich für einen Volontär.“ Auf Grzimek lässt Weber nichts kommen, „ein großartiger, ungewöhnlicher Mann“. Später lieferte er für dessen Enzyklopädie des Tierreichs Zeichnungen, entwarf das Gorilla-Emblem für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt. Grzimek war ihr Präsident.

          Als Volontär hatte Weber seinen Zeichenblock auch schon immer dabei. Seit er denken kann, hat er gern gemalt und sich für Tiere interessiert. Ein Schlüsselerlebnis? Nein, es war halt so. Was anderes kam nicht in Frage. Aber der Höhepunkt seiner Kindheit waren die Ferien auf einem Bauernhof in Thüringen, der Krieg war gerade vorbei. Hunde, Schweine, Pferde, es war alles da. Und er, der Dreikäsehoch im zarten Alter von neun, durfte allein mit dem Pferdegespann aufs Feld. Was ist Glück? Das war Glück.

          Mission ist geglückt

          Nach seinem Studium an der Kunsthochschule in Mainz zog Wolfgang Weber in den Frankfurter Zoo, lebte vier Jahre lang auf dem Wirtschaftsgelände, zeichnete für den hiesigen Zoo und andere Tiergärten, illustrierte Bücher, eben auch „Grzimeks Tierleben“, und heuerte von hier aus auf dem Forschungskutter „Astarte“ an, dem Vorgänger der „Senckenberg“ in Wilhelmshaven, aus einem einzigen Grund: Er wollte Wale sehen. Es ging über den Nordatlantik nach Kanada. Die Mission ist geglückt.

          Eigentlich war er auf seinen ungezählten Reisen immer abenteuerlich unterwegs, auch auf seiner allerersten: zu Fuß und per Anhalter durch Dänemark, Südschweden, Finnland, an der russischen Grenze entlang nach Norwegen bis zum Nordkap. Das war 1957. Er musste weite Strecken laufen, weil es nicht viele Autos gab, die er hätte anhalten können. Nach einem Vierteljahr kam er mit einem enormen Bart zurück, dafür hatten die Eltern inzwischen ihren ersten Fernsehapparat.

          Gnadenbrot für ein treues Reisegefährt

          Nach der Hochzeit war Schluss mit dem Wohnen im Zoo, das Paar zog 1963 in das wunderbare Haus mit seinem ebenso wunderbaren, verwunschenen Garten. Früher sollen Esel darin gegrast haben, das würde ja passen. Heute steht neben der Terrasse ein ausgedienter Kleinbus – das Gnadenbrot für ein treues Reisegefährt. Das passt auch. Außerdem ist es ein Diesel.

          Webers Frau ist Medizinerin, machte in Hamburg eine Zusatzausbildung zur Tropenärztin, wenn sie konnte, fuhr sie mit ihm mit. Er war viel und oft lange weg, weil er einfach in einem Land blieb, bis er alles gesehen hatte, was er sehen wollte, und vor allem skizziert hatte, ob im Sprung, im Flug, wie auch immer. Manchmal ging nur eine schnelle Skizze. Hauptsache, von nahem. Bilder aus den Skizzen machte er daheim. Im Bergwald von Ostafrika lässt sich nur schwer eine Staffelei aufstellen. Was er einmal gezeichnet hat, hat er außerdem im Kopf. Ostafrika ist ohnehin seine große Liebe. „Ich wollte einfach nur in den Busch.“ Grzimek hat ihn dazu ermuntert. „So muss man es machen.“ Also lebten sie drei Jahre in Kenia, von 1969 bis 1972, sie wirkte in ihrer Buschklinik, er zeichnete Aquarelle, eine Galerie in Nairobi verkaufte seine Holzschnitte. Weber sagt, für nicht schlechtes Geld.

          „Man muss die Grenze kennen“

          Irgendwann trat der Tierfilmer Alan Root in sein Leben, viele seiner Werke wurden berühmt, etwa der Film über die Gnuwanderungen in der Serengeti und über das Leben von Termiten. Sie machten zusammen verrückte, auch nicht ungefährliche Sachen. In den Mzima Springs in Kenia beispielsweise schwammen sie ganz nah an Krokodile und Nilpferde heran, Alan Root filmte unter Wasser. Die Krokodile und Hippos waren offensichtlich nur eins – verdattert. Weber würde aber niemandem empfehlen, es ihnen gleichzutun. „Man muss die Grenze kennen“, sagt er.

          Mit Dieter Plage, auch ein bedeutender Naturfilmer, war er ebenfalls eng befreundet. Der wiederum entschied sich – mit dem Einverständnis seiner Naturfilm-Firma – für einen Film über Wolfgang Weber. Wie er so im Busch mit dem Skizzenblock auf die Pirsch ging, hatte ihn beeindruckt. Statt der Tiere holte er also den Künstler vor die Kamera. Zwei Jahre lang wurden sie ausgeschickt, zu den Bären nach Alaska, zu den Tigern nach Nepal, zu den Gorillas in Afrika, zu den Moschus-Ochsen in Norwegen, zu den Seelöwen und Meerechsen, den Haien und den vielen Vögeln auf den Galapagos. „Ein magischer Ort.“ Weber war mehrere Male dort. Es kamen zwei Filme dabei heraus: „A brush with nature“ und „Drawn to the wild“. Sie liefen überall, auch die Fluggesellschaften übernahmen sie, der eine kam sogar am ersten Weihnachtsfeiertag abends im Fernsehen. Am Ende des Jahres trudelte immer ein Scheck ein. Kein Wunder, dass Weber sagt: „Das war eine phantastische Zeit.“ Außerdem verstanden sie sich gut, auch die Ehefrauen. Das zählt, wenn man es monatelang zusammen in einem Camp aushalten muss. Denn Webers Erkenntnis lautet: Vor einem Expeditionskoller muss man sich hüten. Aber er ist sowieso kein Typ, der sich gern streitet.

          Den Erfolg nicht mehr erleben

          Sie wollten einen dritten Film machen, es kam jedoch nicht dazu. Bei den Dreharbeiten zu einem Stück über Orang-Utans auf Sumatra verunglückte Dieter Plage 1993 tödlich. Er wurde gerade einmal 56 Jahre alt. Sein Luftschiff, Weber beschreibt es als einen Einmann-Zeppelin, verfing sich in der Krone eines Baumes, als Plage eine Kamera „befreien“ wollte, die sich im Geäst verfangen hatte. Nach dem Sturz aus dem Luftschiff habe er noch eine halbe Stunde gelebt, seine Frau habe unter dem Baum gestanden, sagt Weber.

          Der Freund erlebte den Erfolg ihrer zwei Filme nicht mehr. Weber findet das heute noch traurig. Parallel zu den Filmen erschien in Großbritannien ein dicker Bildband mit Webers Werken, in limitierter Auflage und mit dem Titel: „Wildlife impressions“. In England seien die Leute mehr an so etwas interessiert als hierzulande, sagt er. Obwohl er natürlich auch in Deutschland Ausstellungen gemacht hat, sei es in Frankfurt, Berlin, Hannover oder Karlsruhe. Und in Zürich. Die Galerie, mit der er zusammenarbeitet, sitzt in England.

          So gerne einmal mitgespielt

          Der Bildband ist ein schönes, aufwendig produziertes Buch. „Das wird mich überleben.“ Zu jeder Seite fällt Weber die dazugehörende Geschichte ein. Beim Blättern erzählt er von der Eleganz der Krokodile unter Wasser und der Kängurus in freier Wildbahn. Oder von dem Spiel, dass die Massai in Kenia und Tansania spielten. Einer legt einem schlafenden Nashorn einen Stein aufs Horn, der Nächste nimmt ihn weg, der Nächste legt ihn wieder hin, der Nächste – bis das Nashorn, ein Spitzmaulnashorn, aufwacht. Wolfgang Weber hätte dieses Spiel so gerne einmal mitgespielt.

          Ihm fallen seine ersten Wildschweine im Hunsrück ein und der erste Rotfuchs beim Brennholzhacken im Wald. Da war er elf. Gorillas haben ihm aber schon damals imponiert. Als Kind habe er sich vorgestellt, mit einer Tarnkappe auf dem Kopf unter Gorillas zu sitzen. Als Erwachsener wachte er aus dem Mittagschlaf neben einem Berggorilla auf – ohne Kappe. Damals hat er sich sicherlich gewundert, heute kann er sich auch noch wundern, freilich in einem anderen Sinn. „Das Staunen hört nie auf, ob in der Tiefe des Weltraums oder in einem Mikrokosmos.“ Der sei genauso groß.

          Von Beruf Tiermaler. Weber mag den Begriff nicht sonderlich. In der Kunst sei eben alles auf den Menschen bezogen, sagt er bedauernd und verweist auf die Tiere der Höhlenmalereien. Apropos Menschen: Sein Verhältnis zu ihnen ist zwiespältig. Er hat eine Wut auf sie, weil sie in seinen Augen immer die gleichen Fehler machen. Trotzdem hält er sie für eine „interessante Spezies“.

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