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Tierkrematorium in Darmstadt : Eine Futterdose als Urne

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Große Auswahl: Tierbestatter Antonino Romano bietet trauernden Tierbesitzern eine Vielzahl an Urnen. Bild: Marcus Kaufhold

Der Verlust eines Haustieres kann so schmerzlich sein wie der eines Verwandten. Den trauernden Besitzern hilft das Darmstädter Tierkrematorium Pax Animalis weiter. Nicht nur in Bestattungsfragen.

          Mit Tränen in den Augen betritt Madeline Wörner den Raum. Ihr Vater steht neben ihr, hält die junge Frau im Arm. „Wir möchten die Urne abholen“, sagt er. Ein Mitarbeiter führt beide in einen Nebenraum. Dort steht die Urne, in der sich die Asche von Labrador Sam befindet. Mit gut zwölf Jahren war das treue Familienmitglied eingeschläfert worden, und es musste entschieden werden, was mit seinen Überresten passieren soll. Im Internet fand die Familie die Adresse des Darmstädter Tierkrematoriums Pax Animalis. Wörners Vater sagte der Gedanke zu, „ihn hier kremieren zu lassen und danach etwas in der Hand zu halten“. Die Urne bekomme bei ihm zu Hause einen schönen Platz. Das ist auch seiner Tochter wichtig. „Ich wohne zwar nicht mehr dort, aber wenn ich vorbeikomme, ist es schön zu wissen, dass Sam irgendwie trotzdem noch da ist“, sagt sie.

          So wie ihr geht es vielen, die das Tierkrematorium in Darmstadt aufsuchen. Doch jeder Kunde sei anders, sagt Geschäftsleiter Antonino Romano. Er und seine Kollegen beraten die Besitzer verstorbener Tiere. Einige blieben nur, bis alles geklärt sei, andere verbrächten einen ganzen Tag dort, brauchten jemanden zum Reden. „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt Romano. Der Geschäftsleiter arbeitet seit 2007 für das Bestattungsunternehmen und hat auch dramatische Situationen erlebt.

          „Es ist eine Berufung“

          Er erzählt von einer Frau, die mit ihrem toten Hund auf dem Arm ins Geschäft kam und kaum zu beruhigen war, und von einer Kundin, die drohte, sich etwas anzutun. Für solche Situationen liegt zwar immer die Rufnummer eines Seelsorgers bereit, aber auch Romano leistet Hilfe. Er spricht mit den Trauernden und hört ihnen zu. Auch für ihn nicht immer einfach: „Es gab auch Situationen, in denen ich dachte, dass ich das nicht mehr kann“, erzählt er. Aber der Austausch mit den Kollegen helfe ihm, die Ereignisse zu verarbeiten. „Es ist für mich mehr als ein Beruf, es ist eine Berufung“, sagt Romano.

          Letzter Gang: Geschäftsführer Antonino Romano am großen Ofen, in dem die Tiere eingeäschert werden.

          Das einzige Tierkrematorium Südhessens verbrennt in einem Monat zirka 760 Tiere. Unterschieden wird zwischen einzelner und gemeinschaftlicher Einäscherung. Die individuelle ist 40 bis 100 Euro teurer – dafür lässt sich die Asche anhand eines numerierten Schamottsteins, der vor der Kremierung beigelegt wird, später zweifelsfrei zuordnen und dem Besitzer zurückgeben. Die meisten seiner Kunden entschieden sich für die Einzelkremierung, sagt Romano. Zum Beispiel Margit Meyer, die an diesem Tag die Überreste ihres Labrador-Mischlings Murphy abholt. Für die Zweiundsechzigjährige war das sehr wichtig. „Wir wollen Murphy bei uns im Garten in der Urne beisetzen“, erklärt sie. Die Urne in ihre Wohnung stellen, das wolle sie nicht. Murphy solle lieber dort ruhen, wo er immer gespielt habe.

          Grabmal auf dem Gelände

          Gemeinschaftskremierungen würden oft von Kunden gewünscht, die die Urne nicht ins Haus stellen wollten und auch keinen Garten zum Bestatten hätten, sagt Romano. Auch herrenlose Tiere, die bei Tierärzten abgegeben wurden, werden gemeinsam verbrannt. Ihre Asche wird in einem Grabmal auf dem Gelände von Pax Animalis bestattet. Davor liegt ein tellergroßes Steinherz, auf dem der Name „Rolly“ eingraviert ist. Daneben steht ein Topf mit kleinen roten Blumen. Während der Öffnungszeiten können Tierbesitzer vorbeikommen und Andenken niederlegen.

          Für Monika und Fred Hartl käme eine Gemeinschaftskremierung nicht in Frage. Das Ehepaar aus Biebesheim war mit dem Motorrad unterwegs, als es sich entschied, beim Tierkrematorium einen kurzen Stopp einzulegen. Schon oft war ihnen das Gebäude aufgefallen. Zwar lebt ihr Dackel-Mischling Babsi noch, allerdings ist die Hündin mit 13 Jahren nicht mehr ganz so fit. „Wir dachten, wir informieren uns sicherheitshalber, damit wir wissen, was im Fall der Fälle auf uns zukommt“, sagt die Fünfundfünfzigjährige. Ihr großer Wunsch ist es, die Asche des Hundes später mit in den eigenen Sarg zu nehmen. „Ob das erlaubt ist, wissen wir aber nicht“, erklärt Fred Hartl. Bis dahin würde die Urne bei ihnen zu Hause einen besonderen Platz bekommen.

          Etwas nehmen, mit dem man Erinnerungen verbindet

          Es muss jedoch nicht unbedingt eine Urne sein, findet Romano. Man könne statt einer Urne auch etwas nehmen, mit dem man eine Erinnerung verbindet. „Vielleicht gibt es eine Futterdose, bei deren Anblick der Hund immer verrückt geworden ist. Wenn man die Asche darin aufbewahrt, finde ich das viel sinnvoller, als eine teure Urne zu kaufen“, sagt der Geschäftsleiter. Generell sei eine Urne keine Pflicht, man könne auch ein eigenes Gefäß mitbringen. Für die Asche von Tieren gebe es keine strengen Auflagen wie für die von Menschen. Man könne sie verstreuen, einen Teil in einen Anhänger füllen, um ihn bei sich zu tragen, oder sie zu einem einkarätigen Diamanten pressen lassen. Letzteres werde jedoch nur selten gewünscht. „Das ist auch sehr teuer“, sagt Romano. Die Preise begännen bei knapp 2000 Euro.

          So unterschiedlich die Möglichkeiten auch sind, so unterschiedlich seien auch die Besitzer und ihre Wünsche, sagt der Geschäftsleiter. Es stecke immer eine persönliche Geschichte dahinter, manchmal auch eine tragische. Präsent ist Romano das Schicksal einer Frau, die ihren Sohn bei einem Motorradunfall verlor. Das Einzige, das ihr blieb, sei sein Hund gewesen. „Als der Hund starb, war das für sie, als sterbe ihr Sohn ein zweites Mal“, erzählt Romano.

          Wie stark die Trauer sei, hänge nicht von der Tierart ab. „Es ist nicht einfach nur ein Kaninchen oder ein Vogel – die Tiere haben eine Bedeutung für ihren Besitzer“, sagt Romano. Deshalb sei ihm seine Arbeit so wichtig. „Es ist schön, wenn die Kunden trotz dieser schwierigen Situation den Laden mit einem kleinen Lächeln verlassen.“

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