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Tierheim Wiesbaden : Aufnahmegebühren für Neuankömmlinge

Sie kann zwei- bis dreimal im Jahr jeweils bis zu sieben Junge bekommen: die Katze. Bild: Sick, Cornelia

Wer sein Haustier im Wiesbadener Tierheim abgeben will, muss seit kurzem dafür zahlen. Die Kritik an der neuen Regelung ist heftig.

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          „Das ist eine Katastrophe. Für uns ist das wie ein Schlag ins Gesicht.“ Ursula Reichling, die Vorsitzende des Wiesbadener Vereins zur Verhütung von Katzennachwuchs, ist entsetzt. Einer Ankündigung im Internet hat sie entnehmen müssen, dass das Wiesbadener Tierheim seit Anfang Oktober eine Gebühr erhebt, wenn es Tiere aufnimmt.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          70 Euro werden für einen Hund fällig. Wer eine Katze abgeben will, muss 40 Euro zahlen. Auch kleine Vierbeiner wie Hamster und Ratten kann man in dem Gehege an der Mainzer Straße loswerden. Dafür muss man fünf Euro berappen. „Wir regen uns alle auf“, sagt Reichling. Wenn die Leute Geld dafür zahlen müssten, dass ihr Tier aufgenommen werde, würden die meisten sie stattdessen kurzerhand aussetzen. „Dann binden sie den Hund an den Baum. Und die Katze stellen sie in einem Karton an die Straße.“

          'Tiere' sind nun ein kommunalpolitisches Thema 

          Dabei steht der Verein zur Verhütung von Katzennachwuchs ohnehin schon vor einem Phänomen, das es in den 29 Jahren seiner Geschichte nicht gegeben hat. Immer mehr Samtpfoten werden ausgesetzt. Sie vermehren sich exponentiell. Eine Katze kann nämlich zwei- bis dreimal im Jahr jeweils bis zu sieben Junge bekommen. Die wiederum sind schon in einem Alter zwischen vier und zehn Monaten zur Paarung bereit - und bleiben es für viele Jahre.

          Die hohe Zahl der umherstreunenden Tiere ist in der Landeshauptstadt in diesem Sommer zu einem kommunalpolitischen Thema geworden. Und just in diesem Moment werden Gebühren für die Abgabe im Heim verlangt. Außerdem werden nur noch Tiere angenommen, die nachweislich geimpft und entwurmt sind.

          „Das kann man nicht ewig machen“ 

          Bislang hat nur die Stadt für die Aufnahme gezahlt. Sie ist nämlich von Gesetzes wegen verpflichtet, für Fundtiere zu sorgen. Aber anstatt zu diesem Zweck selbst ein Tierheim zu unterhalten, nimmt die Kommune lieber ein privates in Anspruch - und zahlt dafür. In diesem Jahr überwies sie 110.000 Euro. Damit sind aber erst elf Prozent der Kosten gedeckt, die das Heim in einem Jahr verursacht.

          Zwei Drittel müssten eigentlich über Spenden und Nachlässe gedeckt werden, erklärt Henriette Hackl, die Vorsitzende des Tierschutzvereins. Aber nicht immer komme diese Summe zusammen. So habe man im vorigen Jahr ein Defizit von mehr als 400.000 Euro verbucht und die Rücklagen angreifen müssen. „Das kann man nicht ewig machen.“ Die Gebühren für die Aufnahme von Tieren deckten die dadurch verursachten Kosten bei weitem nicht. So fielen etwa für einen Hund 12,45 Euro am Tag an. Er bleibe im Durchschnitt 45 Tage im Heim. Weil die Gebühren in Wiesbaden im deutschlandweiten Vergleich moderat sind, glaubt Hackl nicht, dass sie eine abschreckende Wirkung haben und die Tierhalter veranlassen, ihre Zöglinge auszusetzen.

          „Wir machen aber im Einzelfall auch Ausnahmen“

          In Mainz ist die Aufnahme kostenlos. Andernfalls würden Hunde beispielsweise in einem unbeobachteten Moment vor dem Tierheim angebunden, mutmaßt eine Mitarbeiterin. Der Tiere müsse man sich dann auch annehmen, ohne aber Informationen über es zu haben.

          Das Tierheim im Frankfurter Stadtteil Fechenheim verlangt seit Jahren Aufnahmegebühren. Sie sinken, wenn die Zöglinge geimpft und entwurmt abgegeben werden. „Wir machen aber im Einzelfall auch Ausnahmen“, heißt es in Fechenheim. „Wenn jemand offensichtlich arm ist wie eine Kirchenmaus und uns einen Hund bringt, dann schicken wir die beiden nicht einfach wieder weg.“

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