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Tierbestatter : Die Asche meines Hundes

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Asche zu Asche: Boris Weygand ist auch Seelentröster, wenn ein Tier stirbt. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Immer mehr Tierbesitzer entscheiden sich dafür, ihren Hund, die Katze oder ihren Wellensittich einäschern zu lassen. Ein Besuch bei einem Kleintierbestatter.

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          Balu war ein ruhiger Hund, ein braves Tier. Doch zum Schluss hat der Mischling an einer Speiseröhrenlähmung gelitten, konnte nicht mal mehr alleine essen - Andrea Marx, seine Besitzerin, hat ihn einschläfern lassen. Jetzt, zwölf Tage nach seinem Tod, trägt sie seine Asche in einer Urne durch Hofheim, nimmt seine Überreste mit in die Bahn, um sie zu Hause ins Wohnzimmerregal zu stellen. Gleich neben Santa, der schon seit einigen Jahren tot ist. Balu zwischen Gemüsegarten und Blumenbeet zu verscharren kam für sie nicht in Frage: „Man braucht doch etwas, das bleibt.“

          Rund 70 bis 80 Kleintierbesitzer im Monat bringen ihren Hund, ihre Katze oder das Kaninchen zu Boris Weygand und seinem Kollegen nach Hofheim. Ihre Tierbestattung „Im Rosengarten“ gehört zu einer Kette mit 20 Filialen in ganz Deutschland. Außer den Klassikern hat Weygand auch schon Nymphensittiche, Rennmäuse, Schwäne und Gänse eingeäschert. „Wir stellen fest, dass sich in der letzten Zeit immer mehr Halter dafür entscheiden, ihr totes Tier einäschern zu lassen.“ Weygand, 51 Jahre alt, holt seit drei Jahren die toten Tiere beim Besitzer oder beim Tierarzt ab, tröstet und berät die Halter, schickt die Tiere ins Krematorium, bringt die Urne zurück. Seine Kunden sind so unterschiedlich wie die Tiere: Von der 20 Jahre alten Auszubildenden, die ihre Ratte kremieren lassen will, bis zu alten Ehepaaren, für die ihr Dackel wie ein Kind war.

          Bei Balus Asche kommen die Tränen

          Auch für Andrea Marx war Balu wie ein Familienmitglied, obwohl sie erst 45Jahre alt ist und drei Kinder hat. Vor 16 Jahren hat sie das Tier aus einem Tierheim zu sich geholt, seither war es immer bei ihr: Ob im Urlaub an der See oder im Job. Marx arbeitet in einem Gartencenter, auch dort war Balu beliebt. Jetzt bekommt Willow, ein Leonberger-Schäferhund, den sie seit acht Jahren hat, die Kekse der Kollegen und die Streicheleinheiten der Kunden allein. „Hunde werde ich immer haben“, sagt Marx.

          Sie trägt ihre langen, roten Haare offen, hat Nasenring und Brauenpiercing. Auf ihrem weiten, grauen Fleece-Pulli prangt ein Adler, sie dreht sich die Zigaretten selbst. Marx sieht aus wie eine Frau, die einstecken kann. Doch als die Urne mit Balus Asche vor ihr liegt, in einer Kiste mit rotem Rosendekor, steigt ihr das Wasser in die Augen.

          „Hunde verstehen mich“

          Vom Tod des Tieres bis zur Rückgabe der Urne vergehen nicht mehr als zwei Wochen. „Dann ist der erste Schmerz verkraftet und die Trauer gesackt“, sagt Weygand. Er fragt höflich nach, ob ihr die Urne gefällt, Marx lobt das Pfotenmuster: „Balu hatte ein Halsband, das genau so aussah.“ Das wars zu Balu, Weygand interessiert sich stattdessen für Willow, die vor der Tür wartet, sehr lebhaft sei sie. Ja, das stimmt, bestätigt Marx, die Hündin genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit seit Balus Tod. Dann sprechen die beiden über das Wetter und Weygand schenkt Marx eine rote Rose. Das Gespräch verläuft nicht gehetzt, aber zügig. „Man muss wissen, was angebracht ist, wie viel die Kunden verkraften“, erklärt Weygand.

          Auf dem Weg zum Bahnhof wirkt Marx gelöster, erzählt, was ihr die Tiere bedeuten: „Hunde verstehen mich, die spüren genau, wie es mir geht. Mit Hund fühle ich mich sicherer, wenn ich spätabends unterwegs bin.“ Über die Hunde komme sie ganz oft mit anderen Menschen ins Gespräch. Ein Hund zwinge sie, auch bei schlechtem Wetter raus zu gehen - drei Mal am Tag. Die Beziehung zu den Tieren, das ist für sie ein Geben und Nehmen. Deshalb hat sie Balu auch einäschern lassen, alles andere, sagt sie, würde ihm nicht gerecht: „Meine Oma würde ich ja auch nicht unter einem Baum vergraben.“ Dass manche Halter ihren Hund oder die Katze beim Tierarzt lassen, nachdem das Tier eingeschläfert wurde, kann sie nicht verstehen. Marx hat den Tierarzt sogar zu sich nach Hause bestellt, damit Balu in seinem Körbchen eingeschläfert werden kann: „Das ist doch das Mindeste“, findet sie. Nach Balus Tod hat sie deshalb auch nicht lange überlegt und Weygand angerufen.

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