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Kriminelle Jugendliche : Ganoven mit Milchgesichtern

  • -Aktualisiert am

Fast nur männliches Klientel: Thomas Stiefel in seinem Büro Bild: Max Kesberger

Wer zu Jugendbewährungshelfer Thomas Stiefel muss, hat schon einiges verbrochen. Zu ihm kommen Automatenknacker, Räuber, Erpresser und Diebe.

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          So sieht also ein Gangster aus. Milchgesicht, Bartfussel, Händedruck wie ein Waschlappen. Wer Marvin Tulek trifft, kann nicht glauben, dass sich der junge Mann - 18 Jahre, geboren in Offenbach, kein Schulabschluss, Hartz IV, Halbwaise, drei Geschwister, angeklagt in elf Punkten, verurteilt zu 18 Monaten auf Bewährung - in der Region einen unrühmlichen Namen als Automatenknacker gemacht hat. Wenn Tulek sich aufregt, und er regt sich oft auf, beschwert er sich darüber, dass „immer nur isch, isch, isch an allem schuld“ sein soll.

          Thomas Stiefel seufzt. Er kennt das längst. Immer dieses Selbstmitleid. Dabei ist der 50 Jahre alte Jugendbewährunghelfer, der eine schwarze Armani-Brille trägt und Selbstgedrehte raucht, schon froh, wenn Tulek überhaupt einmal zu einem Gespräch in den Räumen der Bewährungshilfe Offenbach erscheint. Meistens sagt er kurzfristig ab. Ist krank. Fühlt sich schlapp. Will nicht. Von zehn Terminen seit seiner Verurteilung durch das Amtsgericht Offenbach Ende Februar hat er nur zwei wahrgenommen. Von 40 auferlegten Sozialstunden hat er keine einzige geleistet. Wenn das so weitergeht, wird Stiefel ihn melden müssen. Bewährungshelfer können ihren Probanden nur helfen, eine Arbeitsstelle, eine Wohnung, ein neues Umfeld zu finden, wenn sie sie wenigstens hin und wieder sehen. Deshalb lädt Stiefel sie regelmäßig in seine wöchentliche Sprechstunde ein. Alle sechs Monate muss er dem Gericht über die Lebensführung Bericht erstatten. Wer die Auflagen nicht erfüllt, zu denen der regelmäßige Besuch bei ihm zählt, riskiert die Bewährung. Und wer in der Zeit neue Straftaten begeht, fährt direkt wieder ein. Stiefel seufzt noch einmal. Vielleicht wäre es besser für Tulek, eine Weile in den Jugendarrest zu gehen. Da könnte er einen klaren Kopf kriegen.

          Der Automatenknacker Tulek

          Tuleks dokumentierte Karriere als Straftäter beginnt im Januar 2014. Da ist er 17, und seine Mutter sitzt seit anderthalb Jahren im Gefängnis. Eines Tages im August 2012 verkündete sie ihren Kindern, dass sie nun für zweieinhalb Jahre in den Knast müsse. Ihr Bruder werde sich kümmern. Ein paar Tage ging das gut. Dann kümmerte sich niemand mehr um die vier Kinder. Tulek, ohnehin kein einfacher Junge, driftete endgültig ab.

          Seine Akte, die Stiefel wie alle Akten in einem Schrank verschließt, ist dick. Januar 2014: geknackter Automat an der Konstablerwache in Frankfurt, Warenwert 20 Euro, Schaden 300 Euro. Februar 2014: geknackter Automat, Warenwert 69 Euro, Schaden 700 Euro. Zwei Tage später: geknackter Automat an der S-Bahn in Obertshausen, Warenwert unklar, Schaden 800 Euro. September 2014: geknackter Automat an einer S-Bahn-Haltestelle in Offenbach, Warenwert unklar, Schaden 1400 Euro. Bis dahin hatte sich Tulek des Einbruchdiebstahls und des Diebstahls mit Waffen schuldig gemacht, weil er die Automaten mit einem Messer aufbrach.

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