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Theo Jülich im Gespräch : Ein Häkchen für jedes Käferchen

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Mit seinem Haus seit Jahrzehnten vertraut: Der neue Leiter des Landesmuseums Darmstadt, Theo Jülich Bild: Kretzer, Michael

Der neue Darmstädter Museumsleiter Theo Jülich will sein Haus in diesem Jahr wiedereröffnen. Davor steht noch eine Menge Arbeit an, der Zeitplan ist knapp.

          Herr Jülich, vertretungsweise waren Sie schon seit 2008 Leiter des Landesmuseums Darmstadt. Jetzt sind Sie es auch offiziell. Hat sich für Sie etwas verändert?

          In der täglichen Arbeit natürlich nichts. Aber die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hat sich verändert, und das macht vieles einfacher.

          Seit dem Weggang Ihrer Vorgängerin Ina Busch haben Sie gewissermaßen für zwei gearbeitet, in dieser Zeit auch Museumssanierung und Umzug gestemmt. Wie haben Sie das bewältigt?

          Ich bin ja nicht alleine. Das Team besteht aus elf Wissenschaftlern, vier Präparatoren, vielen Restauratoren und Mitarbeitern in allen Bereichen. Wichtig bei einem derart umfangreichen Projekt ist ungeheure Geduld. Dabei darf man die gute Laune nicht verlieren. Sonst hält man das nicht durch.

          Wie stark war die Messel-Architektur verbaut, die durch die Sanierung wieder sichtbar wird?

          In den sechziger und siebziger Jahren entwickelte man eine tiefe Aversion gegen alles Historistische und Historische und wollte das möglichst kaschieren. Das führte bei uns Gott sei Dank nur dazu, dass die Decken abgehängt und die Nischen zugestellt, aber nicht entfernt wurden. Das versetzt uns heute in die Lage, das freizulegen. Nur rekonstruiert haben wir Messel an keiner Stelle.

          Wie lebt es sich im Exil im Schenck Technologie- und Industriepark?

          Wie Sie sehen, haben wir ein gutes Exil gefunden, weil unsere sehr hohen Sicherheitsansprüche hier gewährleistet sind. Wir können hier arbeiten, wenn auch beengt und etwas provisorisch. Anders als im normalen Museumsalltag verbringt man darüber hinaus die Hälfte der Zeit auf einer Baustelle.

          Wie bekommt man das unter einen Hut mit der täglichen Arbeit?

          Das sind zwei verschiedene Arbeitsfelder. Ein Museum lebt ja, und es hört nicht auf zu leben, wenn man es eine Zeit lang verlagert. Es nimmt am internationalen Leihverkehr teil, es richtet Ausstellungen aus. Wir haben in Darmstadt, in Deutschland und darüber hinaus insgesamt weit mehr als 70 Ausstellungen organisiert, Kataloge dazu aufgelegt und in allen Bereichen sehr gute Erwerbungen machen können. Besonders erfreulich ist, dass wir Erwerbungen als Stiftungen ans Haus bekommen haben.

          Was war das zum Beispiel?

          Ein wunderbares Gemälde von Hannah Höch, aber auch Bilder aus dem 19. Jahrhundert, gerade haben wir ein größeres Jugendstil-Konvolut erhalten.

          Wahrscheinlich brennen Sie darauf, das Museum in Betrieb zu nehmen.

          Das wird ja noch ein bisschen dauern. Wir freuen uns sehr darauf und üben auch einen nicht immer sehr willkommenen Druck aus, dass die baulichen Arbeiten abgeschlossen werden. Aber irgendwann muss man einfach sagen: Dann und dann kommen wir mit den Lastwagen.

          Wann sollen die Lastwagen denn vorfahren?

          Ich plane das für den 19. August, 9 Uhr. Im Juni sollen die baulichen Arbeiten abgeschlossen sein und die sanierten, noch leeren Räume der Öffentlichkeit vorgestellt werden können.

          Planen Sie weiterhin, Ihr Haus in diesem Jahr wiederzueröffnen?

          Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe keine andere Wahl, als von den Zeitplänen auszugehen, die ich im Moment auf dem Tisch habe. Demnach ist das so.

          Halten Sie sich selbst für so sportlich, das Haus zwischen August und Jahresfrist einzurichten?

          Ich spreche von 90 Prozent. Bei kleineren Bereichen ist schon jetzt absehbar, dass der Bau noch länger braucht. Deswegen glaube ich nicht, dass wir diese kleineren Bereiche in diesem Jahr fertigstellen werden.

          Um welche Bereiche geht es?

          Das wird ein Teil der Dioramen in der Zoologischen Abteilung sein und ein Teil des Westflügels, in dem die bürgerliche Schatzkammer untergebracht sein wird.

          Was wird sich im Inneren des Museums verändert haben?

          Zunächst haben wir Alfred Messels Architektur freigelegt. Dann haben wir die Sammlung geordnet. Das Mittelalter zum Beispiel hatte man früher an drei verschiedenen Stellen. Genauso die moderne Kunst. Jetzt ist das Haus klarer strukturiert. In den Ausstellungen selbst werden einzelne Objekte stärker herausgehoben und inszeniert. Heute trauen wir uns wieder, den Besucher an die Hand zu nehmen und durch die Art der Präsentation deutlich zu machen, welches Objekt für uns wichtig ist. In den siebziger Jahren hat man das als Bevormundung empfunden.

          Welche Objekte heben Sie auf diese Weise besonders hervor?

          Dazu gehört Stefan Lochner, das Darmstädter Turmreliquiar, der Rubens, unser Breughel, die Cranachs. Dazu gehören bestimmte Fossilien von Messel. Objekte, die deutlich als Hauptwerke erkennbar sind, gibt es in allen Bereichen.

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