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Theaterstück „An Oak Tree“ : Was der Wahrheitsfindung dient

Hat jeweils andere Bühnenpartner: Sebastian Reiß als Hypnotiseur Bild: Robert Schittko

Tim Crouch hat eine Liebeserklärung an das Theater geschrieben. Die Inszenierung „An Oak Tree“ am Schauspiel Frankfurt bricht mit den Konventionen des Schauspiels.

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          Allein für diesen Moment müsste man unbedingt noch einmal wiederkommen. Für den winzigen Augenblick, in dem wir, das Publikum, zusehen können, wie aus der Person X, die auf die Bühne gebeten wurde, ein Schauspieler wird. Bei Heidi Ecks, die am Premierenabend von „An Oak Tree“ den Vater spielt, geht das ganz fix. Sie verlässt, ohne Kostüm oder Maske, ihren Sitz in den Kammerspielen, sie spricht einen Satz nach. Dann ist da so eine winzige Geste, eine Wachheit in der Betonung, in der Mimik, und man merkt – jetzt ist sie, mit Leib und Seele, Schauspielerin. Und selbst dann, wenn im Lauf der exakt 75 Minuten, die Tim Crouchs Drama für zwei Darsteller und sieben Personen dauert, die ein oder andere fiese Falle und Irritation für „Spielpartner N.N.“ eingebaut sind – rein in die Rolle, raus aus der Rolle –, bleibt diese Spannung.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Heidi Ecks, die Premierenpartnerin von Sebastian Reiß in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels, weiß zugleich, dass sie, höchst ungewöhnlich für eine Schauspielerin, diese Rolle nicht wieder spielen wird. Zu jeder Vorstellung wird sich Sebastian Reiß, der einen Reiß spielt, der einen Hypnotiseur spielt, neue Kollegen auf die Bühne holen. Mal aus dem Ensemble, mal einen Gast. Das Publikum wird überrascht, das Theater auch. Weshalb auch die Premiere besonders war: Kaum Kollegen im Publikum – denn diejenigen, die das Stück noch spielen könnten in nächster Zeit, sollen möglichst wenig darüber wissen.

          Eine Aria mit Variationen

          Für das Schauspiel Frankfurt hat Crouch, der 1964 geborene britische Autor, Regisseur, Schauspieler, das erste Mal in Deutschland als Regisseur gearbeitet, noch dazu seines eigenen Stücks. Die Geschichte ist die eines Vaters, verkörpert von dem wechselnden Schauspieler, der in einer Hypnoseshow dem Hypnotiseur gegenübersteht, der drei Monate zuvor seine kleine Tochter auf dem Weg zur Klavierstunde totgefahren hat. Das Kind muss Talent gehabt haben: Das hört man, trotz der vielen Patzer, aus der eingespielten Musik heraus. Es sind Bachs Goldberg-Variationen. Eine Aria mit Variationen – also ungefähr so, wie das Stück selbst.

          Das Gericht sprach den Hypnotiseur frei, mit der Bürde muss er aber leben, wie der Vater, die Mutter, das Geschwisterkind. Sie können es alle nur sehr schwer. Dass der Hypnotiseur nicht mehr hypnotisieren kann, trifft höchst unglücklich, aber auch immer wieder atemstockend komisch auf die Tatsache, dass der haltlose verwaiste Vater gerade in dessen Hypnoseshow Hilfe sucht. Tragödie und Komik liegen nah beieinander, so ist „An Oak Tee“ versiertes Zwei-Personen-Drama und Versuchsanordnung zugleich.

          Was Theater kann

          Reiß spielt ganz großartig diesen verkrachten, nicht ganz sympathischen Showman, dessen Unsicherheit schon mit den ersten Verhasplern in der launigen Begrüßung zutage tritt. Als Hypnotiseur ist er der Loser, als Regisseur des Abends lenkt er umsichtig das Spiel seines jeweiligen Partners. Flüstert Text und Anweisungen ein, durch ein Mikrophon in die Kopfhörer des anderen, und hat es in der Hand, dem Publikum die vielen Schichten vorzuführen, die dieses Spiel hat. „An Oak Tree“ zeigt, was Theater kann. Und das ist mehr als ein Glas Wasser zu einer Eiche zu erklären – wie in der Konzeptkunst von Michael Craig-Martin, die zur Sammlung der Tate gehört und die dem Stück nicht nur seinen Namen gab.

          Crouch zeigt das Erklären einer Sache zu einer anderen Sache, als wäre es ein pures Kinderspiel, geradezu als das Wesen des Theaters. Und dehnt die Übereinkunft mit dem Publikum, dass das so schon in Ordnung geht, maximal aus. Normalerweise sind im Theater Schauspieler ja schon Schauspieler, wenn sie auftreten, in einer Rolle. Wenn hingegen jemand aus dem Zuschauerraum auf die Bühne gebeten wird, sieht man immer, dass da keine Berufsperson handelt. Nun holt das Theater sich selbst aus dem Publikum. Und das Publikum hingegen soll sich vorstellen, es sei in einer Kellerbar Gast einer Hypnoseshow, und zwar „ein Jahr später als jetzt“.

          Man muss dem Theater sehr vertrauen und es lieben, um ein Stück wie „An Oak Tree“ zu schreiben. Um es zu spielen auch, und es wäre günstig, auch so zuzusehen. Wenn Heidi Ecks „Gut!“ auf Reiß’ Frage „Wie fühlst du dich?“ antwortet, wissen alle, dass auch das nur Text ist, abgelesen von einem Klemmbrett. „Fake“ ist es damit aber noch lange nicht. Im Gegenteil. Auf diese Weise kommt man der Wahrheit ein ganzes Stückchen näher.

          „An Oak Tree“

          Nächste Vorstellungen sind am 14. und 19. November jeweils um 20 Uhr in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt.

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