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Theaterhaus Frankfurt : Die Erzähler kommen nach Hause

„Erzählzeit“ für Zuhause: Intendant Gordon Vajen gibt auf Youtube eine Einführung. Bild: Otmar Hitzelberger

Das Theaterhaus Frankfurt wird zum Filmstudio und bringt sein Erfolgsprojekt „Erzählzeit“ ins Internet – damit alle Kinder in der Corona-Zeit davon profitieren können.

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          Die sieben Raben flattern jetzt auch ins Kinderzimmer. Dazu die Wichtelmänner, ein Pfannkuchen und Kater Wiljiki. Und das ist erst der Anfang: Das Märchenprojekt „Erzählzeit“, das seit 2012 erfolgreich an Frankfurter Schulen und Kindereinrichtungen arbeitet, ist von jetzt an auch zu Hause und online verfügbar.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht nur für die Frankfurter Grundschüler und Kita-Kinder, die normalerweise jede Woche Besuch von ausgebildeten Märchenerzählern bekommen, auch für alle anderen Kinder – und die Eltern – gibt es damit die Möglichkeit, Märchen zu hören, sie selbst nachzuerzählen und auch Reaktionen an die Märchenerzähler zu schicken: mit dem Smartphone oder auch mit einem Brief an das Theaterhaus. Selbst zum Smartphone zu greifen, um ein laienhaftes Video zu drehen, fand Gordon Vajen, Intendant des Theaterhauses, nicht die passende Lösung, um Kinder direkt anzusprechen. „Weil man die Qualität, die die Erzählzeit hat, so nicht rüberbekäme“, sagt er. „Das Wesentliche der Erzählzeit sind die poetische Sprache und der künstlerische Ausdruck der Erzähler. Dazu kommt die Beziehungsebene. Die Interaktion mit den Kindern ist 50 Prozent der Arbeit. Diese Begegnung fällt jetzt weg.“ Umso wichtiger sei es, dass Sprache und Ausdruck gut transportiert werden. Sogar eine Pause machen die Erzähler an der Stelle, an der ein Zauberspruch kommen muss – damit die Kinder zu Hause in die Lücke sprechen können.

          „Erzählzeit zuhause“

          Im Theaterhaus ruht derzeit zwar, wie überall, der Spielbetrieb. Im Haus ist aber trotzdem etwas los: Das Untergeschoss ist zum Filmstudio umfunktioniert worden, und der Frankfurter Regisseur und Autor Otmar Hitzelberger dreht Stück für Stück eine Art Anthologie der „Erzählzeit“. Weil er das Projekt seit geraumer Zeit begleitet, daraus soll ein Dokumentarfilm entstehen, und auch sonst dem Theaterhaus verbunden ist, hat sich die Kooperation angeboten.

          Vier Märchen und eine kurze Einführung von Vajen stehen schon auf Youtube unter „Erzählzeit zuhause“, dieser Tage werden die Dreharbeiten fortgesetzt. Dann sollen in Dreierpaketen weitere Filme online gestellt werden – mit der Option auf mehr. „Wir müssen schauen, wie die Resonanz ist und ob die Filme dort ankommen, wo sie ankommen sollen“, sagt Vajen, der das Modell der „Erzählzeit“ nach einem Berliner Modell für Frankfurt adaptiert hat.

          Mit Märchen zum Sprechen bringen

          Kinder, vor allem auch nicht muttersprachliche, mit deutschsprachigen Märchen zum Sprechen bringen, ihnen die Poesie und die Phantasie der Märchen aus aller Welt nahebringen – das ist das Prinzip der „Erzählzeit“. Mittlerweile sind auch Eltern in sogenannten Kulturfamilien eingebunden, weshalb Vajen nach einer Lösung für die Trennung, die durch die Schulschließungen so abrupt einsetzte, suchte: „Das Ziel war erst mal, mit unseren Kindern in Kontakt zu bleiben.“

          Denn für viele Kinder ist die „Erzählzeit“ zu einem festen Bestandteil ihres Alltags geworden. Drei Grundschulen, in Fechenheim, Höchst und im Ostend mit insgesamt 40 Gruppen, dazu etliche Kindereinrichtungen, das macht bislang 2000 Veranstaltungen im Jahr in 65 Gruppen. Eigentlich hätte „Erzählzeit“ nach den Osterferien auch in Griesheim beginnen sollen, das ist auf den Herbst verschoben.

          Ungewisse Zukunft

          Überhaupt muss das Theaterhaus womöglich noch weitreichendere Konsequenzen tragen als andere Bühnen: Das Kultusministerium hat alle Exkursionen von Schulen eingestellt, das betrifft auch die Schulaufführungen, ein Hauptstandbein des Theaterhauses und seiner freien Gruppen. Vajen hat Kurzarbeit angemeldet. Wie es im Herbst weitergehe, sei noch offen. Er hofft, dass dann Künstler und Publikum wieder gemeinsam das soziale Ereignis Theater schaffen können. Aber dass die digitale „Erzählzeit“ weitergehen könnte, will er nicht ausschließen.

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