https://www.faz.net/-gzg-9h44j

Gewalt in Kolumbien : Theater im Unterwegs

Seit mehr als 30 Jahren die Köpfe von Mapa Teatro: Heidi und Rolf Abderhalden Bild: Wolfgang Eilmes

Das Mapa Teatro aus Kolumbien ist zum ersten Mal in Frankfurt zu Gast. Die Geschwister Abderhalden über ihre Kunst der Immersion.

          2 Min.

          Für die Abderhaldens, Heidi, Jahrgang 1962, und Rolf, Jahrgang 1965, Kinder eines Schweizer Vaters und einer kolumbianischen Mutter, muss die doppelte Verflechtung von Theater, Geschichte und Politik eine Steilvorlage gewesen sein. Vor genau zwei Jahren hat es, nach mehr als 50 Jahren Krieg und gut 220.000 Toten, einen Friedensvertrag zwischen der größten kolumbianischen Guerrilla-Organisation, der Farc, und der kolumbianischen Regierung gegeben. Unterzeichnet im Teatro Colón in Bogotà. Wenig später wurde das einstige Guerrillacamp „El Borugo“ im Dschungel zu einer Art Freilichtmuseum umgewidmet, in dem von echten Soldaten der Guerrilla-Alltag als Touristentheater nachgespielt wird. Dass damit auch eine Umdeutung der Erinnerung einhergeht, versteht sich von selbst. Noch, sagen die Abderhaldens, herrsche kein Friede in ihrem Land. Es sei ein Übergang, der moralische Fragen für die Gesellschaft aufwerfe. „Die Gewalt ist nicht verschwunden“, sagt Heidi Abderhalden: „Sie wirkt weiter, in verschiedenen Ausformungen.“

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In den vergangenen sieben Jahren haben die Geschwister eine theatrale „Anatomie der Gewalt in Kolumbien“ geschaffen, so der Titel der Trilogie, die voriges Jahr mit „La Despedida“ ihr Ende gefunden hat. Dem Stück, mit dem das Mapa Teatro heute und morgen am Frankfurter Mousonturm gastiert, der das Stück, auch aufgrund der südamerikanischen Kontakte von Intendant Matthias Pees, koproduziert hat. Eines hat die Abderhaldens überrascht, als sie für das Stück „El Borugo“ besuchten: „Die Soldaten haben ganz naiv die Guerrilla gespielt, ihre Sprache war ganz wie deren Sprache.“ Weder despektierlich noch ins Heute gehoben, wurde der Anachronismus der jugendlichen Guerrilleros, die selbst schon die Ideologien der revolutionären Vorväter reproduzierten, die Marx, Mao und Che Guevara wie in einer Zeitkapsel konserviert hatten, ein zweites Mal zum Anachronismus.

          Absurd, witzig, traurig

          So tauchen sie nun in „La Despedida“, zu Deutsch „Der Abschied“, auf, als Maskenfiguren: Mao mit roter Bibel, Che und Fidel beim Dominospiel, Marx, „aus den Wäldern von Trier“, der sich und einen Dschungel-Schamanen am Ende fragt, wo sie denn alle geblieben sind, die Revolutionäre. Weg, sagt der Schamane, „die tanzen auf den Ruinen“. Schließlich geht es in der Trilogie auch um die Nähe von Fest und Gewalt. Eine Nähe, die Forscher schon früh für den mittelalterlichen Karneval ausgemacht hatten.

          Absurd, witzig, traurig ist die Erinnerungsarbeit, mit der das Mapa Teatro über die kolumbianische Geschichte hinausweist. Von Heidi und Rolf Abderhalden gemeinsam mit ihrer Schwester Elizabeth 1984 in Paris gegründet und in Bogotà ansässig, ist das Mapa Teatro ein Aushängeschild der kolumbianischen Kunstszene, das international unterwegs ist. „Wir haben im Laufe der Jahre unsere eigene Poetik entwickelt“, sagt Heidi. Dahinter steckt eine Art des Theaters, die aus einer Gemeinschaftsstiftung entsteht und sich als immersiv versteht. Dafür reisen die beiden mit Kollegen aus verschiedenen Disziplinen, sie treffen Zeitzeugen, vieles geschehe auch durch Zufall. „La Despedida“ etwa sammelt Zitate der revolutionären Denker, sampelt sie mit dem Erlebten von „El Borugo“, mit Erinnerungen und anderen Quellen. „Das hat nichts mit dem Dokumentartheater zu tun, wie es derzeit in Deutschland so gefragt ist“, sagt Rolf Abderhalden. Es gehe um einen Seelen- und Geisteszustand, für den sie Bilder, Räume und Klänge finden, so die Schwester. Das Widersprüchliche, die Reibungen sollen spürbar sein. Ihre Kunst sei „unterwegs“, sagen die Geschwister – in jeder Hinsicht. Das Theater geht zu den Menschen, es kann zwischen den Ruinen eines Stadtviertels stattfinden oder im Dschungel. Es kann, wie jetzt Ausflüsse aus „La Despedida“, Kunst für ein Museum werden. Und aus der letzten Szene mit Marx ist schon ein neues Projekt geworden: Es wird um die Minen gehen und um das Gold, mit dem Kriege finanziert werden.

          „La Despedida“

          „La Despedida“ ist heute und morgen von jeweils 20 Uhr an im Frankfurter Mousonturm zu sehen.

          Weitere Themen

          Bauschutt oder giftige Abfälle

          Deponie in Steinbruch geplant : Bauschutt oder giftige Abfälle

          Läuft alles nach Plan der Stadt, könnte in einem Mainzer Steinbruch eine etwa elf Hektar große Sondermülldeponie in zwei bis drei Jahren eröffnet werden. Doch Anwohner wehren sich dagegen. Sie haben Angst vor möglichen Giften.

          Feldmann in Not, Frankfurt im Bild, Flörsheim ohne Angst

          F.A.Z.-Hauptwache : Feldmann in Not, Frankfurt im Bild, Flörsheim ohne Angst

          Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann könnte seiner Frau ein ungewöhnlich hohes Gehalt beschafft haben. Frankfurt will junge Touristen locken – dabei setzt die Stadt auf Orte, an denen diese bequem Bilder für Instagram schießen können. Die F.A.Z.-Hauptwache.

          Die CDU kehrt zusammen

          Nach internem Streit : Die CDU kehrt zusammen

          Seit zwei Jahren kommt die CDU im Frankfurter Nordend nicht zur Ruhe. Jetzt gibt es schon wieder einen neuen Vorsitzenden. Und alle hoffen, dass es bald besser wird.

          Topmeldungen

          Emmanuel Macron und Angela Merkel Ende Oktober bei der Amtseinführung von Christine Lagarde als Präsidentin der Europäischen Zentralbank

          Europäische Souveränität : Macrons Schockstrategie

          Kanzlerin Merkel hat Macrons „Rundumschlag“ kritisiert. Doch der Führungsanspruch des Franzosen wirkt nur deshalb so übermächtig, weil der deutsche Ausgleich fehlt.
          Wie bei Dagobert Duck: Viele Aktivisten demonstrieren schon lange für das bedingungslose Grundeinkommen, wie hier bei einer Aktion 2013 in Zürich.

          Österreich entscheidet : Kommt das bedingungslose Grundeinkommen?

          Eine Privatinitiative fordert ein monatliches Grundeinkommen von 1200 Euro. Sollte das Volksbegehren Erfolg haben, muss sich das Parlament mit dem Thema beschäftigen. Die Kosten wären höher als der gesamte Bundeshaushalt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.