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„The Wall“ in Frankfurt : Der Mauerfall

  • -Aktualisiert am

Arbeitet auch mit 70 noch am Mauerfall: Roger Waters in der Frankfurter Arena Bild: Cunitz, Sebastian

Mit monumentalen Mitteln gegen Krieg, Angst und Elend: Roger Waters mit „The Wall“ in der Frankfurter Commerzbank Arena.

          Vor der umfangreichen Tournee ließ Roger Waters wissen: „Es könnte durchaus sein, dass ich ,The Wall’ das letzte Mal aufführe.“ Gut möglich, dass das ehemalige Gründungsmitglied von Pink Floyd, das sich 1985 in einem bis heute schwelenden Streit von seinen Bandkollegen trennte, Wort hält. Immerhin 70 Jahre alt wird der noch immer athletisch-schlanke und mit vollem Haarschopf ergraute Waters nächsten Monat. Vage Andeutungen über die künstliche Verknappung eines seit Jahrzehnten geschätzten Markenprodukts wie „The Wall“ sind im Schaugeschäft allerdings Usus und kurbeln gewiss den Kartenvorverkauf an.

          Etwa 28.500 Zuschauer tummeln sich auf drei Tribünen sowie im Innenraum der Frankfurter Commerzbank Arena. Stets den Blick auf das Unfassbare gerichtet: Eine mehr als 70 Meter in der Breite und elf Meter in der Höhe messende und zur Bühnenmitte hin noch offene Mauer. Mythenumranktes Hauptrequisit vom Konzeptwerk „The Wall“, das sich nach dem Absatzrenner „The Dark Side Of The Moon“ weltweit als zweitbestverkauftes Album von Pink Floyd bis heute etwa 33 Millionen Mal absetzen ließ.

          Vieldeutige Metapher

          Vollendet wird die imposante Wand, die als praktische Projektionsfläche für Videoclipanimationen wie als vieldeutige Metapher dient, in unmerklichen Etappen. Zahllose unsichtbare Helferhände legen mit an, um die Wand aus vorgefertigten rechteckigen Styroporquadern, die nahtlos ineinanderpassen, bis zum Ende des ersten Sets fertigzustellen. Zur halbstündigen Pause hat das Publikum schon diverse akustische wie visuelle Extravaganzen hinter sich gebracht: Funkensprühende Pyromanie, ein ins Mauerwerk mit viel Getöse krachender Sturzkampfbomber, ein lokaler Jugendchor mit den legendären Zeilen „We don’t need no education“, eine an Fäden hängende gigantische Lehrerkarikatur sowie eine ebenso aufblasbare Mutterfigur.

          Mittendrin im bombastischen Pomp von „The Wall“ agiert der ganz in Schwarz zu weißen Turnschuhen gekleidete Roger Waters. Sichtlich wohl fühlt er sich in der Rolle des von allen Seiten gebeutelten Musikers Pink. Ein konfliktbeladener Kontaktscheuer, der zum Chefagitator einer faschistischen Partei aufsteigt - zumindest in Teilen basiert die Gesichte auf Waters eigener Biografie. Inklusive tyrannischen Diktatorengehabes, wenn man den Aussagen der ehemaligen Bandkollegen von Pink Floyd Glauben schenken darf.

          Regelrechter Augenschmaus

          Inbrünstig wettert der von einem Dutzend Musikern begleitete Brite gegen Krieg, Angst, Verelendung, Verrohung und Rassismus. Untermalt von den Hymnen „Another Brick In The Wall“, „Comfortably Numb“ und „Run Like Hell“. Um seinen pazifistischen Standpunkt möglichst kontrovers klarzumachen, regnen in Projektionen aus Kampfflugzeugen anstatt Bomben Dollarzeichen, Davidssterne, Kreuze, Hammer und Sichel sowie Stern und Halbmond. Zur halbstündigen Pause werden Aberhunderte von Fotos mit Kurzbiographien von im Krieg getöteter Menschen auf das Styropormahnmal projiziert. „Hey You“ eröffnet hinter komplett geschlossenem Mauerwerk die zweite Hälfte, es folgt die rhetorische Frage; „Is There Anybody Out There?“ Für „Nobody Home“ klappt aus der Mauer ein perfekt eingerichtetes Hotelzimmer heraus, wo Roger Waters gemütlich im Sessel Platz nimmt. Ein fliegender Eber durchmisst die Saaldecke.

          Als regelrechter Augenschmaus erweisen sich diverse Trickfilme von Karikaturist, Illustrator und Bühnenbildner Gerald Scarfe, der schon am Original beteiligt war. Zum Finale das Unvermeidliche: Kontrolliert kollabiert das Ungetüm genauso elegant wie einst bei der Uraufführungstournee von Pink Floyd vor 33 Jahren. Bis 2010 „The Wall Live“ startete, hatte Roger Waters sein Konzept nur noch ein weiteres Mal auf der Bühne realisiert: zur Wiedervereinigung Deutschlands 1990 in Berlin.

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