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The Boss Hoss in Frankfurt : Erst die Hobos, dann die Cowboys

  • -Aktualisiert am

The Boss Hoss: Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer in der Frankfurter Festhalle Bild: Michael Kretzer

The BossHoss gastieren im 15. Karrierejahr erstmals in der Frankfurter Festhalle. Das Konzert ist eine solide Werkschau mit einem erstaunlich klaren Klangbild und – mit einer Überraschung.

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          Welcher Konzertgänger kennt die Situation nicht? Da startet im Innenraum zwar der Support Act, aber im Hallenfoyer und vor der Tür in der Raucherecke tummeln sich jede Menge Besucher. Etwas geringschätzig beurteilt wird das Vorprogramm auch von denen, die gelangweilt in der Halle zuhören und immer mal wieder mit ungeduldigem Blick auf die Uhr schauen, wann denn endlich die abendliche Hauptattraktion startet.

          Auch in der Frankfurter Festhalle lässt sich dieses Phänomen beobachten. Eben lief über die beiden rechts und links unter der Hallendecke angebrachten Riesenbildschirme noch Werbung über den neuen Online-Shop auf der Website von The BossHoss. Da geht plötzlich das Licht aus. Als die Suchscheinwerfer die Bühne anleuchten, machen sich da zwei urige ältere Typen breit. Beide schlohweiß, mit ellenlangen Bärten. Einer sitzt am Schlagzeug, der andere hockt ebenfalls auf einem Hocker und schnallt sich gerade eine reichlich seltsame Gitarre um. „I am Steve“, sagt der mit der kastenförmigen Gitarre und deutet auf den Kollegen am Schlagzeug, „and this is Dan“.

          Blues und Boogie in reiner Urform

          Gelegentlich murmelt Steve mit knurrigem Bariton Kryptisches wie „It’s a piece of shit.“ Als das Duo loslegt, bleiben viele Besucher wie angewurzelt stehen, manchen geht sprichwörtlich die Kinnlade runter. Ertönen Blues und Boogie doch unglaublich mitreißend in reiner Urform. Eine Dreiviertelstunde lang geht das so. Steve und Dan hauen einen Hammerkracher nach dem anderen raus. Steve erweist sich als Virtuose am Bottleneck. Für jeden Song lässt er sich eine andere exotische Gitarre Marke Eigenbau reichen. Steve ist freilich kein Unbekannter mehr. Seit 2004 hat Steve Wold, den alle Welt als Seasick Steve kennt, neun hochgeschätzte Studioalben veröffentlicht. Seine Vita klingt wie das Drehbuch zu einem Roadmovie.

          Geboren sein soll er im kalifornischen Oakland um 1940/41, den größten Teil seines Lebens als Hobo zugebracht haben. Zweifel am Wahrheitsgehalt sind durchaus angebracht, aber der Wanderarbeiter-Mythos, von dem Steve selbst sagt: „Hobos sind Menschen, die herumreisen, um Arbeit zu finden, Tramps befinden sich ebenfalls auf der Walz, haben aber keine Lust zu arbeiten, und Faulenzer wiederum möchten weder reisen noch arbeiten – ich lebte schon alle drei Inkarnationen“, ist einfach zu verführerisch als Künstlerbiographie. Werbung für seine Gönner macht Seasick Steve auch: „The BossHoss are one of the best bands in the world“, lobpreist er sie.

          „The Real BossHoss“

          Eine halbe Stunde später können The BossHoss beweisen, das der seekranke Stefan nur ein wenig übertrieben hat. Als Intro läuft jener Song, der 2004 den Werbegrafikern Sascha Vollmer, Michael Frick und Alec Völkel den Bandnamen lieferte: „The Real BossHoss“, ein Garagen-Beat-Kracher der Band The Sonics. Entgegen allen Vorhersagen, dass das vom Trio ausgekungelte Konzept, als Cowboys internationale Hits in Country-and-Western-Manier zu covern, gerade mal anderthalb Alben lang taugen würde, gastieren The BossHoss im 15. Karrierejahr immerhin erstmals in der Frankfurter Festhalle. Davor machten sie immer in kleineren Lokalitäten Station.

          Auch im Rest der Republik ließen sich bei der aktuellen Tournee die Großarenen füllen. Einerseits liegt das sicherlich an der urig urwüchsigen Art, wie die stimmlich ausgezeichneten Alpha-Rüden Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer sich zwei Stunden lang vor herrlich authentischer Western-Kulisse inklusive Bar ins Zeug legen, den Cowboy-Lollo raushängen lassen und mit einer um ein Blechbläsertrio erweiterten Zehn-Mann-Formation so tun, als spielten sie bei einem Rodeo im texanischen San Antonio auf. Zumal das erweiterte Konzept mit eigenen Songs von Vollmer nunmehr auch Rockabilly, Hardrock, Blues, Boogie und Garagen-Beat gestattet. Andererseits sollte das gewiefte Marketing nicht außer Acht gelassen werden, das Völkel und Vollmer vollendet betreiben.

          Seit 2011 verdingt sich das perfekte Entertainer-Duo als Coaches bei der populären Castingshow „The Voice Of Germany“. Seit 2018 auch bei den Ablegern „The Voice Senior“, seit 2019 bei „The Voice Kids“. Als Gastgeber fungierten sie zudem in der vierten Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“. Da tummeln sich in der Festhalle nicht wenige Besucher, die mal die beiden lustigen Berliner Cowboys aus dem Fernsehen live erleben möchten. Zu erleben ist eine solide Werkschau in einem für Festhallen-Verhältnisse erstaunlich klaren Klangbild. Auch für den Einsatz von meterhohen Flammensäulen ist sich das Ensemble nicht zu schade. Für gute Laune sorgt aus dem Publikum auf die Bühne verfrachtete holde Weiblichkeit. Alec Völkel wagt sich zum Ende des Spektakels gar minutenlang als bis auf die hautengen schwarzen Jeans seiner Klamotten entledigter Crowd Surfer in die Menge.

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