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Strengere Richtlinien für Mode : Textilbündnis entzweit heimische Modehändler

Vorreiter: Hess Natur sieht den Beitritt zum geplanten Textilbündnis der Bundesregierung als „logisch und konsequent“ an. Bild: Sick, Cornelia

Die Bundesregierung will Modehändler zu strengen Richtlinien für die Produktion im Ausland verpflichten. Hess Natur aus Butzbach tritt dem geplanten Textilbündnis bei - die Manager der Adler Modemärkte in Haibach bei Aschaffenburg aber zögern.

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          Sie gingen um die Welt und sorgten auch in Rhein-Main für Entsetzen: die Bilder der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch. 1127 Frauen und Männer kamen im April vergangenen Jahres in den Trümmern des neungeschossigen Betonbaus ums Leben. Der schwerste Unfall dieser Art in der Geschichte des asiatischen Landes warf ein grelles Licht auf die Arbeitsbedingungen der Näherinnen, die trotz Rissen in den Mauern von den Betreibern an die Nähmaschinen gezwungen worden waren. Anderthalb Jahre später will Gerd Müller (CSU) als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die deutsche Modebranche auf klare, strenge Richtlinien für die Produktion im Ausland verpflichten - als eine Folge der Diskussion über die Textilproduktion in Billiglohnländern und die Frage, welche Rolle deutsche Modehändler in diesem Geschäft spielen. Doch die Branche zeigt sich gespalten. Auch in Rhein-Main.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Morgen will der Minister sein „Bündnis für nachhaltige Textilien“ trotz der Kritik von Handelsverbänden vorstellen. Auf ein Mitglied aus Hessen kann er dabei fest zählen. Der Ökomode-Pionier Hess Natur mit Sitz in Butzbach hat die Beitrittserklärung zu Müllers Bündnis unterschrieben. Das Bündnis soll schrittweise eine ökologisch und sozial verantwortungsbewusste Produktion sicherstellen - und zwar entlang der gesamten Lieferkette. Also vom Baumwollfeld bis ins Regal, wie Müller gerne sagt. Das wiederum passt zum erklärten Selbstverständnis der Hess Natur-Textilien GmbH.

          Beitritt von Hess „logisch“

          Das Unternehmen garantiert die gesundheits- und umweltgerechte Herstellung, vom Anbau der Fasern über die Veredlung bis hin zum fertigen Kleidungsstück, wie es in Butzbach heißt. Die verwendete Baumwolle stamme vollständig aus kontrolliert biologischem Anbau, die Wolle aus entsprechender Tierhaltung. Chlorbleiche ist in der Produktion ebenso tabu wie Kinderarbeit. Beschäftigte von Zulieferern etwa in Asien, Osteuropa und der Türkei würden gerecht entlohnt und hätten geregelte Arbeitszeiten, wie die Internationale Arbeitsorganisation es fordere. Die Fair Wear Foundation („Organisation für faire Kleidung“) überwache regelmäßig die Einhaltung der Vorgaben. Ökologisch saubere und sozial fair hergestellte Mode sei der Impuls zur Gründung der Firma gewesen.

          Vor diesem Hintergrund sei der Beitritt zu Müllers Textilbündnis für Hess Natur „logisch und konsequent“, heißt es. Die Initiative des Ministers biete die große Chance, die gesamte Textilproduktion menschlicher und umweltfreundlicher zu gestalten, meint Marc Sommer, der Vorsitzende der Geschäftsführung.

          Adler: Aktionsplan „unrealistisch“

          Der Outdoormode-Anbieter Jack Wolfskin aus Idstein hat sich der Initiative des Ministeriums „noch nicht ausreichend inhaltlich auseinandergesetzt, um dazu Stellung nehmen zu können“. Die Firma unterstütze aber generell jede sinnvolle Initiative, die zu einer Verbesserung und höherer Transparenz bei den Produktionsbedungungen führe.

          Jack Wolfskin erfülle als langjähriges Mitglied in der Fair Wear Association höchste Anforderungen bezüglich der sozialen und fairen Produktionsbedingungen. „Hierzu berichten wir regelmässig, transparent und umfassend. Gleiches tun wir im Bereich Chemiekalienmanagement in der Produktion. Hier sind wir unter anderem als einziges Outdoorunternehmen Mitglied der ZDHC“, teilt das Unternehmen mit.

          Deutlich zurückhaltender als Hess Natur äußert sich das Management der börsennotierten Adler Modemärkte in Haibach nahe Aschaffenburg. Wie ein Sprecher sagt, schließt sich das Unternehmen „vollinhaltlich“ der Erklärung des Handelsverbands Deutschland vom 10. Oktober an. Darin bezeichnet der Verband das Textilbündnis als noch nicht entscheidungsreif. Der Einzelhandel bekenne zwar sich „zu seinem Beitrag für die soziale und ökologische Gestaltung der globalen textilen Wertschöpfungskette“, versichert der kurz HDE genannte Verband. Eine wie von Müller beabsichtigte lückenlose Überwachung aller Produktionsstufen sei aber unrealistisch. Und mehrere soziale und ökologische Vorgaben könnten nicht verpflichtend und vollständig in die Tat umgesetzt werden.

          Hess Natur will sich profilieren

          Wie ein Sprecher erläutert, stößt sich die Organisation daran, dass der Minister teilweise „Best-of-Standards“ wolle. Aus Sicht des HDE seien aber vielmehr Mindeststandards sinnvoll, um zum Beispiel auch all jene Modehändler für das Bündnis zu gewinnen, die ihre Ware über Einkaufsverbünde bezögen und selbst gar nicht in Asien vertreten seien. Es zur Pflicht der Unternehmen zu machen, Arbeitsverträge im Ausland zu schließen, gehe zu weit. Dies sei nicht einmal nach deutschem Recht erforderlich. Außerdem könnten problematische Chemikalien nicht einfach aus der Produktion verbannt werden, wie es Müller wolle. Denn nicht jeder Stoff könne umgehend ersetzt werden. Andernfalls ließen sich manche Textilien nicht mehr herstellen.

          Überdies mag sich der HDE nicht mit einem deutschen Alleingang anfreunden. Um die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken zu verbessern, müsse der Bund im Schulterschluss mit anderen Industrieländern die Regierung des jeweiligen Landes in die Verantwortung nehmen. Um dessen ungeachtet das Textilbündnis zu schließen, müsse der Aktionsplan überarbeitet werden, meint der Verband. Nötig seien Prioritäten und ein realistischer Zeitplan.

          Die Chefetage von Hess Natur ficht diese Kritik aus der eigenen Branche aber nicht an. Vielmehr sehen die zu einem Schweizer Finanzinvestor gehörenden Wetterauer das Bündnis als Möglichkeit an, sich im Wettbewerb zu profilieren: Eine qualitativ hochwertige Produktion von Mode in Verantwortung sei möglich, sagt Firmenchef Sommer.

          Schwache Resonanz auf Textilbündis-Einladung

          Trotz schwacher Resonanz aus der Industrie hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sein schon vor Monaten angekündigtes Bündnis gegen die Ausbeutung von Textilarbeitern im Ausland gegründet.

          Ziel der Initiative, der sich bisher 29 Firmen und Verbände angeschlossen haben, ist es, soziale und ökologische Mindeststandards in der Lieferkette durchzusetzen - vom Baumwollfeld bis zum fertigen Kleidungsstück.

          «Geiz ist geil, das kann nicht der Weg sein, nicht für Verbraucher und auch nicht für den Handel», sagte Müller am Donnerstag in Berlin. Wer nicht bereit sei, einen Euro mehr für seine Jeans zu bezahlen, trage Mitschuld am elenden Schicksal von Textilarbeitern in Staaten wie Bangladesch und Kambodscha.

          «Es gibt eine soziale Verantwortung sowohl bei den Unternehmen, aber auch eine soziale Verantwortung bei den Konsumenten», erklärte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann. «Geiz ist nicht geil, Geiz ist dumm», fügte er hinzu.

          Mehr als die Hälfte der Firmen und Verbände, die Müller für seinen Pakt hatte gewinnen wollte, traten dem Bündnis nicht bei. Sie erklärten, sie könnten nicht jeden Produktionsschritt bei ihren Lieferanten und Subunternehmern im Ausland komplett überwachen.

          Die Umweltschutzorganisation Greenpeace distanzierte sich von dem Bündnis, weil es kein generelles Verbot für den Einsatz giftiger Chemikalien beinhaltet. (dpa)

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