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Kurse zur Examensvorbereitung : Das Geschäft mit der Angst

Lehre gegen Geld: Heinfried Hahn ist Dozent beim Repetitorium Hemmer. Er unterrichtet seit 20 Jahren Examenskandidaten. Die Konkurrenz zwischen universitären und kommerziellen Repetitorien hält Hahn für „befruchtend“. Bild: Junker, Patrick

Viele Jurastudenten lernen bei einem kommerziellen Repetitor für das Examen. Die Uni Frankfurt bietet eine unentgeltliche Vorbereitung an. Doch die Macht der Tradition ist stärker.

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          „Im hessischen Examen ist das der Dauerbrenner, den müsst ihr unbedingt verstanden haben!“ Heinfried Hahn blickt in müde, aber in diesem Moment dann doch konzentrierte Gesichter. Er ist Dozent des juristischen Repetitoriums Hemmer. An diesem Montagvormittag geht es im Frankfurter Kurs um die Gesamtschuld, ein beliebtes Examensthema aus dem Zivilrecht. Gut 35 Studenten sitzen im Unterrichtsraum, vor ihnen liegen die großen roten Gesetzessammlungen. In schnellem Tempo geht Hahn die Grundlagen und Probleme des neuen Themas durch. Er kennt die Kursteilnehmer beim Namen, stellt ihnen Fragen und lässt sie aus dem Gesetz vorlesen. Mindestens ein Jahr lang besuchen die Studenten den Kurs montags bis mittwochs. Einmal in der Woche testen sie ihr Wissen außerdem in einer Probeklausur. Monatlich kostet das alles 160 Euro.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Repetitorien für Jurastudenten gibt es schon sehr lange. Sie verbreiteten sich im 18. Jahrhundert mit der Einführung des Berufsbeamtentums und der Examina in Preußen. Schon Goethe und Bismarck gingen zum Repetitor, und noch heute werben die Anbieter mit der Tradition. Sie suggerieren, nur nach dem Gang zum „Rep“ sei das Examen zu bewältigen. Viele Universitäten sehen das kritisch, boten bisher aber kaum bessere Lösungen an. Ganz ohne ein Repetitorium - ob kommerziell oder universitär - ist die Staatsprüfung aber kaum zu schaffen. Das Lernpensum ist groß, und die Vorbereitung dauert lange. Darüber hinaus sind die Studenten ohne Unterstützung in der Regel nicht genügend darauf vorbereitet, ihr Wissen in den Prüfungen anzuwenden. Sofern die Universitäten keine entsprechenden Strukturen schaffen, liegt der Gang zum Repetitor deshalb nahe.

          Unirep stetig weiterentwickelt

          Am Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität versucht man seit gut sechs Jahren, Abhilfe zu schaffen. Seit dem Wintersemester 2010 gibt es dort ein Uni-Repetitorium. An drei Vormittagen in der Woche unterrichten Professoren und Dozenten, die eigens dafür eingestellt wurden, den Examensstoff. Jeden Freitag können die Studenten außerdem eine Klausur unter Examensbedingungen schreiben, die sie korrigiert zurückbekommen. Alles unentgeltlich.

          „Das Unirep ist für uns eine Frage der Ehre“, sagt Guido Pfeifer. Er ist der Studiendekan des Fachbereichs. Man wolle dem latenten Vorwurf begegnen, die juristischen Fakultäten seien nicht in der Lage, ihre Studenten selbst auf das Examen vorzubereiten. „In der Konkurrenz zu kommerziellen Repetitorien können wir nur mit Qualität überzeugen“, meint Pfeifer. Seit der Einführung wurde das Angebot deshalb stetig weiterentwickelt. Es gibt Simulationen mündlicher Prüfungen, und Prüfer berichten vom Ablauf der Examina. Hinzu kommt eine psychologische Betreuung. „Schließlich hat die Examensvorbereitung viel mit Psychologie zu tun“, sagt Pfeifer.

          Nicht ausreichend betreut gefühlt

          Trotz dieser scheinbar guten Voraussetzungen vertraut die Mehrheit der Frankfurter Studenten noch immer auf Unternehmen wie Hemmer oder Alpmann Schmidt. Eine von der Uni initiierte Befragung im Wintersemester 2012 ergab, dass damals zwar immerhin 30 Prozent der Examenskandidaten zum Uni-Repetitorium gingen. 44 Prozent setzten aber weiterhin auf kommerzielle Anbieter. Die übrigen Studenten bereiteten sich auf andere Art vor. Bis heute stellen die privaten Repetitorien keinen Rückgang der Teilnehmerzahlen fest. „In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage bei uns sogar gestiegen“, sagt Heinfried Hahn. Er hält die Konkurrenz mit der Uni für „befruchtend“. Wettbewerb belebe das Geschäft, und die Gewinner seien die Studenten. Auch bei Alpmann Schmidt ist von rückläufigen Zahlen keine Rede.

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